Eingeknicktes Bugfahrwerk 06.06.2026, 07:17 Uhr

Warum fiel der Lufthansa-Dreamliner plötzlich auf die Nase?

Warum knickte das Bugfahrwerk der Lufthansa-Boeing 787 ein? Hintergründe, mögliche Ursachen und was Ermittler zum Dreamliner-Zwischenfall sagen.

Eine Lufthansa-Maschine "Dreamliner " liegt auf dem Bug vor einem Terminal am Frankfurter Flughafen

Ein eingeknicktes Bugfahrwerk und viele offene Fragen: Was hinter dem spektakulären Zwischenfall mit der Lufthansa-Boeing 787 stecken könnte.

Foto: picture alliance/dpa/Mike Seeboth | Mike Seeboth

Eigentlich war alles für den Abflug vorbereitet. Die Boeing 787-9 von Lufthansa war am Morgen aus Austin in Frankfurt gelandet und sollte wenig später als Flug LH450 nach Los Angeles starten. Im Flugzeug befanden sich bereits 13 Crewmitglieder, die Kabine wurde für das Boarding vorbereitet. Rund eine halbe Stunde später sollten bis zu 440 Passagierinnen und Passagiere einsteigen. Doch dazu kam es nicht mehr.

Kurz vor 13 Uhr sackte am Donnerstag, dem 4. Juni, die Flugzeugnase plötzlich nach unten. Das Bugfahrwerk kollabierte, der vordere Teil des Dreamliners stürzte auf das Vorfeld. Mehrere Crewmitglieder wurden leicht verletzt. Nach Angaben der Lufthansa konnten sie das Krankenhaus noch am selben Tag wieder verlassen.

Wie es zu dem ungewöhnlichen Zwischenfall kommen konnte, ist derzeit Gegenstand einer Untersuchung der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU). Fest steht bislang nur: Solche Ereignisse sind selbst in der internationalen Luftfahrt selten.

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BFU hat die Spurensicherung abgeschlossen

Unmittelbar nach dem Vorfall begannen Spezialisten der BFU mit der Untersuchung der Maschine. Noch am Donnerstagabend sowie in der Nacht auf Freitag wurde der Dreamliner in Frankfurt detailliert begutachtet. Die eigentliche Beweissicherung am Flugzeug ist inzwischen abgeschlossen.

In der kommenden Woche wollen die Ermittler mit den Zeugenvernehmungen beginnen. Ein erster Zwischenbericht wird nach Angaben der Behörde in etwa acht Wochen erwartet.

Lufthansa unterstützt die Untersuchung. Für die Airline steht zunächst vor allem eines im Vordergrund: den genauen Ablauf des Unfalls zu rekonstruieren.

Kann ein Flugzeug im Stand einfach auf die Nase fallen?

Genau diese Frage beschäftigt derzeit viele Beobachter. Aus technischer Sicht erscheint ein spontanes Versagen des Bugfahrwerks allerdings eher unwahrscheinlich.

Das vordere Fahrwerk eines modernen Verkehrsflugzeugs trägt zwar nur einen Teil des Gesamtgewichts, ist aber für hohe Belastungen ausgelegt. Es muss harte Landungen, Bremskräfte, Schleppvorgänge und starke Seitenkräfte beim Rangieren aufnehmen.

Hinzu kommt, dass das Fahrwerk nicht allein hydraulisch gehalten wird. Mechanische Verriegelungen sorgen dafür, dass es im ausgefahrenen Zustand sicher arretiert bleibt. Ein reiner Hydraulikausfall würde deshalb normalerweise nicht dazu führen, dass ein Flugzeug im Stand plötzlich absackt.

Das bedeutet allerdings nicht zwangsläufig, dass ein technischer Defekt ausgeschlossen werden kann. BFU-Sprecher Germout Freitag mahnt ausdrücklich zur Zurückhaltung. Ob das Fahrwerk selbst oder ein anderes System den Zwischenfall ausgelöst hat, lasse sich derzeit noch nicht sagen.

