31.10.2014, 14:37 Uhr | 0 |

Baldiger Abschied von der ISS Astronaut Gerst: „Das war eine tolle Arbeit hier oben“

All-Zeit vorbei: Am 10. November tritt der deutsche Astronaut Alexander Gerst nach sechs Monaten an Bord der ISS den Rückflug zur Erde an – mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Gestern blickte Gerst zurück auf Experimente, Emotionen und Erfahrungen. Seinen Platz nimmt Ende November die Italienerin Samantha Cristoforetti ein.

ISS-Interview: Astronaut Gerst vor der Rückkehr
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Vor seiner für den 10. November geplanten Rückkehr auf die Erde gibt Alexander Gerst am 30. Oktober noch ein ausführliches Interview von der ISS aus. Er freut sich schon auf Pizza und einen Spaziergang im Herbstwald.

Foto: NASA/ESA/dpa

Komfortabel ist sein derzeitiges Domizil nicht, und groß schon gar nicht: Alexander Gersts persönlicher Rückzugsort an Bord der Internationalen Raumstation ISS ist 0,6 Quadratmeter klein – das hat er höchstpersönlich ausgemessen. Doch obwohl er quasi im Stehen schlafen muss, hat er nicht vor, diese beengten Verhältnisse zu reklamieren: Zu weit, zu überwältigend ist der Ausblick, sobald er sich die wenigen Meter zum Fenster begibt. Von der Aussichtskuppel, der sogenannten Cupola aus, kann er aus 400 Kilometern Höhe die ganze Welt überblicken – und zwar buchstäblich.

„Ich werde es vermissen“

Noch ist der 38-Jährige ein Teil der sechsköpfigen Besatzung der ISS, doch diese Zeit neigt sich mit großen Schritten dem Ende zu. In wenigen Tagen, am 10. November, wird der Geophysiker mit zwei seiner Kollegen an Bord einer Sojus-Kapsel zurück zur Erde reisen. Diesem Moment sieht er mit einem lachenden und einem weinenden Auge entgegen. „In 14 Tagen werde ich aus meinen 0,6 qm Appartement ausziehen. Ich werde es vermissen“, twitterte er vor kurzen aus dem All.

Kein Wunder: In den sechs Monaten im All wurde er Zeuge von atemberaubenden Naturschauspielen wie orbitalen Sonnenaufgängen und Polarlichtern, erlebte Abenteuer wie einen Weltraumspaziergang und trug mit rund 100 durchgeführten oder zumindest begonnenen Experimenten zu wichtigen wissenschaftlichen Erkenntnissen bei. Zwar habe das oft 16-Stunden-Tage und so manches durchgearbeitetes Wochenende bedeutet, doch die Schinderei habe sich gelohnt, sagt er: „Das war eine tolle Arbeit hier oben!“

Eine tolle internationale Gemeinschaft an Bord der ISS

Außerdem habe er eine extrem freundschaftliche internationale Gemeinschaft in der höchstgelegenen WG der Welt erfahren, betont er. Nicht ein böses Wort sei während seiner sechs Monate auf der ISS zwischen den Bewohnern gefallen – dass dies auf so beengtem Raum nicht selbstverständlich ist, ist Gerst bewusst.

Vermissen werde er auch, beim Zähneputzen Saltos zu schlagen, schrieb er vor wenigen Tagen in Anspielung auf die Schwerelosigkeit der ISS. Die sei ihm bereits nach kürzester Zeit als absolut selbstverständlich erschienen, erklärte er zudem in seinem letzten Interview von Bord der ISS Ende Oktober: „Man gewöhnt sich daran, dass die Dinge schweben.“ Für ihn ist das ein Indiz dafür, dass es Menschen gut und gerne auch länger als sechs Monate im All aushalten können, zum Beispiel auf dem Weg zum Mars.

