Lenkung kann ausfallen: Jetzt ruft auch Škoda 1,7 Mio. Autos zurück
Nun trifft der Lenkungsrückruf auch Škoda: 1,72 Mio. Fahrzeuge weltweit und 370.347 in Deutschland sind betroffen. Zusammen erfassen die separaten Aktionen bei VW, Audi, Seat und Škoda bereits rund 4,64 Mio. Autos.
Ein VW Golf von 2016 in der Autotürmen in Wolfsburg. In Deutschland müssen fast 900.000 Golf und weitere Modelle wegen einer möglichen defekten Schraube am Lenkgetriebe in die Werkstätten.
Foto: picture alliance / dpa | Julian Stratenschulte
Der Rückruf im Volkswagen-Konzern ist inzwischen deutlich größer, als die zunächst genannten „fast eine Million Autos“ vermuten lassen: Allein bei der Marke Volkswagen sind in Deutschland 895.832 betroffen, weltweit sogar 2.159.054. Hinzu kommen separate Rückrufaktionen für Audi, Seat und nun Škoda. Zusammen erfassen die vier Rückrufaktionen des Kraftfahrtbundesamtes (KBA) weltweit rund 4,64 Mio. Fahrzeuge, davon knapp 1,37 Mio. in Deutschland.
Bei Volkswagen geht es um die Baureihen Golf, Golf Variant, Tiguan, Touran und Caddy. Der zusammengefasste Produktionszeitraum reicht vom 24. September 2013 bis zum 1. Juli 2024. Das bedeutet allerdings nicht, dass jedes Fahrzeug dieser Modelle und Baujahre zurückgerufen wird. Entscheidend ist die Fahrzeug-Identifizierungsnummer (FIN).
Das KBA führt den VW-Rückruf unter der Referenznummer 17016R. Der interne Aktionscode von Volkswagen lautet 48VS. Für Škoda gelten die KBA-Referenznummer 17091R und der Hersteller-Aktionscode 48LS.
Inhaltsverzeichnis
Škoda: Vier Modellreihen und ein Produktionszeitraum bis 2026
Die Rückrufmeldung für Škoda vom 2. Oktober nennt 370.347 potenziell betroffene Fahrzeuge in Deutschland und 1.719.030 weltweit. Der zusammengefasste Produktionszeitraum der Modelle Karoq, Kodiaq, Octavia und Superb reicht von November 2015 bis August 2026. Auch hier entscheidet die FIN; die Zeitspanne bedeutet nicht, dass alle Fahrzeuge dieser Baureihen betroffen sind.
Škoda erklärte gegenüber dem ADAC am 2. Oktober: „Unter bestimmten Umgebungsbedingungen und nach langjährigem Betrieb in streusalzbelasteten Bereichen kann es zu Korrosion an einer Befestigungsschraube im Lenksystem kommen.“ Der Rückruf erfasst damit auch jüngere Fahrzeuge vorsorglich. Daraus folgt nicht, dass bei diesen bereits ein Korrosionsschaden vorliegt.
Als Abhilfemaßnahme ist der Austausch der Lenkungsverschraubung gegen eine korrosionsbeständigere Schraube vorgesehen. Die Škoda-Fahrzeuge werden separat erfasst und gehören nicht zur VW-Aktion 17016R.
Schraube am Lenkgetriebe kann korrodieren
Ursache des Rückrufs ist eine Befestigungsschraube des Lenkgetriebes. Nach Angaben des Herstellers kann Feuchtigkeit in den Bereich der Verschraubung eindringen. Im Laufe der Jahre kann die Schraube dadurch korrodieren und womöglich abreißen. Bricht der Schraubenkopf, ist das Lenkgetriebe nur noch über einen weiteren Befestigungspunkt mit dem Vorderachsträger verbunden. Bei einer hohen mechanischen Belastung kann anschließend auch das Gehäuse des Lenkgetriebes beschädigt werden. Im ungünstigsten Fall geht die Lenkfähigkeit verloren.
