Verheerendes Feuer 01.03.2022, 13:12 Uhr

Brand in Essen: Deshalb konnte sich das Feuer so unglaublich schnell ausbreiten

Verheerender Brand in Essen: In einer unglaublichen Geschwindigkeit hatte ein Feuer einen ganzen Wohnkomplex zerstört. Die verbauten Materialien im Bereich der Balkone waren Teil des Problems, sagen Experten: Seit Jahren sind Feuerwehrleute wegen bestimmter Baustoffe in Sorge.

Verheerender Brand in der Grünen Mitte in Essen: 35 Wohnungen brannten innerhalb kürzester Zeit aus. Foto: imago images/Reichwein

Verheerender Brand in der Grünen Mitte in Essen: 35 Wohnungen brannten innerhalb kürzester Zeit aus.

Foto: imago images/Reichwein

Die Bilder sind erschütternd: von dem riesigen Wohnkomplex in Essen ist nach einem verheerenden Brand nur mehr eine Ruine übrig. Gerade einmal sieben Jahre alt ist der einst prestigeträchtige Bau in der Grünen Mitte nahe der Innenstadt am Limbecker Platz. Nun ist klar, dass das Gebäude abgerissen werden muss. Das bestätigt der Chef des Eigentümerunternehmens Vivawest, Uwe Eichner, bei einer Pressekonferenz in Essen. Die Polizei erkundet zuvor aber noch die Ruine. Der Schaden liege in zweistelliger Millionenhöhe.

35 Wohnungen brannten komplett aus, 128 Menschen verlieren ihr Zuhause. Verletzt wurden glücklicherweise nur wenige. Das Feuer breitete sich rasend schnell aus – die Frage nach dem Warum ist zum Teil noch unbeantwortet. Doch neue Erkenntnisse lassen aufhorchen.

Polizei-Roboter „Herbie“ kam im einsturzgefährdeten Wohnkomplex in Essen zum Einsatz. Foto: Innenministerium NRW

Polizei-Roboter „Herbie“ kam im einsturzgefährdeten Wohnkomplex in Essen zum Einsatz.

Foto: Innenministerium NRW

Die Ermittlungen zur Brandursache laufen – gestalten sich allerdings schwierig. „Das Gebäude ist einsturzgefährdet, derzeit kann niemand hinein“, so eine Sprecherin der Polizei Essen gegenüber ingenieur.de. Deshalb kam am Dienstagnachmittag ein Laufroboter zum Einsatz. Der 35 Kilo schwere Roboterhund „Herbie“ war erst wenige Wochen zuvor bei einem Termin mit NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) in Duisburg vorgestellt worden. Der Roboter verfügt über Kameras und Sensoren, mit denen er das Haus nun untersucht.

Was bislang bekannt ist:

Die viereinhalbgeschossige Wohnanlage war in der Nacht zu Montag in Brand geraten, meterhohe Flammen schlugen aus dem Gebäude. Sturm “Antonia” fachte das Feuer wie ein Blasebalg an, sodass sich der Brand über die Fassade und die Balkone rasend schnell verbreiten konnte. In kürzester Zeit sind 35 Wohnungen zerstört – weitere werden durch die Rauchbildung schwer beschädigt. „Innerhalb von 20 Minuten stand das ganze Haus komplett in Flammen. Man hat das Gefühl, das ist ein Feuer-Inferno, in dem man sich hier befindet”, berichtet Lennart Diedrich, ein direkter Anwohner, gegenüber dpa.

Extremer Einsatz für die Feuerwehrleute: So etwas habe er „noch nie erlebt“, sagte ein Sprecher. Foto: Feuerwehr Essen

Extremer Einsatz für die Feuerwehrleute: So etwas habe er „noch nie erlebt“, sagte ein Sprecher.

Foto: Feuerwehr Essen

Feuerwehrleute, die schon früh am Einsatzort waren, berichten von der ungewöhnlich hohen Geschwindigkeit, mit der sich das Feuer ausbreitete.