Bemerkenswert ist dabei eine weitere Aussage des Ermittlers: Defekte an Fahrwerken seien „gar nicht so selten“ und stellten für die BFU zunächst keinen außergewöhnlichen Sonderfall dar.

Erinnerungen an einen ähnlichen Vorfall in London

In den sozialen Netzwerken wird der Frankfurter Unfall häufig mit einem Ereignis aus dem Jahr 2021 am Flughafen London-Heathrow verglichen. Damals sackte eine Boeing 787 von British Airways während Wartungsarbeiten ebenfalls auf die Nase.

Die spätere Untersuchung ergab, dass ein vorgeschriebener Sicherungsbolzen offenbar nicht korrekt eingesetzt worden war. Solche sogenannten Ground Safety Pins verhindern bei Wartungsarbeiten, dass sich das Fahrwerk unbeabsichtigt bewegt.

Ob zwischen beiden Ereignissen tatsächlich Parallelen bestehen, ist nach Einschätzung der BFU derzeit völlig offen. „Parallelen ziehen ist zwar schön, funktioniert aber nicht, weil jeder Unfall letztlich einzigartig ist“, sagte Freitag. Überspitzt formuliert kämen „zehn Millionen Ursachen“ infrage. Auch ein Fehler bei den Sicherungsstiften könne dazugehören – müsse es aber nicht.

Gerade diese Zurückhaltung ist typisch für Flugunfalluntersuchungen. Anders als bei strafrechtlichen Ermittlungen geht es nicht um Schuldzuweisungen, sondern darum, die technische Ereigniskette möglichst lückenlos zu rekonstruieren.

Moderne Flugzeuge liefern den Ermittlern zahlreiche Daten

Dabei helfen umfangreiche elektronische Aufzeichnungssysteme. Die Boeing 787 verfügt über digitale Wartungs- und Diagnosesysteme, die zahlreiche technische Zustände und Systemmeldungen dokumentieren.

Neben der Untersuchung der Maschine selbst werden die Ermittler daher auch elektronische Protokolle auswerten und die beteiligten Crewmitglieder sowie das Bodenpersonal befragen.

Erst aus der Kombination dieser Informationen lässt sich später nachvollziehen, welche Abläufe den Zwischenfall ausgelöst haben könnten.

Der Schaden dürfte beträchtlich sein

Wenn die Nase eines Langstreckenflugzeugs aus einer Höhe von fast zwei Metern auf das Vorfeld aufschlägt, werden zahlreiche Bauteile im vorderen Rumpfbereich belastet. Betroffen sein können unter anderem das Radom mit der Wetterradaranlage, Strukturbauteile des Bugs, Fahrwerksschachttüren sowie verschiedene Avionik- und Sensorsysteme.

Die Lufthansa hat bereits angekündigt, den erst seit Januar im Liniendienst eingesetzten Dreamliner reparieren zu lassen. Insgesamt betreibt die Airline derzeit 17 Boeing 787-9.

Die wichtigste Frage bleibt vorerst offen

Warum der Dreamliner in Frankfurt plötzlich auf die Nase fiel, kann derzeit niemand seriös beantworten. Weder ein Defekt am Fahrwerk noch ein Fehler bei Boden- oder Wartungsarbeiten lässt sich bislang belegen.

Gerade deshalb warnen die Ermittler vor voreiligen Schlüssen. Die eigentliche Untersuchung beginnt erst jetzt – mit der Auswertung der technischen Daten und den anstehenden Zeugenbefragungen.

Erst der Zwischenbericht der BFU dürfte ein klareres Bild liefern. Bis dahin bleibt der Vorfall vor allem eines: ein ungewöhnliches und technisch komplexes Ereignis, das die Luftfahrtbranche genau verfolgen wird.gen.

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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