04.11.2016, 13:51 Uhr | 0 |

Technisches Meisterwerk Elbphilharmonie: Sehr teuer – aber auch sehr, sehr schön

Ihr Bau dauerte zehn Jahre, wurde von Skandalen erschüttert und ist viel teurer geworden als befürchtet – und sie ist ein Meisterwerk. Die Elbphilharmonie in Hamburg ist schon vor ihrer Eröffnung DAS neue Hamburger Wahrzeichen. Am Wochenende werden die Hamburger das Bauwerk bestaunen. Was sie sehen werden, lesen Sie hier.

Wenn man sich vorstellt, dass der Flughafen Berlin-Brandenburg 6,5 Milliarden Euro kosten wird, ein Zweckbau, der das Ansehen der Stadt nach unten zieht und nie ein Kristallisationspunkt der Stadt werden wird, so sind die 789 Millionen Euro für die Elbphilharmonie im Hamburger Hafen sehr gut angelegtes Geld.

Vergleichbar mit dem Opernhaus von Sydney

Ja, die ursprünglich kalkulierten Baukosten von 77 Millionen Euro haben sich verzehnfacht, und die Bauzeit hat sich um sechs Jahre verlängert. Aber trotz aller Probleme haben die Schweizer Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron aus Basel einen Bau verwirklicht, der ungeheure Identifikationskraft ausstrahlt. Am heutigen Freitag übergeben Herzog und de Meuron das Bauwerk offiziell an die Öffentlichkeit.

Der Architekturkritiker der Süddeutschen Zeitung, Gottfried Knapp, schwärmt, dass die Elbphilharmonie „eine solch identifikatorische und ästhetische Kraft entwickelt, dass man als vorzeitig eingelassener Besucher ständig zwischen Überraschung und Überwältigung hin- und hertaumelt, als Kritiker aber hilflos nach Vergleichsmaßstäben sucht.“

Die Süddeutsche meint sogar, dass es weltweit nur ein einziges, vergleichbares Gebäude gibt, das eine ähnliche Präsenz entfaltet: die Oper von Sydney. Das sind Vorschusslorbeeren, von denen die Architekten des Berliner Flughafen und den in die Erde verbuddelten neuen Hauptbahnhofes von Stuttgart nur träumen können. Wen wundert es, dass schon jetzt die Konzerte in der Elbphilharmonie, die erst im nächsten Jahr beginnen, ausverkauft sind?

Bauquerelen waren Auftakttremolo für etwas Großes

FERTIG strahlt die 16.000-qm-Glasfassade seit wenigen Tagen kurz und bündig in die Welt, und die ersten Konzerte werden ab dem 11. Januar erklingen. Die Plaza, die Gastronomie und das Hotel nehmen bereits jetzt, Anfang November, den Betrieb auf. An diesem Wochenende werden die Hamburger also dieses Bauwerk besteigen und zu dem Ihrigen machen.

 

Wenn man diesen Monoliten sieht, der auf einem alten Speicher mitten im Wasser des Hamburger Hafens steht, kann man sich die Probleme und Turbulenzen kaum vorstellen, die das Werk begleitet haben. Eigentlich hatte der Bauherr, die Stadt Hamburg, mit Kosten von 77 Millionen Euro gerechnet. Und eröffnet werden sollte das Akustik-Juwel, dessen Optik zwischen Kristall und Meereswogen liegt, bereits 2010.

Dass sich beides weit vom eigentlichen Plan entfernt hat, liegt an einer Verquickung planerischer Fehler, unrealistischer Erwartungen, Nachforderungen des ausführenden Generalunternehmers Hochtief und an einer gehörigen Portion bewussten Wegsehens der Politik in der Hansestadt. „Eine fehlende Detailplanung“ beklagte der frühere Hamburger Bürgermeister Ole von Beust während der Schlüsselübergabe an seinen derzeitigen Nachfolger Olaf Scholz.

Nicht zuletzt die unglaublich vielen Einzelstücke und individuellen Elemente, die der Entwurf der Architekten notwendig gemacht hatte, dürften eine maßgebliche Rolle gespielt haben: Kaum etwas ist von der Stange, vieles musste extra angefertigt werden. Mit den explodierenden Baukosten einher ging auch die Verzögerung im Bau – zwischen November 2011 bis April 2013 ruhten die Arbeiten 18 Monate komplett, weil sich die Beteiligten gründlich in den Haaren lagen.

Mitschuldig dürften auch die insgesamt rund 10.000 Baumängel gewesen sein, die im Laufe der Zeit zutage traten. Immerhin haben die Erbauer den Termin der Schlüsselübergabe, der mindestens seit Mitte 2015 feststand, am Ende genauestens eingehalten.

