Hitzewelle: Warum die Bahn bei 35 °C plötzlich Probleme bekommt
Hitze bringt die Bahn an ihre Grenzen: Schienen verformen sich, Oberleitungen hängen durch, Technik fällt aus. Warum 35 °C den Zugverkehr ausbremsen.
Hohe Temperaturen belasten nicht nur Fahrgäste, sondern auch Schienen, Oberleitungen und die Technik moderner Züge.
Foto: picture alliance / Fotostand | Gelhot
Das Wichtigste in Kürze
- Extreme Hitze belastet nicht nur Züge, sondern die gesamte Bahninfrastruktur.
- Schienen können sich ausdehnen und im Extremfall seitlich verformen.
- Oberleitungen, Weichen und Stellwerke reagieren ebenfalls empfindlich auf hohe Temperaturen.
- Bahnunternehmen überwachen ihre Infrastruktur verstärkt und ordnen bei Bedarf Langsamfahrstellen oder Streckensperrungen an.
- Der aktuelle Fall von National Express zeigt, wie ernst die Lage bei extremer Hitze werden kann.
Die aktuelle Hitzewelle zeigt, wie schnell hohe Temperaturen den Bahnverkehr beeinträchtigen können. Der Bahnbetreiber National Express hat angekündigt, den Zugverkehr auf mehreren wichtigen Regionalexpress-Linien in Nordrhein-Westfalen zwischen 13 und 19 Uhr vorsorglich einzustellen. Betroffen sind die Linien RE1, RE4, RE5, RE6 und RE11 – einige der am stärksten genutzten Bahnverbindungen des Landes.
Nach Angaben des Unternehmens dient die Maßnahme dem Schutz von Fahrgästen und Mitarbeitenden. Gleichzeitig soll verhindert werden, dass Züge unter den aktuellen Wetterbedingungen ungeplant auf freier Strecke liegen bleiben und anschließend evakuiert werden müssen.
Dass ein solches Szenario keineswegs nur theoretisch ist, zeigte sich bereits einen Tag zuvor in Bonn-Friesdorf. Dort blieb ein Zug auf freier Strecke stehen. Im weiteren Verlauf fiel auch noch die Klimaanlage aus. Die Feuerwehr musste rund 450 Fahrgäste aus dem Zug evakuieren. Ob die hohen Temperaturen für den technischen Defekt verantwortlich waren, ist bislang allerdings nicht bekannt. Ebenso ist unklar, ob dieser Vorfall Einfluss auf die Entscheidung von National Express hatte.
Der Fall verdeutlicht jedoch, wie stark lang anhaltende Hitze den Bahnverkehr unter Druck setzen kann. Denn betroffen sind längst nicht nur die Fahrzeuge. Auch Schienen, Oberleitungen, Weichen und elektronische Stellwerke geraten bei hohen Temperaturen an ihre Belastungsgrenzen.
Inhaltsverzeichnis
- Nicht die Lufttemperatur ist das eigentliche Problem
- Warum sich Schienen bei Hitze verbiegen können
- Gleisverwerfungen sind selten – aber gefährlich
- Warum Züge bei Hitze langsamer fahren
- Auch Oberleitungen geraten unter Spannung
- Weichen zählen zu den empfindlichsten Bauteilen
- Ohne Schotter funktioniert kein Gleis
- Klimaanlagen arbeiten am Limit
- Digitale Stellwerke brauchen ebenfalls Kühlung
- Böschungsbrände werden zum Sommerproblem
- Hitze belastet auch die Beschäftigten
- Hitzewellen werden zur Daueraufgabe
Nicht die Lufttemperatur ist das eigentliche Problem
Viele Menschen schauen im Sommer auf das Thermometer und wundern sich, warum bereits bei 35 °C Züge langsamer fahren oder sogar ausfallen. Tatsächlich ist die Lufttemperatur jedoch nur ein Teil des Problems.
