Experiment für Marsmission 29.08.2016, 13:48 Uhr

Ohne Mord und Totschlag: Sechs Astronauten eingesperrt in Kapsel auf Hawaii

Es hätte so schön sein können: Die 11 m große Kuppel stand auf halber Höhe des Vulkans Mauna Loa auf Hawaii. Nicht weit von Pazifik, Traumständen und Buchten. Doch die sechs Bewohner hatten dafür keine Zeit: Sie simulierten in der Kuppel das Leben auf dem Mars. Ein Jahr eingesperrt.

Christiane Heinicke vor der Marsstation auf Hawaii: Ein Jahr lang lebte die Forscherin der TU Ilmenau in der Station, um eine mehrjährige Marsmission zu simulieren.

Christiane Heinicke vor der Marsstation auf Hawaii: Ein Jahr lang lebte die Forscherin der TU Ilmenau in der Station, um eine mehrjährige Marsmission zu simulieren.

Foto: Carmel Johnson/TU Ilmenau

Die Extremsituation, 365 Tage lang 24 Stunden am Tag auf engstem Raum zusammenzuleben, haben die sechs virtuellen Marsbewohner an ihre Grenzen geführt, berichtet Christiane Heinicke, die auf Hawaii mit an Bord war. Die 30-jährige Wissenschaftlerin, die an der TU Ilmenau in Strömungsmechanik promoviert hat, gehörte zu der Crew aus drei Frauen und drei Männern aus vier Ländern, die herausfinden sollte, ob eine mehrjährige Marsmission auch an Streit und Problemen der Astronauten scheitern kann.

Es war die längste Marssimulation dieser Art, die am Wochenende zu Ende gegangen ist. Erstmals können die Bewohner wieder im Pazifik baden und frische Luft atmen.

Leben auf 11 m im Durchmesser

Die kuppelförmige Raumkapsel mit 11 m Durchmesser war ein Jahr lang das Zuhause der sechs Wissenschaftler in 2500 m Höhe auf dem Rücken des Vulkans Mauna Loa. Heinicke und ihre fünf Kollegen waren nach einem strengen Auswahlverfahren für die Hawaii Space Exploration Analog and Simulation Mission (HI-SEAS) ausgesucht worden. Finanziert wurde die Mission von der amerikanischen Weltraumagentur NASA und durchgeführt von der University of Hawaii.

Die Raumstation, in der drei Frauen und drei Männer ein Jahr lang auf engstem Raum zusammen gelebt haben, stand in einer Lava-Landschaft auf Hawaii. 

Die Raumstation, in der drei Frauen und drei Männer ein Jahr lang auf engstem Raum zusammen gelebt haben, stand in einer Lava-Landschaft auf Hawaii. 

Foto: Universtität von Hawaii

Leben mussten die sechs „Astronauten“ in einem abgeschlossenen Kuppelbau. Im Erdgeschoss standen neben Küche, Essplatz und Bad auch ein Labor und eine Fitness-Ecke zur Verfügung. Auf der ersten Etage lagen sechs Schlafräume dicht nebeneinander. Angrenzend an die Wohnkuppel gab es außerdem eine Werkstatt, eingerichtet in einem ehemaligen Schiffscontainer. Der Lebensraum glich einer wissenschaftlichen Station, wie sie auf dem Mars entstehen könnte.

Und an den Mars waren auch alle Lebensbedingungen angepasst. Es gab kein Wasser in Hülle und Fülle, auch kein frisches Gemüse, nicht mal ein Anruf nach Hause war möglich. Denn die schwierige Kommunikation zwischen Mars und Erde wurde auch in der Versuchskapsel auf Hawaii simuliert: Jedes Signal wurde um 20 Minuten verzögert, denn die Entfernung zwischen Mars und Erde schwankt zwischen 56 und 102 Millionen Kilometern. Entsprechend lang sind die Funksignale unterwegs. Ein Telefonat ist da unmöglich.

Außeneinsätze in karger „Marslandschaft“ mit Raumanzug

Zweimal in der Woche erkundeten die Wissenschaftler für vier Stunden die Umgebung. Allerdings nicht in luftiger Sommerkleidung. Wollten sie die Kuppel für einen Außeneinsatz verlassen, mussten die Forscher einen Raumanzug tragen. Auf Hawaii wohlgemerkt, inmitten der aus Lava bestehenden Umgebung.

In 30 kg schweren Raumanzügen waren die

In 30 kg schweren Raumanzügen waren die „Astronauten“ auch außerhalb der Station unterwegs. 

Foto: Christiane Heinicke/TU Ilmenau

So ein Raumanzug wiegt 30 kg und schränkt die Bewegungsfreiheit stark ein. Und wirklich „draußen“ waren die Marsbewohner auch nicht. Obwohl sie unter freiem Himmel waren, spürten sie nicht die Sonne oder den Wind auf der Haut. Jeder Stein, den sie anfassten, fühlte sich genau gleich an: wie die Innenseite ihres Handschuhs.

