Zugunglück in Mannheim 07.08.2014, 13:05 Uhr

Lokführer des Güterzugs soll drei Stoppsignale ignoriert haben

Der Lokführer des verunglückten Güterzugs in Mannheim soll drei Haltesignale missachtet und sogar die automatische Notbremsung deaktiviert haben, bevor er mit dem Eurocity zusammenprallte. Zwar konnte er wegen seines Schocks noch keine Aussage machen. Doch wird er sich wahrscheinlich wegen fahrlässiger Köperverletzung verantworten müssen. 

Das Verhalten des geschockten Lokführers bleibt ein Rätsel: Er deaktivierte offenbar die Notbremsung und fuhr an zwei weiteren Haltesignalen vorbei. Erst dann kollidierte er mit dem Eurocity und brachte zwei Waggons zum Umstürzen. 

Das Verhalten des geschockten Lokführers bleibt ein Rätsel: Er deaktivierte offenbar die Notbremsung und fuhr an zwei weiteren Haltesignalen vorbei. Erst dann kollidierte er mit dem Eurocity und brachte zwei Waggons zum Umstürzen. 

Foto: dpa

Es war wohl wie so oft menschliches Versagen, welches am vergangenen Freitagabend zum Zugunfall vor dem Mannheimer Hauptbahnhof führte. Die Staatsanwaltschaft Mannheim ermittelt jetzt wegen des Verdachts der fahrlässigen Körperverletzung und wegen Gefährdung des Bahnverkehrs gegen den Lokführer des Güterzugs, der den Eurocity mit 250 Passagieren an Bord seitlich rammte.

Der Lokführer soll drei Haltesignale missachtet haben. Das Eisenbahn-Bundesamt (EBA) bestätigte das am Mittwochnachmittag nach der Auswertung der elektronischen Fahrzeugregistrierung des Güterzugs. „Sie zeigen, dass der Zug zunächst an einem Halt zeigenden Signal nicht zum stehen gekommen ist und daraufhin zwangsgebremst worden ist. Der Zug hat für kurze Zeit gestanden, sich dann aber wieder in Bewegung gesetzt.“ Im Klartext: Der Lokführer hat die Bremsung aus eigener Initiative aufgehoben und seine Fahrt fortgesetzt – genauso sieht es die Staatsanwaltschaft.

Geschockter Lokführer hat noch nicht ausgesagt 

In der Folge wurden 35 Menschen verletzt, vier davon schwer. Zwei Waggons mit insgesamt 110 Menschen kippten um. Die Frage, warum der Lokführer eigenmächtig und ohne Freigabe durch das Stellwerk einfach weiter gefahren ist, haben die Ermittler noch nicht klären können. Der 60-Jährige ist laut Bundespolizei nach dem Unfall kurz befragt worden, gab aber keine Aussage zu Protokoll, weil er unter Schock stand.

Gestern nun haben die Staatsanwaltschaft Mannheim und die Bundespolizei zum Hergang des Unfalls Folgendes bekannt gegeben: „Der EC 216 mit Fahrtrichtung Hauptbahnhof Graz zum Hauptbahnhof Saarbrücken sollte planmäßig um 20.48 Uhr im Mannheimer Hauptbahnhof ankommen. Die Einfahrt für den EC 216 wurde vom zuständigen Fahrdienstleiter der Deutschen Bahn AG im Bahnhof Mannheim für das Gleis 2 freigegeben. Gleichzeitig wurde das Gleis 1 für die aus Richtung Heidelberg kommende S2 freigegeben.“

Zwei Waggons mit 110 Passagiern sind beim Zusammenstoß umgekippt. 35 Menschen wurden verletzt, vier von ihnen schwer. 

Zwei Waggons mit 110 Passagiern sind beim Zusammenstoß umgekippt. 35 Menschen wurden verletzt, vier von ihnen schwer. 

Foto: dpa

Der Güterzug 40635 erreichte zu diesem Zeitpunkt den Einfahrtsbereich des Hauptbahnhofes Mannheim. Planmäßig sollte er auf Gleis 3 einfahren. Da die Zufahrt zu Gleis 3 noch nicht freigeben war, erhielt der Triebfahrzeugführer per Signal die Information, dass ein Halt zu erwarten sei. Daraufhin reduzierte er die Geschwindigkeit des Güterzuges. Jedoch kam dieser nicht rechtzeitig zum Stehen, so dass durch die elektronische Fahrtüberwachung der Zug automatisch gebremst wurde.