Brand in Essen: Schaden in Millionenhöhe

Drei Menschen kamen nach dem Brand mit Rauchvergiftung ins Krankenhaus, Todesopfer gab es zum Glück keine. Das ist auch dem massiven Einsatz der Feuerwehr und Hilfe von Nachbarn zu verdanken. Die Hitze war so groß, dass noch in 15 Metern Entfernung in anderen Gebäuden Rollläden geschmolzen und Scheiben geplatzt seien, berichtet die Feuerwehr. Wie groß der Schaden tatsächlich ist, können Brandsachverständige noch nicht beziffern, weil der Wohnkomplex einsturzgefährdet und deshalb nicht zu betreten ist. Doch Fakt ist: Der Schaden liege in zweistelliger Millionenhöhe.

Die Bewohnerinnen und Bewohner müssen sich nun eine neue Bleibe suchen, sicher dauerhaft, denn die Schäden sind so massiv, dass das Gebäude wohl nicht mehr bewohnbar sein wird. Die meisten Betroffenen seien privat untergekommen, 27 Menschen müssten untergebracht werden, teilt die Stadt Essen mit. Hauseigentümer Vivawest hat den Mieterinnen und Mietern kurzfristig Zimmer in umliegenden Hotels angeboten. Die Stadt Essen stelle außerdem Medikamente, Hygieneartikel und Kleidung für den Sofortbedarf zur Verfügung, heißt es in einer Mitteilung. Außerdem werde für die Betroffenen ein Spendenkonto eingerichtet.

Feuerwehrmaske mit Datenbrille für verrauchte Räume

Neue Erkenntnisse zum Feuer in Essen

Feuerwehr-Sprecher Christoph Riße teilte neue Erkenntnisse zur Ausbreitung des Feuers mit. Das Feuer sei auf einem Balkon ausgebrochen. Sehr schnell sei über brennendes Polystyrol spekuliert worden. „Auf den Begriff ‚Wärmedämmverbundsystem‘ erfolgt in Deutschland schon reflexhaft der Gedanke an brennendes Polystyrol“, merkt Eicke-Hennig an, „eine negative Konditionierung. Selbst die Feuerwehr Essen wurde bewusst falsch zitiert und stellte richtig, es handele sich um Mineralwolle auf der Fassade.“

Weitere Aufbereitungen zur Brandursache finden sich im Bauingenieur

Nach Studium der Bauakten keinerlei Hinweise für Unregelmäßigkeiten oder Pfusch beim Bau des 2015 fertiggestellten Hauses, sagte der Essener Ordnungsdezernent Christian Kromberg.

Der Wohnkomplex in der Grünen Mitte wurde erst vor zehn Jahren errichtet. Jetzt ist das Gebäude nicht mehr bewohnbar. Foto: : imago images/Reichwein

Der Wohnkomplex in der Grünen Mitte wurde erst vor zehn Jahren errichtet. Jetzt ist das Gebäude nicht mehr bewohnbar.

Foto: : imago images/Reichwein

Die Dämmung des Hauses erfolgte laut einem Sprecher des Hauseigentümers Vivawest indes überwiegend mit Mineralfaserplatten, da diese weniger brandanfällig als Polysterol-Dämmstoffe seien. Dass Dämmplatten aus Styropor verwendet worden wären, dementiert er. Das Gebäude sei gemäß den Bauvorschriften vor der Ausbreitung eines Brandes geschützt worden.

Mineralfaserplatten sind Dämmplatten aus Mineralfasern, wie Glaswolle. Die Platten gelten als schall- und wärmedämmend sowie wasserabweisend und alterungsbeständig. Sie sind bis zu Temperaturen von über 1.000 °C formbeständig und somit nicht brennbar.

Warum es trotzdem zu diesem Ausmaß in Essen kommen konnte, ist weiter Teil der Ermittlungen.