Vorfreude auf Freunde, Familie und weltliche Genüsse

Doch obwohl Alexander Gerst sich nach eigener Aussage niemals einsam gefühlt hat – die Erde habe er ja stets im Blick gehabt – freut er sich doch auf seine Rückkehr zur Erde. Dort warten seine Lebensgefährtin, seine Freunde und seine Familie auf ihn, außerdem handfeste Nahrung wie Burger oder Pizza.

Solche Genüsse plötzlich beim abendlichen Filmeschauen zu sehen, sei doch manchmal hart gewesen, gibt er zu. Was er noch vermisst: „das Grün der Erde und einfach mal durch einen Wald gehen zu können“.

Keine Angst vor der Rückreise

Dem Rückflug zur Erde sieht er relativ entspannt entgegen, daran kann auch der missglückte Start des Raumfrachters Cygnus vor einigen Tagen nichts ändern. „Rückschläge passieren nun einmal, wenn man an vorderster Front von neuen Technologien arbeitet“, kommentiert der Astronaut die Explosion: „Ich bin froh, dass niemand verletzt wurde. Wir werden weiterforschen!“

Wenn die Sojus-Kapsel mit Alexander Gerst und seinen beiden Kollegen am 10. November in der Steppe Kasachstans aufschlägt, wird er bald darauf über Moskau und Schottland nach Deutschland zurückkehren. Dort wird er sich erst einmal wieder an die Schwerkraft gewöhnen und Gehen neu lernen müssen: Die Zeit im Weltraum zehrt an den Muskeln, tägliches Training hin oder her.

Alexander Gerst hat Tausende Menschen an seiner Reise teilhaben lassen

Unter seinen stetig mehr werdenden Followern bei Twitter und in Facebook mischt sich ebenfalls eine leichte Wehmut unter die begeisterten Kommentare zu den atemberaubenden Bildern und Postings, die Gerst seit Monaten teilweise mehrmals täglich absetzt. Einerseits freuen sich die User für den Astronauten, dass er nach Hause fliegt, zum anderen trauern sie jetzt schon den unglaublichen Bildern, spannenden Informationen und den emotionalen Statements des Deutschen nach, der jeden, der wollte, auf diese Weise an seiner unglaublichen Reise hat teilnehmen lassen.

Er hat es geschafft, die Seelen seiner Leser zu berühren und seine Perspektive mit ihnen zu teilen. Möglicherweise ist so auch eine wichtige Erkenntnis des Raumfahrers bei den Menschen angekommen: „Ich habe von hier oben gesehen, wie zerbrechlich unser Heimatort ist“, betont er immer wieder. „Wir sollten uns Gedanken machen, wie wir ihn schützen können.“

Sein letztes Wochenende an Bord der ISS allerdings gehört ganz allein ihm. Alexander Gerst plant, seine Zeit am Fenster der Cupola zu verbringen, Musik zu hören und die Eindrücke tief in seinem Herzen zu verankern, schon einmal Abschied von der ISS nehmen – ausnahmsweise, ohne Fotos zu machen und zu twittern.

Nachfolgerin Samantha Cristoforetti zieht Ende November ein

Wenn Alexander Gerst die ISS verlässt, bleibt sein 0,6-Quadratmeter-Appartement aber nicht lange verwaist.

Bereits Ende November zieht dort die italienische ESA-Astronautin Samantha Cristoforetti als Mitglied der ISS-Expeditionen 42 und 43 ein.

Die 37-Jährige ist Offizierin der italienischen Luftwaffe und frühere Kampfpilotin.

Sie bringt jeweils einen Masterabschluss der Luft- und Raumfahrttechnik sowie der Ingenieurwissenschaften mit – beides sicherlich nicht ganz nutzlos an Bord der ISS.

Die Verständigung mit den Kollegen an Bord dürfte ebenfalls problemlos sein: Neben Italienisch spricht sie Englisch, Deutsch, Französisch, Russisch und Chinesisch.

Was Alexander Gerst seiner Nachfolgerin mit auf den Weg gibt? In erster Linie Pragmatisches: In der Zeit vor dem Start soll sie möglichst das Leben genießen und Zeit mit der Familie verbringen. 

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Von Judith Bexten
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