Besonders hohe Kräfte treten beim Einparken und bei langsamen Rangiermanövern auf. Ein beginnender Schaden muss für den Fahrer nicht unmittelbar erkennbar sein. Das KBA stuft den Mangel deshalb als sicherheitsrelevant ein und untersucht bzw. überwacht die Rückrufaktion. Nach den vom ADAC am 2. Oktober wiedergegebenen Herstellerangaben sind in Deutschland keine Sach- oder Personenschäden im Zusammenhang mit dem Mangel bekannt.
Bislang sind nach Angaben von KBA, Volkswagen und ADAC keine Unfälle sowie keine Personen- oder Sachschäden bekannt, die auf den Fehler zurückgeführt werden. Volkswagen geht Medienberichten zufolge davon aus, dass höchstens 1 % der zurückgerufenen Fahrzeuge tatsächlich den beschriebenen Schaden aufweisen. Wegen der möglichen Folgen werden dennoch alle potenziell betroffenen Autos überprüft. Diese VW-Einschätzung ist keine belegte Schadensquote für die nun hinzugekommenen Škoda-Fahrzeuge.
Auch Audi Q3 betroffen
Neben Volkswagen ruft Audi in Deutschland 58.555 Exemplare des Q3 zurück, weltweit sind es knapp 700.000 Fahrzeuge. Der Audi-Produktionszeitraum reicht vom 31. Oktober 2017 bis zum 23. Mai 2024. Das KBA führt diesen Rückruf unter 17014R, Audi unter dem Aktionscode 48LG.
Auch bei Seat sind Ateca und Tarraco von einer entsprechenden Aktion betroffen. Diese Fahrzeuge gehören jedoch nicht zum VW-Rückruf 17016R, sondern werden separat erfasst.
Dürfen die Autos noch gefahren werden?
Volkswagen hatte bei Bekanntwerden des Rückrufs erklärt, dass die Fahrzeuge vorerst weitergefahren werden dürfen. Diese Aussage darf nicht ohne Weiteres auf die separate Škoda-Aktion übertragen werden. Škoda-Besitzer sollten bei ihrem Servicepartner anhand der FIN klären, ob ihr Fahrzeug betroffen ist und welche Vorgaben für die weitere Nutzung gelten. Halter sollten den Rückruf trotzdem ernst nehmen und nach Erhalt des Schreibens möglichst zeitnah einen Werkstatttermin vereinbaren.Wer beim Lenken ungewöhnliche Geräusche, Spiel, schwergängige Bewegungen oder eine Warnmeldung bemerkt, sollte laut VW vorsichtshalber anhalten und Volkswagen, eine Vertragswerkstatt oder die Pannenhilfe kontaktieren.
Wenn ein Gleichteil zum Serienrisiko wird
Die ungewöhnlich hohe Zahl betroffener Fahrzeuge verweist auf einen grundsätzlichen Zielkonflikt moderner Plattformstrategien. Volkswagen verwendet im Modularen Querbaukasten und in weiteren Baukastensystemen gemeinsame Komponenten, Module und Fertigungsprozesse für zahlreiche Modelle und Konzernmarken. Das senkt Entwicklungs- und Produktionskosten, vereinfacht die Fertigung und ermöglicht größere Stückzahlen bei einzelnen Bauteilen.
Genau diese Skalierung kann sich bei einem Konstruktions-, Material- oder Fertigungsfehler jedoch umkehren. Wird ein anfälliges Gleichteil über Jahre hinweg in mehreren Modellreihen verwendet, beschränkt sich ein Rückruf nicht auf einzelne Fahrzeuge. Aus einer korrodierenden Schraube wird dann eine konzernweite Aktion für Hunderttausende oder sogar Millionen Autos.
