
Ein 700-t-Kran direkt an der Uferkante, zwei Abstützungen auf 4 m tiefer gelegenen Fundamenten: In Lauffen am Neckar musste eine 75 Jahre alte Bogenbrücke verschwinden. Doch bevor der Mobilkran die ersten Brückenteile herausheben konnte, musste eine ungewöhnliche Konstruktion seine Standsicherheit gewährleisten.
Eine schmale, abschüssige Straße direkt über dem Kanalufer – mehr Platz stand für den riesigen Mobilkran nicht zur Verfügung. Trotzdem sollte er in Lauffen am Neckar eine komplette Bogenbrücke zerlegen und die schweren Betonteile ausheben.
Die einspurige Brücke aus dem Jahr 1951 verband die Altstadt mit einer kleinen Insel. Weil ihre Tragfähigkeit den statischen Anforderungen nicht mehr genügte, musste sie ersetzt werden.
Für den Rückbau rückte die MSG Krandienst GmbH mit einem Liebherr LTM 1650-8.1 an. Der achtachsige Mobilkran gehört zur 700-t-Tragfähigkeitsklasse. Doch seine Größe brachte ein Problem mit sich: Für die ausgefahrenen Abstützungen war die Straße zu schmal. Zwei davon ragten über die verfügbare Fläche hinaus.
Zwei Abstützungen auf Fundamenten 4 m tiefer
Die Lösung war eine eigens vorbereitete Unterkonstruktion am Kanalufer. Zwei flussseitige Abstützungen wurden über massive Stahlzylinder auf Betonfundamenten gelagert, die rund 4 m unterhalb der eigentlichen Kranaufstellfläche lagen. Die Stahlzylinder überbrückten den Höhenunterschied und leiteten die Stützkräfte zu den tiefer liegenden Fundamenten. Damit konnte der Kran unmittelbar am Rand der schmalen Straße arbeiten.
Wie schwierig die Aufstellung war, beschreibt Christian Spreuer, Diplom-Ingenieur und verantwortlich für die Projektplanung der Großkrane bei MSG Krandienst. In einer Liebherr-Pressemitteilung vom 3. November 2026 erklärt er:
„Die Topografie vor Ort schränkte uns bei der Aufstellung des Mobilkrans stark ein. Durch seine kompakte Bauweise war der LTM 1650-8.1 mit seinen hohen Traglasten die perfekte Maschine für diesen Einsatz“
Auch das Gefälle der Straße machte den Aufbau komplizierter. Ein zusätzlicher Hilfszylinder unter dem Fahrzeugheck erleichterte das Unterbauen der hinteren Kranstützen. Die Konstruktion war ungewöhnlich, aber notwendig: Ohne ausreichend tragfähige Abstützung hätte der Kran die vorgesehenen Lasten an diesem Standort nicht heben können.

175 t Gegengewicht für den Brückenabriss
Nachdem der Kran seine Position eingenommen hatte, konnte die eigentliche Arbeit beginnen. Dafür wurde der LTM 1650-8.1 mit einer 35 m langen Wippspitze und 175 t Gegengewicht ausgerüstet.
Zunächst hob er einen provisorischen Fußgängersteg über den rund 40 m breiten Kanal. So blieb die Insel auch während des Brückenabbruchs erreichbar. Anschließend transportierte der Kran die benötigten Baumaschinen auf die gegenüberliegende Seite. Dabei erreichte er eine Ausladung von bis zu 50 m.
Die wichtigsten Daten des Einsatzes:
| Kennzahl | Wert |
| Kran | Liebherr LTM 1650-8.1 |
| Tragfähigkeitsklasse | 700 t |
| Gegengewicht | 175 t |
| Wippspitze | 35 m |
| Ausladung bei den Hebevorgängen | 26–50 m |
| Schwerstes Brückensegment | knapp 44 t |
| Ausladung beim schwersten Hub | mehr als 36 m |
| Höhenunterschied der Abstützungen | rund 4 m |
Die 700 t bezeichnen die maximale Tragfähigkeitsklasse des Krans, nicht das Gewicht der Maschine oder die bei diesem Einsatz tatsächlich gehobene Last. Wie viel ein Mobilkran heben kann, hängt wesentlich von der Ausladung und seiner jeweiligen Konfiguration ab.

