Jet kommt 2023 21.06.2017, 13:21 Uhr

Concorde-Nachfolger immer realistischer: Schon 76 Bestellungen

Das kleine Start-up „Boom“ könnte tatsächlich als erstes Unternehmen seit dem Ende der Concorde ein ziviles Überschallflugzeug auf den Markt bringen. Auf der Pariser Luftfahrtmesse präsentierte die US-Firma neue technische Details, Vorbestellungen von fünf Fluggesellschaften und einen weltbekannten Partner.

Oben der Baby-Boom, unten der Entwurf des Concorde-Nachfolgers Boom: 76 Bestellungen für das Passagier-Flugzeug, das zweifache Schallgeschwindigkeit erreichen soll, hat das Start-up Boom auf der Pariser Luftfahrtmesse in Le Bourget eingesammelt. 2023 soll das Flugzeug in Serie gehen.

Oben der Baby-Boom, unten der Entwurf des Concorde-Nachfolgers Boom: 76 Bestellungen für das Passagier-Flugzeug, das zweifache Schallgeschwindigkeit erreichen soll, hat das Start-up Boom auf der Pariser Luftfahrtmesse in Le Bourget eingesammelt. 2023 soll das Flugzeug in Serie gehen.

Foto: Boom

Dass ausgerechnet ein kleines Start-up mit einem Dutzend Ingenieuren in einem Hangar irgendwo südlich von Denver/Colorado den ersten Concorde-Nachfolger in die Luft bringen will, ist mehr als eine Überraschung. Bisher glaubten viele Branchenexperten, dass wohl doch eher Airbus oder Bombardier in diesem Wettlauf die Nase vorn haben würden.

Jetzt aber kündigte das Unternehmen „Boom“ auf der Pariser Luftfahrtmesse in Le Bourget an, schon im kommenden Jahr den ersten flugfähigen Prototyp bauen zu wollen. Zwar noch im Baby-Format, das genauso heißt, aber als echtes Zweisitzer-Flugzeug.

Auch der Baby-Boom wird wie die spätere Verkehrsmaschine vor allem aus Verbundstoffen gefertigt. Viele Bauteile kommen aus dem 3D-Drucker.

Auch der Baby-Boom wird wie die spätere Verkehrsmaschine vor allem aus Verbundstoffen gefertigt. Viele Bauteile kommen aus dem 3D-Drucker.

Foto: Boom

Und die Branche glaubt offenbar an das Konzept eines Überschall-Passagierflugzeuges: Für die große Maschine mit 55 Plätzen, die ab 2023 ausgeliefert werden könne, sammelte Boom in Paris 76 Bestellungen von fünf verschiedenen Kunden ein.

Namen nannte Firmenchef Blake Scholl nicht, bis auf einen: Richard Bransons Fluggesellschaft Virgin. Bransons hatte sich schon Ende 2016 an Boom beteiligt und sitzt jetzt auch im Beirat von Boom, in dem außerdem ein früherer Manager des Flugzeugherstellers Lockheed Martin und ein Ex-Astronaut vertreten sind.

Antrieb und Leitwerk verändert

Etwas spärlich bleiben die technischen Angaben zu dem Flieger, der mehr als die doppelte Schallgeschwindigkeit erreichen soll.  Ein paar Neuigkeiten gibt es aber doch: So wurde der Antrieb modifiziert, um ihn stabiler und noch leistungsstärker zu machen. Grundsätzlich erhält das Flugzeug keinen neu entwickelten Antrieb, im Gegenteil: Die Turbojet-Strahltriebwerke vom Typ J85 werden bei General Electric schon seit den 1960er Jahren gebaut. Außerdem wurde das Seitenleitwerk verändert, um die Maschine weniger anfällig für seitliche Winde zu machen.

Simulation eines Boom-Jets auf dem Flughafen Heathrow in London: Das Flugzeug soll die Strecke New York – London in dreieinhalb Stunden schaffen. 