Ernährt hat sich die Crew ausschließlich von haltbaren Lebensmitteln, vor allem gefriergetrocknetem Gemüse und Fleisch, Nudeln und Reis. „Obwohl Gefriergetrocknetes nicht schlecht schmeckt, freue ich mich riesig auf frisches Obst und Gemüse, insbesondere Gurken und Tomaten, die wir hier praktisch nicht hatten“, so Heinicke. „Unsere selbst angebauten Stauden haben in dem ganzen Jahr vielleicht 20 kleine Tomätchen abgegeben.“ Ganz schön wenig für ein ganzes Jahr.

100 Liter Wasser in einem Jahr aus 1 m2 Lavaboden

Gegossen wurde das angebaute Gemüse zum Teil mit selbst gewonnenem Wasser. Eines der wissenschaftlichen Experimente von Christiane Heinicke war es, Wasser aus dem Lavaboden des Mauna-Loa-Vulkans zu gewinnen, der einen ähnlich niedrigen Wassergehalt hat wie der Marsboden und dem roten Planeten geochemisch insgesamt sehr ähnlich ist.

Die

Die „Astronauten“ mussten sich ein Jahr lang von Trockenprodukten ernähren. Die eigene Tomatenzucht lieferte nur kärgliche Ergebnisse.

Foto: Universität von Hawaii

Das Projekt sollte zeigen, dass dies überhaupt möglich ist. „Über das gesamte Jahr habe ich grob geschätzt 100 Liter Wasser gewonnen – aus einem einzigen Quadratmeter. Auf dem Mars könnte man natürlich eine größere Anlage bauen.“

Neben diesen technischen Experimenten ging es aber auch um Fragen des menschlichen Zusammenlebens. Wie entwickelt sich das Verhalten der Crewmitglieder zueinander, wenn sie über einen langen Zeitraum in völliger Isolation auf engstem Raum zusammenleben? Wie verändert sich ihre Zusammenarbeit? Wer übernimmt welche Rolle? Wie wirken sich die extremen körperlichen und mentalen Anforderungen auf die Männer und Frauen aus?

Auch Astronauten bekommen sich in die Haare

Christiane Heinicke berichtet, dass die Gruppe schon nach wenigen Monaten auseinanderdriftete. „Während unserer routinemäßigen Besprechungen beim Abendessen gruppierten sich die immer gleichen Personen zu Streitparteien. Dann ging es zum Beispiel um die unterschiedliche Einschätzung der Gefahren während der Außeneinsätze über Lavagestein.“

Die persönlichen Räume der sechs Versuchs-Astronauten waren ausgesprochen begrenzt. Schon bald bildeten sich kleinere Gruppen, Konflikte entstanden.

Die persönlichen Räume der sechs Versuchs-Astronauten waren ausgesprochen begrenzt. Schon bald bildeten sich kleinere Gruppen, Konflikte entstanden.

Foto: Universität von Hawaii

Irgendwann seien alle Crewmitglieder an ihre Grenzen gekommen, resümiert Heinicke. Die lägen aber für jeden woanders. „Die einen erreichten die Grenzen ihres Könnens, zum Beispiel wenn Reparaturen notwendig waren, und waren auf die Hilfe der anderen angewiesen. Andere erreichten die Grenzen ihrer Geduld, wenn dasselbe, in ihren Augen absurde Streitthema wieder und wieder aufgegriffen wurde. Am Ende des Tages haben wir uns aber immer wieder zusammengerauft und auf das gemeinsame Ziel zugearbeitet: die Mission erfolgreich zu Ende zu bringen.“

Nach Missionsende: Bad im Pazifik und Barbecue

Unmittelbar nach dem Ausstieg aus dem Habitat am 28. August will Christiane Heinicke als erstes in den Pazifik springen. Am Abend werden sie und die anderen Crewmitglieder auf der Privatranch des Unternehmers Henk Rogers, der das Habitat finanziert hat, mit einem Barbecue begrüßt.

Die Daten aller wissenschaftlichen Experimente wurden Tag für Tag an die University of Hawaii weitergeleitet. Die Auswertung, aus der Berichte für die Nasa gefertigt werden, hat bereits begonnen. In einem Jahr werden die ersten wissenschaftlichen Ergebnisse veröffentlicht.

Aber wie könnte eigentlich so eine Wohnstätte auf dem Mars aussehen? Das hat die Nasa auch schon geklärt in einem Architektenwettbewerb. Gewonnen hat ein Haus aus Eis.

Übrigens müssen nicht nur die Menschen erproben, wie sie es auf dem Mars aushalten. In Kürze beginnt in der Wüste von Utah ein Test mit Marsfahrzeugen aus Deutschland. Die müssen zeigen, was sie in dem unwegsamen Gelände leisten können.

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