
253 Unstimmigkeiten in den Bauunterlagen eines Wohngebäudes: Das ist das Ergebnis eines KI-gestützten Prüfverfahrens, das Forschende in Südkorea entwickelt haben. 29 Abweichungen stuften sie als kritisch ein. Die Software vergleicht statische Berechnungen mit Konstruktionszeichnungen – ganz ohne digitales Gebäudemodell.
Wie viele Bewehrungsstäbe benötigt ein Stahlbetonbalken? Welchen Durchmesser müssen sie haben und in welchen Abständen werden die Bügel angeordnet? Solche Angaben stehen in statischen Berechnungen und den dazugehörigen Konstruktionszeichnungen. Stimmen sie nicht überein, können bei der Bauausführung Fehler entstehen.
Ein Forschungsteam der Seoul National University of Science and Technology hat eine Software entwickelt, die solche Widersprüche automatisch erkennt. Bei einem Wohnungsbauprojekt in Südkorea meldete das System 253 Unstimmigkeiten. Darunter waren 29 Abweichungen, die die Forschenden als kritisch einstuften. Die Ergebnisse wurden im Oktober 2026 in der Fachzeitschrift Engineering Applications of Artificial Intelligence veröffentlicht.
253 Unstimmigkeiten – vor allem fehlende Angaben
Für ihre Untersuchung verwendeten die Wissenschaftler statische Berechnungsunterlagen und Tragwerkszeichnungen eines südkoreanischen Wohnungsbauprojekts. Die Software las die Informationen aus beiden Dokumententypen aus und verglich sie miteinander. Dabei identifizierte das System fünf Arten von Unstimmigkeiten:
| Art der Unstimmigkeit | Anzahl |
| Fehlende Einträge | 224 |
| Abweichungen bei der Hauptbewehrung | 15 |
| Abweichungen bei der Bügelbewehrung | 3 |
| Unterschiedliche Bauteilabmessungen | 8 |
| Doppelte Einträge | 3 |
| Gesamt | 253 |
Mit 224 Fällen machten fehlende Einträge fast 89 % aller gemeldeten Unstimmigkeiten aus. Die übrigen 29 betrafen widersprüchliche oder doppelt vorhandene Angaben.
Besonders kritisch für die Tragwerksplanung sind die Abweichungen bei der Bewehrung und den Bauteilabmessungen. Ein Beispiel verdeutlicht das Problem: Sind in der statischen Berechnung für einen Balken sechs Bewehrungsstäbe vorgesehen, in der zugehörigen Zeichnung aber nur vier eingetragen, müssen die Planer klären, welche Angabe richtig ist. Die Bewehrung bestimmt wesentlich mit, welche Kräfte ein Stahlbetonbauteil aufnehmen kann.
Die Forschenden stuften 29 der gefundenen Abweichungen als kritisch ein. Das bedeutet allerdings nicht, dass 29 Bauteile nachweislich mangelhaft oder einsturzgefährdet waren. Die Untersuchung befasst sich mit Widersprüchen zwischen Planungsunterlagen, nicht mit Schäden an einem ausgeführten Gebäude.
Wie findet die KI Fehler in Bauplänen?
Die Software arbeitet mit verschiedenen Verfahren der künstlichen Intelligenz und Bildverarbeitung. Ihr Ziel ist es, Informationen aus unterschiedlichen Dokumenten in eine einheitliche Form zu bringen. Bei statischen Berechnungen erkennt zunächst ein KI-Modell, an welchen Stellen relevante Angaben stehen. Anschließend liest eine optische Zeichenerkennung (OCR) die Informationen aus.
Konstruktionszeichnungen sind schwieriger auszuwerten. Sie enthalten Maßketten, Bauteilkennungen und Tabellen, deren Aufbau von Plan zu Plan unterschiedlich sein kann. Hier kombiniert das System die Texterkennung mit Verfahren der Bildverarbeitung, um die benötigten Angaben zu finden.
Der weitere Ablauf besteht aus drei Schritten:
- Daten erfassen: Die Software liest Bauteilkennungen, Abmessungen und Bewehrungsangaben aus den Unterlagen.
- Angaben zuordnen: Anhand der Bauteilkennungen und Richtungsangaben verbindet sie die Informationen aus Berechnungen und Zeichnungen.
- Unterschiede erkennen: Das Programm meldet fehlende, widersprüchliche oder doppelte Angaben.
Die Ergebnisse werden in einer webbasierten Anwendung aufbereitet.
„Unser KI-gestütztes System extrahiert, ordnet und vergleicht automatisch Informationen aus statischen Berechnungsunterlagen und Zeichnungen, um Unstimmigkeiten zu identifizieren, die möglicherweise auf menschliches Versagen zurückzuführen sind.“, erklärt Forschungsleiter Jaewook Jeong in einer Mitteilung der Universität, die am 3. November 2026 über TechXplore veröffentlicht wurde.
Die Software übernimmt damit vor allem den aufwendigen Vergleich von Informationen. Sie führt keine vollständige statische Berechnung des Gebäudes durch.