Ein akustisches und optisches Juwel

Was die Hamburger Bürger und ihre musikbegeisterten Gäste jedoch am Ende bekommen haben, ist einzigartig in Deutschland und ein bauliches wie musikalisches Juwel: Die 110 m hohe Elbphilharmonie ist eine architektonische Verbindung zwischen Tradition und Moderne. Der neugebaute Teil aus 1100 unterschiedlich geformten Einzelteilen aus Glas und jeder Menge Stahl – 18.000 t im gesamten Gebäude – steht auf einem alten Speicher aus Backstein, einem der charakteristischen Lagerhäuser, die die Hamburger Speicherstadt prägen. Diesen Anblick können die Hamburger schon seit Juli 2015 unverstellt genießen.

Die Elbphilharmonie hat ein Dach, wie es das kein zweites Mal gibt. Es wirkt wie ein im Wind flatterndes Tuch, dessen Spitzen gegen den Himmel zeigen. Die Glasfassade besteht nicht einfach aus glatten Glasplatten, wie bei gewöhnlichen Flughafengebäuden. Nein, die Scheiben sind mit grafischen Elementen bedruckt, sie wölben sich nach außen und geben Blicke frei – nach unten auf die Menschen am Boden, zum Hafen, in den Himmel.

Und auch das Innere ist außergewöhnlich: So erstreckt sich zwischen den beiden Bauteilen, auf dem Dach des ursprünglichen Kaispeichers, die sogenannte Plaza auf rund 4000 qm. Auf einer Höhe von 37 m verbindet die öffentlich zugängliche Halle alt und neu, bietet freie Sicht auf Stadt und Hafen und funktioniert als Eingang zu den Konzertsälen sowie zum integrierten Hotel. 

„Weiße Haut“ aus individuell gefertigten Elementen

So richtig spannend wird es jedoch in Konzertsälen selbst. Der große Saal mit seinen 2100 Sitzplätzen zum Beispiel ist mit insgesamt 10.000 durchschnittlich je 70 kg schweren Kacheln aus Altpapier und hochverdichtetem Gips ausgekleidet. Muschelförmig gefräste Mulden von 5 bis 90 mm Tiefe sorgen für ein beeindruckendes Licht- und Schattenspiel. Jede einzelne wurde individuell hergestellt und musste an einem bestimmten Platz angebracht werden.

 

Neben einem immensen Preis hat diese „weiße Haut“, wie sie genannt wird, noch einen weiteren, in diesem Fall beabsichtigten Effekt: Sie unterstützt die Akustik auf optimale Weise. Ebenso zahlt die trichterförmige Deckenkonstruktion auf das Hörerlebnis ein. Für ein stimmiges Klangbild hat der eigens engagierte japanische Akustiker Yasuhisa Toyota von Nagata Acoustics gesorgt.

Klangerlebnis mit dem ganzen Körper

Auch die terrassenförmige, unsymmetrische Anordnung der Sitzplätze – niemand ist weiter als 30 m vom Dirigenten entfernt – und eine akustische Entkopplung von der Außenwelt stützen das Hörerlebnis. Damit kommt der Star dieses Saals optimal zur Geltung: die Orgel aus dem Hause Klais in Bonn. Genau 4765 Pfeifen hat Orgelbauer Philipp Klais in Zusammenarbeit mit dem Orgelsachverständigen Manfred Schwartz speziell auf diesen Raum abgestimmt. Jahrelang haben sie daran geplant und gebaut.

Das Ergebnis kann sich nicht nur sehen, sondern auch hören und sogar fühlen lassen: Die Frequenzen werden von Decke und Wänden reflektiert, rieseln durch den Raum, treffen gleichermaßen auf den Körper und das Trommelfell des Zuhörers und ermöglichen so ein ganzheitliches Erleben von Musik.

Die Klänge kommen nicht nur frontal auf den Hörer zu, sondern auch von der Seite – eben da, wo die Ohren sind. Die Orgel umarme den Zuhörer auf sympathische Weise, erklärte Elbphilharmonie-Intendant Christoph Lieben-Seutter dementsprechend bei einem Probehören vor wenigen Wochen, als Titularorganistin Iveta Apkalna die Pfeifen für eine Gruppe Journalisten zum Klingen brachte.

Soundinstallation im November

Wer die Akustik selbst erleben will, muss noch nicht einmal bis zu den ersten Konzerten nach der offiziellen Eröffnung im Januar warten (verfügbare Tickets gibt es hier). Vom 5. November bis zum 4. Dezember erklingt in der Elbphilharmonie die Soundinstallation „The Ship“ des britischen Musikers, Musikproduzenten und Künstlers Brian Eno. Eintrittskarten gibt es ab 3 Euro, einige Termine sind aber schon ausverkauft. Hier können Sie es noch versuchen, um ein Ticket zu ergattern.

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Von Judith Bexten & Axel Mörer-Funk
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