Kampf gegen den Klimawandel 23.09.2019, 09:05 Uhr

Klimakonzept: Was die Bundesregierung vergessen hat

Die Bundesregierung hat ihr Klimakonzept vorgestellt. Doch ein bisschen teurerer Sprit wird kaum einen Autofahrer ausbremsen. Es gibt so viele Alternativen, die mehr bringen würden als die Berliner Eckpunkte.

Bild, das auf der einen Seite einen grünen Baum und auf der anderen Seite einen vertrockneten Baum in der Wüste zeigt

Foto: panthermedia.net/kevron2002

Die Bundesregierung nimmt bis 2023 mehr als 50 Milliarden Euro in die Hand, um die Klimaziele für 2030 doch noch zu erreichen. Klingt viel, ist aber eher ein Tropfen auf den heißen Stein. Benzin, Diesel, Heizöl und Erdgas werden ein bisschen teurer. Doch ähnlich wie bei der Erhöhung der Tabaksteuer lässt das den Verbraucher relativ kalt. Er wird nach Einschätzung von Experten kaum weniger Autofahren und auch nicht im Kalten sitzen wollen.

Alternative Antriebe: Biomethan statt Strom

Nach wie vor wird das batteriebetriebene Elektroauto massiv gefördert, obwohl es keineswegs emissionsfrei unterwegs ist. Welche Alternativen es gäbe, haben wir im Artikel „Elektromobilität: Bundesregierung fördert am Bedarf vorbei“ aufgeschrieben. Nun hat das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) in Karlsruhe in einer Studie nachgewiesen, das Autos mit Erdgasmotor, die Ökomethan aus Biogasanlagen tanken, die geringsten CO2-Emissionen haben. Die Forscher betrachteten Fahrzeuge mit klassischen und alternativen Antrieben und berechneten deren Gesamtemissionen über einen Zeitraum von 13 Jahren. Das Argument, Biogasanlagen in Deutschland könnten nicht genügend Biomethan produzieren, wiesen sie zurück. Es reiche allemal für fast 9 Millionen Autos.

ÖPNV-Tickets günstiger machen

Statt weiter auf Individualverkehr via Pkw zu setzen, fordern Klimaschützer und Bürgerbewegungen, den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV), also Bus und Straßenbahn günstiger zu machen. Im Raum steht etwa das Wiener Modell: In der österreichischen Hauptstadt kostet das Jahresticket 365 Euro, also 1 Euro am Tag.

In Augsburg dürfen Bürger künftig für 79 Euro im Monat alle Verkehrsmittel ohne Zusatzkosen nutzen. Außerdem stehen ihnen Car-Sharing-Fahrzeuge und Leihräder zur Verfügung, für eine gewisse Zeit im Monat jedenfalls. Auch das könnte den CO2-Ausstoß deutlich verringern. Die Klima-Initiative der Bundesregierung hält mit einer Umsatzsteuerermäßigung um voraussichtlich 12 Prozentpunkte dagegen. Angesichts der hohen Ticketpreise im Nahverkehr wird das kaum jemanden dazu bewegen, sein Auto stehen zu lassen und auf Bus oder Straßenbahn umzusteigen. Das können sich nur Zeitkarteninhaber leisten, die tatsächlich günstiger fahren.

Ausbau der Bahnstrecken, etwa nach Hamburg

Wenn Inlandsflüge teurer werden, könnte das tatsächlich einen ordentlichen Beitrag zur Senkung der CO2-Emissionen leisten. Wegen des Ausbaus des Hochgeschwindigkeitsnetzes ist die Bahn in vielen Fällen bereits gleich schnell, sodass Inlandsflüge tatsächlich überflüssig werden. Derzeit ist die Strecke Stuttgart-München im Bau, die deutlich kürzere Fahrzeiten möglich macht. Von den wichtigsten Hauptstrecken wird nur die Verbindung Ruhrgebiet-Hamburg stiefmütterlich behandelt. Sie ist auf einer Strecke von etwa 20 Kilometern sogar einspurig, was bei den geringsten Störungen zu bundesweiten Verspätungen führt.

Woher kommt künftig der Strom?

Keine Antwort gibt es im Klimakonzept auf die Frage, woher der Strom kommen soll, wenn Wind- und Solarkraftwerke wetterbedingt schwächeln. Heute gleichen das vor allem Steinkohle- und Erdgaskraftwerke aus. Nötig wären gewaltige Energiespeicher, die viele Milliarden kosten. Dazu müssten zusätzliche Anlagen für Regelenergie gebaut werden, die relativ kleine Stromschwankungen ausgleichen. Das übernehmen heute vor allem die großen Turbinen von Braunkohle- und Kernkraftwerken. Letztere haben in Spitzenzeiten die CO2-Emissionen in Deutschland pro Jahr um mehr als 100 Millionen Tonnen reduziert. Doch 2022 kommt der Ausstieg aus der Kernenergie. Der Abschied von der Kohle ist ebenfalls im Gang und soll 2038 abgeschlossen sein.

Ein wenig Erleichterung wird NordLink bringen, eine Gleichstromleitung zwischen Norwegen und Deutschland, mit der vor allem norwegischer Strom aus Wasserkraft transportiert werden soll. Das Kabel hat eine Leistung von 1.400 Megawatt. Das entspricht einem einzigen Kernkraftwerk. Mehr zu dem Projekt lesen Sie in „Dieses Unterseekabel macht Norwegen zu Deutschlands Energiespeicher“.

Die Ölheizung muss klimaneutral werden

Für Menschen, die fernab vom Erdgasnetz wohnen, wird das Verbot von neuen Ölheizungen ab 2026 ein herber Schlag. Entweder müssen sie auf Flüssiggas umsteigen, das viel teurer ist. Nicht anders sieht es bei Pelletkesseln aus, deren Brennstoff häufig aus Ländern kommt, die Wälder rücksichtslos abholzen. Wärmepumpen sind ebenfalls sehr teuer und daher für die Unter- und untere Mittelschicht keine Alternative. Dabei könnte man Öl- ebenso wie Gasheizungen in klimaneutrale Geräte verwandeln. Aus Wasserstoff, der sich mit Hilfe von Ökostrom erzeugen lässt, und Kohlendioxid können flüssige und gasförmige Brennstoffe für die jetzt vorhandenen Anlagen hergestellt werden. Derzeit bauen 2 Konsortien in Norddeutschland mit einem Kostenaufwand von jeweils 100 Millionen Euro derartige Produktionsstätten, die aber nur einen kleinen Teil des Bedarfs decken können.

Wärmedämmung bringt eine Menge

Durch Wärmedämmmaßnahmen kann tatsächlich eine Menge CO2 eingespart werden. Die Absicht der Bundesregierung, hier künftig mehr zu tun, dürfte die einzige Maßnahme sein, die nicht auf Kritik stößt. Doch angesichts der gewaltigen Menge an Aufgaben wird dafür nicht allzu viel Kohle zur Verfügung stehen.

 

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