Lebensqualität 09.12.2011, 12:03 Uhr

Deutschland belegt Platz 5 im Fortschrittsindex 2011

Deutschland belegt Platz 5 im Fortschrittsindex 2011 einer Frankfurter Denkfabrik. Gemessen wird nicht die Wirtschaftsleistung, sondern Einkommen, Gesundheit, Bildung und der ökologische Fußabdruck.

„Den Menschen in OECD-Staaten geht es besser als vor zehn Jahren“, sagt Stefan Bergheim. Zu diesem Schluss kommt der Volkswirt, der die Frankfurter Denkfabrik „Zentrum für gesellschaftlichen Fortschritt“ leitet, mit seinem zweiten Fortschrittsindex. Er hat dazu die Lebensqualität in 22 OECD-Staaten verglichen.

Am besten lebten 2009 danach Norweger, Schweden und Schweizer. Deutsche folgen hinter Japanern auf Platz 5. Damit hat sich Deutschland im Vergleich zu 1990 um elf Plätze verbessert. Bergheim kennt drei Gründe: „Da sind der deutliche Anstieg des mittleren Ausbildungsniveaus und auch der Lebenserwartung Neugeborener sowie die leicht gesunkene Umweltbelastung.“

Fortschrittsindex: Lebensqualität in Deutschland hat sich gegenüber 1990 deutlich erhöht

Bergheim baut auf vier Parameter (siehe Kasten). Die ersten drei – Einkommen, Gesundheit und Bildung – machen 80 %, der ökologische Fußabdruck 20 % aus. Im Vergleich zum ersten Index 2010 änderte Bergheim die Auswertung in einem Punkt. Er liest den Bildungsstand nicht mehr an der Quote der Menschen, die zur Schule gehen und studieren, ab. Er orientiert sich stattdessen an den Vereinten Nationen, die das Bildungsniveau in ihrem „Index der menschlichen Entwicklung“ seit 2010 an der Länge der Ausbildung messen.

Diese Anpassung hat Folgen: Nach der alten Methodik würde Deutschland im Fortschrittsranking statt Platz 5 nur Platz 18 belegen. Das liege daran, so Bergheim, dass in den 70er- und 80er-Jahren mehr Bürger studiert haben als früher. Das führte zu einer recht langen durchschnittlichen Ausbildung. Doch das Bild ist komplex und sollte nicht dazu führen, weniger über ein besseres Bildungssystem nachzudenken. Zum einen wirken sich die zuletzt stagnierenden Schüler- und Studierendenquoten im Ranking noch kaum aus. Und an sich sollte zusätzlich zur Länge der Ausbildung auch deren Qualität gemessen werden, so Bergheim. Er ergänzt mit Blick auf die Pisa-Ergebnisse, dass das dazu führen könnte, dass das deutsche Ranking weniger gut ausfällt.

Deutschland: Fortschrittsindex als mögliches Instrument für die Politik

Eigentlich will Bergheim, der früher für die Finanzinstitute Merrill Lynch, JP Morgan und die Deutsche Bank gearbeitet hat, aber nicht mit Statistiken und Fußabdrücken jonglieren. Er sieht für Fortschrittsindizes einen wichtigen Platz in der Politik. „Sie können helfen, über eine wünschenswerte Zukunft zu diskutieren.“ Indizes müssen dazu die für Menschen vor Ort wichtigen Aspekte abbilden. Zuerst müssen also Bürger selbst gefragt werden. Hier sieht der Volkswirt Nachholbedarf. So lasse der „Neue Wohlfahrtsindex“ der Grünen in Schleswig-Holstein nicht nur Aspekte der Gesundheit und Bildung außen vor, er sei auch nur von Fachleuten entwickelt worden. Bergheim weiß, dass sein eigener Index hier seinen Ansprüchen nicht genügt. „Der Index ist aber nach wie vor der einzige, der ökonomische, soziale und ökologische Aspekte des Fortschritts zusammenfasst und als Zeitreihe für mehrere reiche Länder vorliegt.“ Der Fachmann hofft aber, dass sein Index aufmerksam und neugierig macht – und er verweist auf Vorbilder.

In der Gemeinde Jacksonville in Florida existieren seit 1985 Indikatoren für Lebensqualität. Das hat damals die dortige Industrie- und Handelskammer initiiert. Ein 20-köpfiges ehrenamtliches Komitee wertet jährlich mehr als 100 Indikatoren aus, die lokale Politik greift benannte Probleme auf. Davon angeregt rief US-Präsident Obama Ende 2010 eine achtköpfige Kommission für nationale Schlüsselindikatoren ins Leben. Sie soll Kriterien entwickeln, um die Suche nach gesellschaftlichen Zielen zu erleichtern. In Europa sind die Briten am weitesten. Premier David Cameron hat im November 2010 das Statistikamt ONS beauftragt, das Wohlergehen der Bürger zu messen. Das „Office for National Statistics“ fragte viele Bürger und hat sogar allein erziehende Mütter über Internetplattformen angesprochen. Das Ergebnis: Briten sind Freundschaften, Gesundheit und Zufriedenheit am Arbeitsplatz wichtig. Das Statistikamt erarbeitet jetzt die Indikatoren für das Wohlergehen.

Zwischen Fortschrittsindex und Fortschrittsindikator: Lebensqualität in Deutschland vergleichbar machen

Die britischen Aktivitäten sollten auch die Enquete-Kommission des Bundestages zu Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität, die einen Wohlstands- und Fortschrittsindikator für Deutschland entwickeln soll, inspirieren, hofft Bergheim. „Bislang ist die Kommission kaum mehr als ein Gremium, in dem parteipolitische Aussagen getätigt werden.“ Und es fehle ein Konzept, mit Bürgern zu sprechen.

 

 

  • Ralph H. Ahrens

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