Ob der aktuelle Rückruf unmittelbar auf die Plattformstrategie zurückzuführen ist, lässt sich anhand der bislang veröffentlichten Informationen jedoch nicht genau beurteilen. Golf, Tiguan und Touran nutzen zwar den Modularen Querbaukasten, doch nicht alle betroffenen Modellgenerationen basieren auf exakt derselben Plattform. Gemeinsam ist ihnen offenbar vor allem die betreffende Befestigungslösung am Lenkgetriebe. Präziser als von einem „MQB-Fehler“ zu sprechen, ist daher die Einordnung als Risiko einer weitreichenden Gleichteile- und Modulstrategie, wie sie auch viele andere Hersteller befolgen.
Die hat allerdings auch eine positive Seite: Ist der Fehler einmal erkannt, können Hersteller Ursache, Prüfverfahren und Ersatzteil zentral festlegen und die Reparatur über ihr gesamtes Servicenetz ausrollen. Im aktuellen Fall genügt nach bisherigem Stand der Austausch einer einzelnen Schraube. Logistisch bleibt eine Werkstattaktion für fast 900.000 VW-Fahrzeuge allein in Deutschland dennoch gewaltig. Die zusätzliche Škoda-Aktion für gut 370.000 Autos hierzulande vergrößert den Umfang weiter.
Was macht die Werkstatt?
In der Vertragswerkstatt wird die Befestigung des Lenkgetriebes kontrolliert. Die vorhandene Schraube wird durch eine Ausführung mit höherer Korrosionsbeständigkeit ersetzt. Die Arbeiten sind für die Fahrzeughalter kostenlos. Inzwischen ist allerdings ein Engpass bei der überarbeiteten Schraube bekannt. Volkswagen erklärte laut ADAC-Update vom 2. Oktober, dass bei einem Teil der Fahrzeuge zunächst eine neue Schraube des bisherigen Typs eingesetzt werden kann. Sobald die korrosionsbeständigere Ausführung verfügbar ist, wird ein weiterer Austausch nötig. Halter sollten bei der Werkstatt klären, ob die Aktion mit dem ersten Termin vollständig abgeschlossen wird.
So prüfen Besitzer, ob ihr VW betroffen ist
Der Produktionszeitraum allein reicht für eine sichere Zuordnung nicht aus. Für VW gelten die oben genannten Modelle und Produktionsdaten, für Škoda Karoq, Kodiaq, Octavia und Superb aus dem zusammengefassten Zeitraum November 2015 bis August 2026. Auch Audi- und Seat-Besitzer sollten ihre separate Aktion beim jeweiligen Markenpartner prüfen.
- Die 17-stellige Fahrzeug-Identifizierungsnummer bereithalten. Sie steht in der Zulassungsbescheinigung Teil I im Feld E und ist außerdem am Fahrzeug angebracht.
- Den Vertragspartner oder die Kundenbetreuung der eigenen Marke kontaktieren. Škoda bietet zusätzlich eine Online-Abfrage für weitere Rückrufaktionen an.
- Bei VW den Aktionscode 48VS oder die KBA-Referenznummer 17016R nennen; bei Škoda 48LS beziehungsweise 17091R.
- Wird die Betroffenheit bestätigt, einen kostenlosen Werkstatttermin vereinbaren.
- Das Halteranschreiben nicht ignorieren – auch dann nicht, wenn die Lenkung bislang unauffällig funktioniert.
Die kostenfreie Volkswagen-Kundenbetreuung ist unter 0800 8655792436 erreichbar. Anfragen sind außerdem per E-Mail an kundenbetreuung@volkswagen.de möglich. Caddy-Besitzer können sich laut VW auch an einen Volkswagen-Nutzfahrzeuge-Partner wenden; die zentrale Telefonnummer ist dieselbe. Die Škoda-Kundenbetreuung nennt auf ihrer Rückrufseite die Hotline 0800 4424244 und die E-Mail-Adresse info@skoda-auto.de.
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