Eingeknicktes Bugfahrwerk 05.06.2026, 08:10 Uhr

Lufthansa-787 auf die Nase gefallen: Das steckt technisch dahinter

Ein eingeknicktes Bugfahrwerk und viele offene Fragen: Was hinter dem spektakulären Zwischenfall mit der Lufthansa-Boeing 787 stecken könnte.

Eine Lufthansa-Maschine "Dreamliner " liegt auf dem Bug vor einem Terminal am Frankfurter Flughafen

Ein eingeknicktes Bugfahrwerk und viele offene Fragen: Was hinter dem spektakulären Zwischenfall mit der Lufthansa-Boeing 787 stecken könnte.

Foto: picture alliance/dpa/Mike Seeboth | Mike Seeboth

Die Bilder aus Frankfurt wirken auf den ersten Blick kaum glaubwürdig. Eine Boeing 787-9 von Lufthansa steht am Gate, als die Flugzeugnase plötzlich absackt. Das Bugfahrwerk kollabiert, der Rumpf fällt fast zwei Meter nach unten. Mehrere Menschen werden verletzt.

Der Vorfall ereignete sich am Donnerstagmittag (4. Juni) am Flughafen Frankfurt. Betroffen ist die Boeing 787-9 mit der Kennung D-ABPQ. Die Maschine war wenige Stunden zuvor als Flug LH460 aus Austin gelandet und sollte später als LH450 nach Los Angeles starten. Passagiere befanden sich nach bisherigen Informationen noch nicht an Bord.

Wie es zu dem Zwischenfall kam, ist derzeit Gegenstand der Ermittlungen der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU). Aus technischer Sicht gibt es jedoch bereits einige interessante Anhaltspunkte.

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Ein spontaner Bruch des Bugfahrwerks gilt als eher unwahrscheinlich

Das Bugfahrwerk eines modernen Langstreckenflugzeugs trägt zwar nur einen vergleichsweise kleinen Teil des Gesamtgewichts, muss aber dennoch erheblichen Belastungen standhalten. Neben den Kräften beim Rollen gehören dazu harte Landungen, Bremsmanöver sowie Belastungen beim Schleppen des Flugzeugs.

Zudem wird das Fahrwerk nicht allein hydraulisch gehalten. Mechanische Verriegelungen sorgen dafür, dass es im ausgefahrenen Zustand sicher arretiert bleibt. Ein plötzliches Einknicken allein durch einen Defekt der Hydraulik gilt deshalb unter Fachleuten als eher unwahrscheinlich.

Mehrere Luftfahrttechniker vermuten daher, dass der Zwischenfall möglicherweise im Zusammenhang mit Boden- oder Wartungsarbeiten stehen könnte. Offiziell bestätigt ist das bislang allerdings nicht.

Sicherheitsbolzen sollen genau solche Unfälle verhindern

Bei Wartungsarbeiten werden sogenannte Ground Safety Pins eingesetzt. Diese Sicherungsbolzen blockieren die Verriegelungsmechanik des Fahrwerks mechanisch. Selbst wenn während eines Funktionstests Hydraulikdruck anliegt oder der Fahrwerksmechanismus angesteuert wird, soll das Fahrwerk dadurch in seiner Position gehalten werden. Erst wenn diese Sicherungen entfernt werden, kann das Fahrwerk regulär eingefahren werden.

Unter bestimmten Umständen könnte ein Fehler bei diesem Sicherungssystem dazu führen, dass sich das Bugfahrwerk unbeabsichtigt bewegt. Dazu müssten allerdings mehrere Faktoren zusammenkommen, etwa ein nicht korrekt eingesetzter Sicherungsbolzen in Verbindung mit einem entsprechenden Wartungsvorgang. Ob ein solches Szenario im Fall der Lufthansa-Maschine eine Rolle gespielt hat, ist derzeit völlig offen.