Simulation eines Boom-Jets auf dem Flughafen Heathrow in London: Das Flugzeug soll die Strecke New York – London in dreieinhalb Stunden schaffen. 

Foto: Boom

Durchaus beeindruckend sind indes die neuen Partner, die Scholl für sein Unternehmen gewonnen hat. Darunter ist neben dem Weltkonzern Honeywell, der unter anderem auf Luft- und Raumfahrt spezialisiert ist, auch der 3D-Druck-Marktführer Stratasys. Das US-Unternehmen stellt vor allem Geräte für das „Rapid Prototyping“ in vielen Bereichen von Elektronik über Luftfahrt bis zur Medizin her. Drohnen entstehen schon zu 80 Prozent mit Stratasys-Druckern.

Airbus verwendet beim Bau des A350 XWB bereits über 1.000 Bauteile aus additiver Fertigung. Boom will für die Produktion des Überschallfliegers so genannte FDM-Maschinen von Stratasys nutzen. Das sind 3D-Drucker, die ihre Werkstücke schichtweise aus einem schmelzfähigen Kunststoff aufbauen.

Concorde streckte sich im Flug

Bei der technischen Entwicklung sei man schon weit vorangekommen, erklärt das Unternehmen. Die Aerodynamik des Baby-Boom sei bereits fix, die Systeme am Boden durchgetestet, die ersten zentralen Komponenten schon in der Herstellung. Firmengründer Scholl, der früher bei Amazon arbeitete, ein Start-up für mobiles Bezahlen aufbaute und eine Pilotenlizenz besitzt, zeigt sich mehr als zuversichtlich, dass er den Nachfolger der Concorde wirklich an den Start bringen kann. Und die ist so legendär wie sie unwirtschaftlich war.

Als Zweisitzer ist der Baby-Boom konzipiert, der im nächsten Jahr gebaut werden und erste Testflüge absolvieren soll. Er nutzt die Form des späteren Passagier-Flugzeuges.

Als Zweisitzer ist der Baby-Boom konzipiert, der im nächsten Jahr gebaut werden und erste Testflüge absolvieren soll. Er nutzt die Form des späteren Passagier-Flugzeuges.

Foto: Boom

Vor allem ein effizienterer Antrieb und eine deutliche leichtere Konstruktion sollen das nun ändern. Während die Concorde noch einen Aluminiumrumpf hatte, werden große Teile der neuen Maschine natürlich aus Kohlefaser-Verbundstoffen gebaut. Das soll nicht nur für stark reduziertes Gewicht sorgen, sondern auch die Stabilität erhöhen. Die Concorde sei ja durch die Hitze bei einem Überschallflug um bis zu 38 Zentimeter in die Länge gezogen worden – bei „Boom“ soll das weitaus weniger sein.

Die Welt liegt um die Ecke

In etwa sechs Jahren sollen also die ersten Passagiere mit Mach 2,2 unterwegs sein. Der Hersteller wirbt schon jetzt damit, dass die ganze Welt bald um die Ecke liegen wird, weil zum Beispiel ein Flug von New York nach London nur noch gut drei Stunden dauere: „Verlasse New York um sechs Uhr morgens, absolviere Meetings am Nachmittag in London und sei rechtzeitig wieder zuhause, um Deine Kinder ins Bett zu bringen!“ Na, das klingt doch nach willkommener Entschleunigung.

Auch Airbus will gemeinsam mit dem US-Unternehmen Aerion ein Überschallflugzeug entwickeln.

Auch Airbus will gemeinsam mit dem US-Unternehmen Aerion ein Überschallflugzeug entwickeln.

Foto: Aerion

Boom ist aber nicht der einzige Hersteller, der einen Concorde-Nachfolger bauen will. Airbus will Boom zuvorkommen und schon 2021 ein ziviles Überschallflugzeug in die Luft bringen. Hier lesen Sie, welche Überschallprojekte es derzeit gibt. 

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