7.000 Jahre alte Boote 21.03.2024, 11:58 Uhr

Wie Seefahrer in der Jungsteinzeit das Mittelmeer bereisten

In Italien wurden mehrere etwa 7.000 Jahre alte Kanus ausgegraben, die aufzeigen, wie Seefahrer aus der Jungsteinzeit das Mittelmeer überquert haben könnten.

Kanu Jungsteinzeit

Mit solchen Kanus haben Seefahrer in der Jungsteinzeit das Mittelmeer bereist.

Foto: Gibaja et al., 2024, PLOS ONE, CC-by 4.0

Wir kennen die Phönizier, Karthager, Griechen oder Römer, die das Mittelmeer befuhren. Doch schon lange vor diesen Zivilisationen gab es Seefahrer auf dem fast geschlossenen Meer. Das belegen Funde, die vor einiger Zeit in Italien gemacht wurden. Die Kanus sind etwa 7.000 Jahre alt und zeigen, dass es schon damals Migrationsbewegungen im Mittelmeerraum gab. So gelangten in der Jungsteinzeit, dem Neolithikum, Menschen aus dem Nahen Osten nach und nach in den gesamten Mittelmeerraum und erreichten schließlich auch die Küsten Portugals.

Ältesten Boote im Mittelmeerraum

Über Migrationen und Seefahrten in der Jungsteinzeit war bisher wenig bekannt. Ein Forscherteam unter der Leitung des Archäologen Juan Gibaja vom Spanischen Nationalen Forschungsrat hat nun ein Quintett von Kanus beschrieben, die in einer neolithischen Siedlung an einem See in der Nähe von Rom (Italien) gefunden wurden.

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„Die direkte Datierung der neolithischen Kanus aus La Marmotta zeigt, dass sie die ältesten im Mittelmeerraum sind“, so die Forschenden in einer Mitteilung.  Die neolithische Siedlung La Marmotta wurde 1989 von Archäologen acht Meter unter der Oberfläche des Bracciano-Sees entdeckt, der durch den Fluss Arrone mit dem Mittelmeer verbunden ist.

Bei Ausgrabungen in den Jahren 1992 bis 2006 und erneut 2009 wurden die Siedlung und Teile der hölzernen Behausungen freigelegt. Diese waren durch Schlamm und Wasser außergewöhnlich gut konserviert. Diese Funde zeigen, dass La Marmotta eine blühende landwirtschaftliche Gemeinde war, die aufgrund ihrer Lage nahe der Mittelmeerküste wahrscheinlich ein wichtiges Handelszentrum darstellte.

Analyse der Einbäume brachte überraschende Erkenntnise

Die Untersuchung von fünf alten Einbäumen durch Gibaja und Kollegen zeigt, wie der Handel durch die fortgeschrittenen Fähigkeiten der Bewohner in der Holzbearbeitung und im Schiffbau ermöglicht wurde. An den Holzteilen konnten eindeutig Spuren von einer Bearbeitung mit Beilen und Äxten gefunden werden. Kurzum: Die Einbäume zeugen von einem beeindruckenden handwerklichen Können.

Eines der Boote aus Eichenholz war etwa elf Meter lang und übertraf damit bei weitem die für die Überquerung des Bracciano-Sees erforderliche Größe. Die anderen vier Boote waren zwischen vier und zehn Meter lang und bestanden aus verschiedenen Holzarten wie Erle, Pappel und Buche. Querbalken verstärkten zusätzlich die Struktur der Kanus. Bei einem Boot wurden außerdem drei T-förmige Objekte entdeckt, die in Abständen entlang der Bootswand eingefügt waren. Diese könnten zur Befestigung von Seilen oder auch eines Segels gedient haben.

Kanu Jungsteinzeit

Technik und Verständnis für den Schiffsbau waren in der Jungsteinzeit bereits erstaunlich weit fortgeschritten.

Foto: Gibaja et al., 2024, PLOS ONE, CC-by 4.0

Erstaunliches Fachwissen notwendig

Das Forschungsteam war erstaunt darüber, wie hoch das Fachwissen der Menschen aus der Jungsteinzeit bereits war: „Es muss Menschen gegeben haben, die wussten, wie man die besten Bäume auswählt, wie man den Stamm sägt und durch Ausbrennen in der Mitte aushöhlt und wie man den Einbaum mit Querversteifungen an der Basis stabilisiert, vielleicht auch mit Seitenstangen oder sogar mit parallelen Kanus in Form eines Katamarans.“

Laut Forschungsteam haben dies zu mehr Sicherheit und Stabilität sowie zu einer größeren Kapazität für den Transport von Menschen, Tieren und Gütern geführt. Die Ähnlichkeit dieser Eigenschaften mit modernen nautischen Technologien lässt das Team vermuten, dass bereits im frühen Neolithikum bedeutende Fortschritte im Bereich des Segelns gemacht worden sein müssen. Die Forschenden denken zudem, dass möglicherweise noch weitere, bislang unentdeckte Boote tief im Schlamm des Bracciano-Sees verborgen liegen. Man schätzt, dass bisher erst ein Viertel der Fundstelle freigelegt wurde.

Konkrete Gründe für die plötzliche Aufgabe von La Marmotta um 5230 v. Chr. sind den Archäologen jedoch noch immer ein Rätsel. Angesichts der vielen zurückgelassenen und gut erhaltenen Gegenstände deuten die archäologischen Aufzeichnungen darauf hin, dass die Menschen die Stadt überstürzt verließen, vielleicht weil das steigende Wasser die Stadt schnell überflutete, bevor die Überreste zerfallen konnten.

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Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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