Ein ähnlicher Vorfall beschäftigte bereits die britischen Ermittler

Der Frankfurter Zwischenfall erinnert an einen Unfall aus dem Jahr 2021 am Flughafen London-Heathrow.

Damals führten Techniker Wartungsarbeiten an einer Boeing 787-8 von British Airways durch. Gleichzeitig wurden im Cockpit Systemtests am Fahrwerk vorgenommen. Die spätere Untersuchung der britischen Air Accidents Investigation Branch (AAIB) ergab, dass ein vorgeschriebener Sicherungsbolzen in eine benachbarte, aber nicht dafür vorgesehene Bohrung eingesetzt worden war.

Als das Fahrwerkssystem anschließend angesteuert wurde, fuhr das Bugfahrwerk ein und die Nase des Flugzeugs schlug auf dem Vorfeld auf.

Besonders bemerkenswert: Ein ähnliches Problem war bereits einige Jahre zuvor bekannt geworden. Boeing veröffentlichte daraufhin ein Service Bulletin, das eine konstruktive Änderung vorsah. Später machte die US-Luftfahrtbehörde FAA diese Modifikation im Rahmen einer Lufttüchtigkeitsanweisung verpflichtend. Dabei wird die zusätzliche Bohrung dauerhaft verschlossen, um Verwechslungen auszuschließen.

Ob zwischen diesem bekannten Fehlerbild und dem Frankfurter Zwischenfall ein Zusammenhang besteht, werden erst die laufenden Ermittlungen zeigen.

Moderne Verkehrsflugzeuge liefern den Ermittlern viele Daten

Die Chancen stehen gut, den genauen Ablauf zu rekonstruieren. Die Boeing 787 verfügt über umfangreiche Wartungs- und Diagnosesysteme, die zahlreiche technische Parameter und Systemzustände aufzeichnen.

Die BFU wird unter anderem untersuchen,

  • ob an der Maschine Wartungsarbeiten durchgeführt wurden,
  • ob Hydrauliksysteme aktiv waren,
  • welche Systemzustände unmittelbar vor dem Vorfall vorlagen,
  • ob die vorgeschriebenen Sicherungen ordnungsgemäß verwendet wurden,
  • und welche Informationen die elektronischen Wartungsprotokolle liefern.

Erste Erkenntnisse könnten bereits mit dem Vorbericht vorliegen, den die BFU üblicherweise innerhalb von 30 Tagen veröffentlicht. Der endgültige Abschlussbericht dürfte allerdings erst in ein bis zwei Jahren erscheinen.

Der Schaden dürfte erheblich sein

Wenn die Nase einer Boeing 787 nahezu ungebremst auf das Vorfeld aufschlägt, werden zahlreiche Komponenten im vorderen Rumpfbereich belastet. Betroffen sein können unter anderem das Radom mit der Wetterradaranlage, Strukturbauteile im Bugbereich, Fahrwerksschachttüren sowie verschiedene Avionik- und Sensorsysteme.

Beim ähnlichen Zwischenfall in London dauerte die Reparatur mehrere Monate. Die Kosten gingen in die Millionen.

Viele Fragen sind noch offen

Nach dem derzeitigen Stand spricht einiges dagegen, dass das Bugfahrwerk der Lufthansa-Maschine allein aufgrund eines technischen Defekts versagt hat. Ebenso wenig gibt es bislang jedoch belastbare Hinweise darauf, dass tatsächlich ein Fehler bei Wartungsarbeiten die Ursache war. Genau diese Fragen müssen nun die Ermittlungen klären.

Fest steht bislang nur eines: Ein Ereignis wie dieses gehört selbst im internationalen Luftverkehr zu den absoluten Ausnahmen. Gerade deshalb dürfte der Frankfurter Vorfall in den kommenden Monaten nicht nur Lufthansa und Boeing, sondern die gesamte Luftfahrtbranche beschäftigen.

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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