Radikaler Strategiewechsel 09.12.2014, 13:26 Uhr

Gazprom macht Türkei zu mächtigem Transitland für Erdgas

Kaum ist das Pipeline-Projekt South Stream geplatzt, legt Gazprom einen radikalen Strategiewechsel hin: Der russische Energiekonzern will das wertvolle Erdgas jetzt in die Türkei liefern. Die EU sieht sich einem neuen mächtigen Transitland gegenüber. 

Gazprom baut zukünftig in der EU keine Leitungen mehr zu den Verbrauchern – das sollen die Versorger übernehmen. Die EU-Länder in Südeuropa müssen sich deshalb künftig ihr Gas in der Türkei abholen.

Gazprom baut zukünftig in der EU keine Leitungen mehr zu den Verbrauchern – das sollen die Versorger übernehmen. Die EU-Länder in Südeuropa müssen sich deshalb künftig ihr Gas in der Türkei abholen.

Foto: Maxim Shipenkov/dpa

Als strategischer Partner Russlands werde die Türkei künftig 50 Milliarden Kubikmeter Gas in Europa verteilen können, sagte Gazprom-Chef Alexej Miller dem Moskauer Staatsfernsehen. Das Land könne dieses Gasventil im geopolitischen Machtpoker mit der EU einsetzen: „Was die Umfänge unserer Lieferungen angeht, so kommt die Türkei dann nach Deutschland auf dem zweiten Platz.“ Das bedeutet: Deutschland bleibt für den Norden Europas wichtigstes Verteilungszentrum, im Süden wird diese Aufgabe zukünftig die Türkei übernehmen.

Gashub an türkisch-griechischer Grenze wird Südeuropa versorgen

Für den Bau der neuen Pipeline ist Gazprom Russkaya zuständig. Die Tochtergesellschaft aus Sankt Petersburg verlegt die Leitungsrohre durch das Schwarze Meer. Sie buddelt sich anschließend aber nicht wie ursprünglich geplant durch Bulgarien, sondern direkt in die Türkei. An der Grenze zu Griechenland soll dann für die Versorgung Südeuropas ein Gashub entstehen.

Gazprom und das türkische Energieunternehmen Botas haben bereits eine Absichtserklärung für dieses Mammut-Projekt unterschrieben, das mit 63 Milliarden Kubikmeter Gas der geplanten Jahresleistung von South Stream entspricht. Doch damit nicht genug.

Gazprom baut in der EU keine Gasleitungen mehr

Zukünftig will Gazprom in der EU keine Gasleitungen zu Verbrauchern mehr bauen. „Das ist der Anfang vom Ende unseres Modells, bei dem wir uns auf Lieferungen bis zum Endverbraucher auf dem europäischen Markt orientieren“, sagt Miller. Diesen Job müssen jetzt also die Versorger übernehmen.

Ein Mitarbeiter von Gazprom arbeitet an einem Gasregler in Sudscha (Russland) nahe der ukrainischen Grenze: Die Tochtergesellschaft Gazprom Russkaya will eine Gasleitung durch das Schwarze Meer bis zur türkischen Küste verlegen. 

Ein Mitarbeiter von Gazprom arbeitet an einem Gasregler in Sudscha (Russland) nahe der ukrainischen Grenze: Die Tochtergesellschaft Gazprom Russkaya will eine Gasleitung durch das Schwarze Meer bis zur türkischen Küste verlegen. 

Quelle: Maxim Shipenkov/dpa

Miller begründete diesen Schritt mit der EU-Bürokratie, die auch für das Scheitern des Pipeline-Projekts South Stream verantwortlich sei. Für sie war es mit EU-Recht nicht vereinbar, dass Gazprom Gas liefern und gleichzeitig Leitungen betreiben soll.

Bulgarien muss auf 6000 Arbeitsplätze verzichten

Dass Bulgarien wegen dieses Rechtstreits die Baugenehmigung für South Stream so lange zurückgehalten hat, bis Russland die Hutschnur geplatzt ist, ist in den Augen Millers eine folgenschwere Entscheidung: Das Land müsse auf 6000 Arbeitsplätze verzichten, auf drei Milliarden Euro Investitionen und die jährlichen Transitgebühren. Die hätten Jahr für Jahr rund 400 Millionen Euro in die Staatskasse gespült. Nicht zuletzt will Russland die 18 Milliarden Kubikmeter Gas umleiten, die bislang durch ältere Leitungen in Bulgarien fließen – ebenfalls in die Türkei. 

Von Patrick Schroeder
Von Patrick Schroeder

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