Das Verfahren funktioniert ohne BIM
Ein wichtiger Punkt: Für die Prüfung ist kein digitales Gebäudemodell erforderlich. Beim Building Information Modeling (BIM) werden geometrische und weitere bauteilbezogene Informationen in einem digitalen Modell zusammengeführt. Unterschiedliche Fachplanungen lassen sich dadurch besser koordinieren.
Wie digitale Modelle bei komplexen Bauprojekten eingesetzt werden, zeigt beispielsweise der Beitrag „Digitaler Zwilling im Tunnelbau: Risiken verstehen“.
Das südkoreanische Forschungsteam verfolgt einen anderen Ansatz. Die Software benötigt kein gemeinsames 3D-Gebäudemodell, sondern verarbeitet vorhandene Berechnungsdokumente und Tragwerkszeichnungen. Das ist vor allem für Bauprojekte interessant, bei denen unterschiedliche Unternehmen mit eigenen Programmen und Dateiformaten arbeiten.
„Dies könnte insbesondere für kleine und mittelgroße Bauprojekte von großem Nutzen sein, bei denen BIM nicht umgesetzt werden kann“, sagt Jeong in der auf TechXplore veröffentlichten Forschungsmitteilung.
Eine vergleichbare Entwicklung gibt es auch in anderen Bereichen der Bauplanung. So hat das Fraunhofer IGD ein Verfahren entwickelt, mit dem sich Baulücken und Aufstockungsmöglichkeiten mithilfe von KI erkennen lassen. Dort werden Luftbilder, Laserscandaten und amtliche Geodaten ausgewertet.
Wie zuverlässig erkennt die Software Unstimmigkeiten?
Die Forschenden untersuchten auch, wie genau das System Informationen aus den beiden Dokumententypen auslesen kann. Dabei erreichte die Software folgende Werte:
- 95,56 % Genauigkeit bei der Extraktion von Informationen aus statischen Berechnungsunterlagen.
- 90,47 % Genauigkeit bei der Extraktion von Informationen aus Tragwerkszeichnungen.
Beide Werte beziehen sich auf die Datenerkennung. Sie bedeuten nicht, dass das System mehr als 90 % aller tatsächlich vorhandenen Planungsfehler aufspürt. Das ist eine wesentliche Einschränkung. Liest die Software beispielsweise einen Bewehrungsdurchmesser falsch aus, kann sie anschließend eine Abweichung melden, obwohl die Originalunterlagen übereinstimmen.
Auch die 224 fehlenden Einträge müssen entsprechend eingeordnet werden. Aus den veröffentlichten Ergebnissen geht nicht für jeden einzelnen Fall hervor, ob die Information tatsächlich im Ausgangsdokument fehlte oder bei der automatisierten Verarbeitung nicht korrekt erfasst beziehungsweise zugeordnet wurde.
Eine unabhängige statische Überprüfung ersetzt das Verfahren ebenfalls nicht. Es kontrolliert, ob bestimmte Angaben in den untersuchten Dokumenten übereinstimmen. Ob die gewählte Bewehrung oder die Abmessungen eines Bauteils statisch ausreichend sind, müssen weiterhin Fachleute beurteilen.
Kann KI die Kontrolle von Bauplänen erleichtern?
Bei umfangreichen Bauprojekten werden zahlreiche Angaben mehrfach benötigt. Maße, Bauteilbezeichnungen und Bewehrungsdaten tauchen sowohl in Berechnungen als auch in Zeichnungen auf. Werden diese Unterlagen unabhängig voneinander überarbeitet, können Widersprüche entstehen.
Hier setzt das neue Verfahren an. Es soll solche Unterschiede automatisch sichtbar machen, damit Tragwerksplaner sie gezielt überprüfen können. Wie viel Arbeitszeit dadurch eingespart wird, haben die Forschenden in den veröffentlichten Ergebnissen allerdings nicht beziffert. Auch zur Zahl möglicher Fehlalarme und übersehener Abweichungen liegen in der Universitätsmitteilung keine ausreichenden Angaben vor.
Bisher wurde das Verfahren anhand eines südkoreanischen Wohnungsbauprojekts erprobt. Ob es mit gleicher Zuverlässigkeit bei anderen Gebäudetypen und Planungsstandards arbeitet, ist noch nicht nachgewiesen. Für die Baupraxis liegt der Nutzen zunächst in einer klar abgegrenzten Aufgabe: Die Software kann Unterschiede zwischen statischen Berechnungen und Konstruktionszeichnungen aufspüren. Welche Angaben korrekt sind und ob daraus ein Sicherheitsproblem entsteht, bleibt Gegenstand der fachlichen Prüfung.
Quellen
- Gu, Minsang; Jeong, Jaewook; Kumi, Louis: Detection of human errors in construction structural design documents using automated extraction algorithm. Engineering Applications of Artificial Intelligence, 2026. DOI: 10.1016/j.engappai.2026.116556.
- Seoul National University of Science and Technology: Pressemitteilung zum KI-Prüfverfahren, 3. November 2026.
- TechXplore: New AI-assisted method cross-checks building design documents to help detect errors, 3. November 2026.






