Innovativer Katastrophenschutz: Sensoren übernehmen Warnung

Polystyrol (Styropor) ist häufig zumindest Teil von Wärmeverbundsystemen und erfüllt als Baumaterial die gesetzlichen Anforderungen des Brandschutzes. Es weist allerdings einen zentralen Nachteil auf: Bei einem Brand schmilzt das Material an der Fassade und läuft herab. Große Flächen geraten so schneller in Brand. Hersteller behandeln die verbauten Platten aus diesem Grund mit Brandschutzmitteln. Zudem ist vorgeschrieben, unbrennbare Brandriegel aus Mineralwolle bei größeren Gebäuden in die Fassadendämmung einzuziehen. Dieses Verfahren hemmt die Ausbreitung von Feuer – löst das Problem aber nicht. Ob die Brandschutzriegel ordnungsgemäß verbaut worden sind, prüfen Sachverständige.

Die Ursache für das Feuer in Essen ist noch unklar. Foto: imago images/Reichwein

Die Ursache für das Feuer in Essen ist noch unklar.

Foto: imago images/Reichwein

Plastik an Balkonen lässt Feuer ausbreiten

Neben diesen Erkenntnissen bezeichnet Riße die vorgehängte Kunststoffverkleidung der Balkone als weiteren Feuertreiber. „Hier war ganz viel Plastik verbaut“, sagt der Sprecher. Der Feuerwehr-Verband blickt schon länger kritisch auf Dämm-Fassaden. „Wir sorgen uns seit Jahren um das Brandgeschehen solcher Fassaden“, sagt Christoph Schöneborn, Landesgeschäftsführer des Feuerwehr-Verbands.

„Die Feuerwehrverbände sehen Polystyrol als kritisch an, denn davon geht eine Gefährdung aus. Wir empfehlen dazu das Positionspapier des deutschen Feuerwehrverbands. Dort stehen alle Empfehlungen zur Brandsicherheit von Wärmedämmverbundsystemen (WDVS) an Fassaden mit Polystyrolschaum (EPS) als Dämmstoff“, sagt Dietmar Grabinger, Vorsitzenden des Lenkungsausschusses VdF NRW.

Brandnester erschweren die Arbeiten

Nach den Hauptlöscharbeiten gibt es immer wieder Brandnester. “Das kann im Inneren immer wieder aufflammen und noch Tage dauern”, sagt ein Feuerwehrsprecher.

Anteilnahme verkündet Hendrik Wüst (CDU), Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident, auf Twitter.

Brandausbreitung in Essen überrascht Feuerwehr

“Die massive Brandausbreitung hat alle Einsatzkräfte sehr überrascht”, so ein Feuerwehrsprecher. So etwas habe man noch nie erlebt. Die Schäden an dem 2015 errichteten Wohnkomplex sind massiv. Gemäß den Vorschriften ist das Haus mit Brandschutztüren gegen eine schnelle Verbreitung eines Feuers ausgestattet. Eine letzte Wartung erfolgte im März 2021, so der Sprecher des Hauseigentümers Vivawest.

Der wiederum lässt jetzt bei baugleichen Häusern Balkonverkleidungen und Trennwände abnehmen. Zwar gibt noch keine klaren Erkenntnisse zur Brandursache, aber man wolle Bewohnerinnen und Bewohnern von Häusern in der Nachbarschaft Ängste nehmen, teilte Vivawest mit.

Der Verein Deutscher Ingenieure e.V. bietet in der Richtlinie VDI 3819 Blatt 1 Grundlagen und Kenntnisse zum Brandschutz für Gebäude.

(mit dpa)

Ein Beitrag von:

  • Peter Sieben

    Peter Sieben ist Content Manager und verantwortlicher Redakteur für ingenieur.de. Nach einem Volontariat bei der Funke Mediengruppe war er mehrere Jahre als Redakteur und Politik-Reporter in verschiedenen Ressorts von Tageszeitungen und Online-Medien unterwegs. Er schreibt über Forschung, Politik und Karrierethemen.

  • Sarah Janczura

    Sarah Janczura

    Sarah Janczura ist Content Manager und verantwortliche Redakteurin für ingenieur.de. Nach einem Volontariat mit dem Schwerpunkt Social Media war sie als Online-Redakteurin in einer Digitalagentur unterwegs. Sie schreibt über Technik, Forschung und Karrierethemen.

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