Schwimmendes Gerüst stützt den Betonbogen
Nachdem die Baustelle eingerichtet war, begann der Rückbau. Zunächst entfernten die Arbeiter den Brückenüberbau einschließlich des Fahrbahnbelags. Zurück blieb der massive Betonbogen. Diesen einfach zu zerschneiden, wäre problematisch gewesen. Der Bogen trug bislang die Lasten der Brücke. Beim Entfernen einzelner Teile verändert sich sein Tragverhalten.
Deshalb wurde unterhalb der Brücke ein Ponton mit Gerüststützen positioniert. Die schwimmende Konstruktion stützte den Bogen während der Demontage ab. Eine Besonderheit war die verstellbare Höhe des Pontons. Mithilfe eines Pumpsystems konnten die Kammern des Schwimmkörpers gezielt mit Wasser gefüllt oder wieder geleert werden. Dadurch ließ sich seine Höhenlage regulieren und die darauf montierte Abstützung anpassen.
Erst danach wurde der Bogen mit Betonsägen in fünf Segmente zerlegt. Der Mobilkran hob die abgetrennten Teile einzeln aus dem Bauwerk.
Auch beim Rückbau der Südschnellwegbrücke in Hannover war eine Hilfskonstruktion erforderlich. Dort fingen die Bauunternehmen herabfallende Brückenteile mit einem massiven Fallbett auf. In Lauffen musste die Konstruktion dagegen während des Zersägens abgestützt werden.

44 t am Haken – bei mehr als 36 m Ausladung
Der anspruchsvollste Hub folgte beim Ausbau des Scheitelstücks, also des obersten Abschnitts des Betonbogens. Das Bauteil wog knapp 44 t und musste in einer Entfernung von mehr als 36 m von der Drehachse aufgenommen werden.
Damit der Kran die unterschiedlichen Lasten bei Ausladungen zwischen 26 und 50 m bewältigen konnte, kam das Liebherr-System VarioBallast zum Einsatz. Es ermöglicht, den Abstand des Gegengewichts zur Drehachse stufenlos zu verändern.
Ein größerer Ballastradius kann die Tragfähigkeit bei entsprechenden Auslegerkonfigurationen erhöhen. Ein kleinerer Radius verringert dagegen den benötigten Schwenkraum. Gerade auf der engen Straße über dem Kanalufer war das ein Vorteil.
Nach mehreren Arbeitstagen war der Betonbogen vollständig zerlegt. Die fünf Segmente waren herausgehoben, die alte Brücke abgetragen. Der LTM 1650-8.1 hatte dabei Lasten von maximal knapp 44 t bewegt. Die größere technische Herausforderung lag jedoch schon vor dem ersten Hub: einen Kran dieser Leistungsklasse auf einer schmalen, abschüssigen Straße sicher aufzustellen – mit zwei Abstützungen, deren Fundamente 4 m tiefer lagen.
Quellen
- Liebherr: LTM 1650-8.1 in spektakulärer Arbeitsposition – Original-Pressemitteilung vom 3. November 2026, technische Details, Zitate und offizielle Fotos.
- Crane & Transport Briefing: Mobilkran demontiert 75 Jahre alte Kanalbrücke – Fachbericht vom 4. November 2026 mit Bildern der Kranaufstellung.
- CraneMag: MSG’s LTM 1650-8.1 dismantles 75-year-old bridge – Ergänzender Bericht vom 4. November 2026 mit Detailaufnahmen.
- ingenieur.de: So wurde die Südschnellwegbrücke kontrolliert zerlegt – Verwandter Beitrag zu einem anderen Verfahren des Brückenrückbaus.





