Die Bremsung wurde nach dem derzeitigen Stand der Ermittlungen durch den Lokführer wieder aufgehoben, und der Güterzug setzte so seine Fahrt fort. Dabei fuhr er an zwei weiteren Halt zeigenden Lichtsignalen vorbei. Dies führte dazu, dass der Güterzug direkt in die rechte Flanke des auf dem linken Nachbargleis fahrenden EC 216 fuhr. Durch die Kollision wurden der zweite und dritte Reisezugwagen des EC 216 umgeworfen. Die Lok des Güterzuges sowie die beiden folgenden Güterwagen entgleisten. Dabei fielen von dem ersten Containertragwagen zwei Metallcontainer herunter und stürzten in das benachbarte Gleis.

Lokführer kam von einer Personalagentur 

Der niederländische Güterzug gehört dem Unternehmen ERS Railways, die Lok wurde von den Österreichischen Bundesbahnen angemietet, der Lokführer besitzt nach Angaben der Staatsanwaltschaft einen deutschen Pass. Nach Auskunft der Deutschen Bahn ist der Lokführer des Güterzuges aber kein Mitarbeiter des Unternehmens. Den Ermittlern zufolge ist der Mann bei einer Personalagentur als Triebwagenführer angestellt. Vielleicht hatte er es einfach nur eilig. Denn in Mannheim standen seine Ablöse und damit sein Feierabend auf dem Programm, bevor der Zug weiter nach Sopron in Ungarn fahren sollte.

In der Nacht liefen die Bergungsarbeiten vor dem Mannheimer Hauptbahnhof auf Hochtouren. Mittlerweile ist das Chaos an der Unfallstelle beseitigt, die Ermittlungen laufen jedoch weiter auf Hochtouren. 

In der Nacht liefen die Bergungsarbeiten vor dem Mannheimer Hauptbahnhof auf Hochtouren. Mittlerweile ist das Chaos an der Unfallstelle beseitigt, die Ermittlungen laufen jedoch weiter auf Hochtouren. 

Foto: dpa

Nun werden seitens der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) Forderungen nach einer einheitlichen Ausbildung und besseren Kontrolle von Lokführern laut. „Ohne über die tatsächlichen Ursachen spekulieren zu wollen, zeigt dieser Vorfall wieder einmal, dass hinterfragt werden muss, welche Qualifikationen nötig sind, um auf dem deutschen Netz Eisenbahn zu fahren“, sagte EVG-Vorstand Reiner Bleck.

Untersuchungen fokussieren sich auf Betriebsabläufe 

Laut Deutsche Bahn und den Ermittlern haben die technischen Einrichtungen, also Lichtsignal-Anlagen und Weichen, alle einwandfrei funktioniert. Jetzt sollen zur Rekonstruktion des Unfalls die Funksprüche zwischen dem Triebwagenführer und dem Fahrdienstleiter im Stellwerk beitragen. Es soll auch Befragungen geben. Die Eisenbahn-Unfalluntersuchungsstelle des Bundes fokussiert ihre Untersuchungen zur Zeit weiterhin auf die betrieblichen Abläufe. Daneben würden aber auch die Leit- und Sicherungstechnik sowie die Infrastruktur geprüft.

Die Reparaturarbeiten im Mannheimer Hauptbahnhof an den beschädigten Weichen, Gleisen und Signalanlagen sind inzwischen weitgehend abgeschlossen. Seit gestern Abend um 18.00 Uhr fahren die Regionalbahnen der Linie Heilbronn-Mannheim wieder durchgehend auf der gesamten Strecke. Seit heute Morgen, so versichert Bahn-Sprecher Martin Schmolke, verkehren auch alle bislang betroffenen Fern- und Regionalzüge wieder planmäßig über Mannheim Hauptbahnhof. Alle Fahrteinschränkungen, insbesondere am besonders betroffenen Gleis 2, sind aufgehoben.

Von Detlef Stoller Tags:

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