Flüssigerdgas 23.11.2023, 09:45 Uhr

Gas aus Katar: Wie hoch ist unsere Schmerzgrenze?

Ab 2026 sollen jährlich zwei Millionen Tonnen Flüssigerdgas aus Katar nach Deutschland geschippert werden. Ein Jahr nach dem Deal ist die Kritik nicht weniger geworden. Wegen der deutschen Klimaziele und erst recht nach dem von Katar gesponserten Terrorangriff der Hamas auf Israel. Doch was ist die Alternative?

LNG-Terminal

In solch einem LNG-Terminal wird bald Gas aus Katar anlanden und in Erdgas verwandelt werden.

Foto: panthermedia.net/MikeMareen

Im November 2022 reiste Bundeskanzler Olaf Scholz in den Nahen Osten, um in Doha einen großen Flüssigerdgas-Deal klarzumachen. Deutschland stand damals noch unter dem Schock der ausbleibenden Gaslieferungen aus Russland und einem befürchteten kalten Winter. So freute sich damals nicht nur der Kanzler, dass Deutschland ab 2026 etwas mehr Planungssicherheit bekommt. Allerdings gab es bereits damals Kritik und die ist nicht weniger geworden durch den Terrorangriff der Hamas auf Israel. Doch was sind die Alternativen? Ganz auf Flüssigerdgas verzichten? Aus Klimaschutzgründen sicherlich erste Wahl, doch es ist abzusehen, dass es noch viele Jahre dauern wird, bis wir uns ganz auf die erneuerbaren Energien verlassen können. Flüssigerdgas aus anderen Ländern beziehen? Hier tut sich etwas. Gerade wurde ein Lieferabkommen mit Nigeria unterzeichnet.

So wurde Katar zum Gaslieferant

Nach dem Ausbruch des Ukraine-Krieges sind die Gaslieferungen aus Russland nach Deutschland stark zurückgegangen und schließlich vollständig eingestellt worden. Die Regierung reagiert darauf, indem sie versucht, die fehlenden Mengen durch Flüssiggas (LNG) zu ersetzen. Dazu wurden und werden an Nord- und Ostsee mehrere LNG-Terminals errichtet. In diesem Zusammenhang rückte Katar, einer der weltweit größten LNG-Exporteure mit den drittgrößten Gasreserven, in den Fokus.

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Jedoch ist Katars Rolle als Handelspartner umstritten. Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International haben das Emirat wegen der Misshandlung von Arbeitsmigranten kritisiert, es geht unter anderem um Themen wie Zwangsarbeit und Ausbeutung. Zudem konzentriert sich die politische Macht im Land fast ausschließlich beim Emir, und es gibt kaum politische Parteien oder Wahlen.

Die Beziehungen werden zusätzlich durch Katars Unterstützung für die Hamas belastet, die den Staat Israel vernichten möchten und am 7. Oktober in Israel schwere Massaker mit vielen Opfern anrichtete und etwa 240 Menschen verschleppte. Trotz dieser Bedenken traf Bundeskanzler Scholz im Oktober den Emir von Katar in Berlin zu Gesprächen, auch über den Konflikt im Gazastreifen: „Es wäre unverantwortlich, in dieser dramatischen Lage nicht alle Kontakte zu nutzen, die helfen können“.

Deutschland hält weiter am Deal fest

Die Bundesregierung setzt weiterhin auf ihre Vereinbarung mit Katar, einem von mehreren Staaten, mit denen sie im Rahmen ihrer Bemühungen um eine diversifiziertere Energieversorgung eng zusammenarbeitet. Laut dem Wirtschaftsministerium umfasst diese Kooperation primär Flüssiggas, zielt aber langfristig auch auf die Beschaffung von umweltfreundlichem, sogenanntem „grünem“ Wasserstoff ab. Zu den weiteren Partnern zählen Norwegen, Kanada, die USA sowie Länder im Nahen Osten und in Nordafrika.

Die geplanten Flüssiggas-Lieferungen aus Katar sollen jährlich bis zu zwei Millionen Tonnen betragen und decken damit etwa drei Prozent des deutschen Jahresbedarfs, wie der Branchenverband Zukunft Gas berichtet. Für den Einkauf und Transport des Gases nach Brunsbüttel ist das US-Unternehmen Conoco Phillips vorgesehen. Qatar Energy, der staatliche Energiekonzern Katars, bewirbt Flüssiggas als saubere Energiequelle, die einen wichtigen Beitrag zur Energiewende leisten kann.

Vertreter der Gasindustrie betonen, dass Abkommen wie das mit Katar auch für die Stabilisierung niedriger Gaspreise von Bedeutung sind. „Solange unser Stromnetz nicht vollständig auf erneuerbarer Energie basiert, werden die Energie- und damit auch die Strompreise eng mit dem Gaspreis verbunden bleiben“, sagt der Vorstand des Branchenverbandes Zukunft Gas, Timm Kehler.

Nigeria soll zwei Prozent des Flüssiggas-Bedarfs liefern

Anders als beim Erdgas, das Deutschland zu großen Teilen aus Russland erhalten hat, will sich das Land bei Flüssigerdgas breiter aufstellen. In diesem Zusammenhang hat das deutsche Unternehmen Johannes Schuetze Energy Import AG eine Absichtserklärung mit Riverside LNG Nigeria Limited unterzeichnet. Dies geschah auf dem deutsch-nigerianischen Wirtschaftstag in Berlin.

Gemäß dieser Vereinbarung wird Nigeria künftig zwei Prozent des deutschen Bedarfs an Flüssigerdgas decken. Damit wurde erstmals ein Energie-Liefervertrag zwischen Deutschland und Nigeria unterzeichnet. Dem größten Gasverbraucher in Europa auf der einen, und dem bevölkerungsreichsten Land Afrikas mit den weltweit neuntgrößten Erdgasreserven auf der anderen Seite.

Warum Flüssigerdgas so problematisch ist

Die vereinbarten Klimaziele sehen vor, dass wir uns nach und nach von fossilen Brennstoffen verabschieden, da sind Langzeitverträge zur Gaslieferung durchaus zu hinterfragen.  Mit Blick auf die Klimaschutzziele seien solche Verträge „hochproblematisch“, sagte etwa Klimaökonomin Claudia Kemfert bei der Unterzeichnung des Vertrags mit dem Katar.

Der energiepolitische Sprecher der FDP, Michael Kruse, kritisierte, Deutschland mache sich „abhängig von Staaten, die unsere Werte nicht teilen“ – ein Verweis auf die anhaltende Kritik an Katar wegen der Menschenrechtslage. Klima-Aktivistin Luisa Neubauer monierte, der Deal werde eine schnelle Energiewende „planmäßig verstellen“.

(mit dpa)

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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