Entscheidend ist die Temperatur der Bauteile selbst. Schienen bestehen aus Stahl und liegen stundenlang in der prallen Sonne. Dadurch können sie sich deutlich stärker aufheizen als die Umgebungsluft. Je nach Sonneneinstrahlung sind Oberflächentemperaturen von mehr als 50 °C keine Seltenheit.
Gleichzeitig heizen sich auch Oberleitungen, Weichen, Signaltechnik und Fahrzeugdächer stark auf. Hinzu kommt die Wärme, die durch den laufenden Bahnbetrieb entsteht. Die Infrastruktur muss deshalb deutlich höhere Temperaturen verkraften als viele Menschen vermuten.
Warum sich Schienen bei Hitze verbiegen können
Stahl besitzt eine physikalische Eigenschaft, die jeder Heimwerker kennt: Er dehnt sich aus, sobald seine Temperatur steigt. Auf wenige Meter fällt das kaum auf. Bei einer mehrere hundert Meter langen Schiene summiert sich diese Längenänderung jedoch schnell auf mehrere Zentimeter.
Damit Züge ruhig und komfortabel fahren können, verwendet die Deutsche Bahn heute überwiegend lückenlos verschweißte Schienen. Die früher typischen Schienenstöße gibt es auf Hauptstrecken kaum noch. Das verbessert den Fahrkomfort und reduziert den Verschleiß.
Die Kehrseite: Kann sich eine Schiene nicht frei ausdehnen, entstehen enorme Druckkräfte. Normalerweise werden diese Kräfte von Schwellen, Schotter und den Schienenbefestigungen aufgenommen. Ist das Gleis jedoch vorgeschädigt oder verliert der Schotter an Stabilität, kann sich die gesamte Gleislage verschieben.
Fachleute sprechen dann von einer Gleisverwerfung.
Gleisverwerfungen sind selten – aber gefährlich
Eine Gleisverwerfung gehört zu den gravierendsten Schäden im Eisenbahnbetrieb. Dabei verschiebt sich das Gleis seitlich und verläuft nicht mehr exakt gerade. Teilweise entstehen regelrechte Wellen im Schienenstrang.
Solche Schäden treten nur selten auf. Voraussetzung ist meist das Zusammenspiel mehrerer ungünstiger Faktoren.
Dazu gehören beispielsweise:
- hohe Schienentemperaturen,
- bereits vorhandene Spannungen im Gleis,
- lockerer oder verschmutzter Schotter,
- verschlissene Befestigungen,
- Bauarbeiten oder kürzlich ausgeführte Stopfarbeiten.
Wird eine Verwerfung festgestellt oder besteht der Verdacht darauf, wird die Strecke aus Sicherheitsgründen sofort gesperrt.
Warum Züge bei Hitze langsamer fahren
Viele Fahrgäste ärgern sich über Langsamfahrstellen. Aus technischer Sicht gehören sie jedoch zu den wichtigsten Sicherheitsmaßnahmen.
Steigen die Temperaturen stark an, überwacht die Bahn besonders gefährdete Strecken intensiver als üblich. Zeigen Messungen oder Inspektionen ein erhöhtes Risiko, werden vorsorglich Geschwindigkeitsbegrenzungen angeordnet.
Das hat einen einfachen Grund: Langsamer fahrende Züge übertragen geringere dynamische Kräfte auf das Gleis. Gleichzeitig bleibt mehr Zeit für Kontrollen und gegebenenfalls notwendige Reparaturen. Verspätungen lassen sich dadurch zwar nicht vermeiden. Das Risiko schwerer Schäden sinkt jedoch deutlich.
Auch Oberleitungen geraten unter Spannung
Nicht nur die Schienen reagieren auf die Hitze. Auch die Oberleitungen verändern bei steigenden Temperaturen ihre Länge. Obwohl sie permanent unter Zugspannung stehen, dehnen sich die Drähte aus und hängen stärker durch.
Damit der Stromabnehmer eines Zuges jederzeit zuverlässig Kontakt hält, besitzt jede Oberleitung ein ausgeklügeltes Spannsystem. Gewichte oder Spannwerke gleichen temperaturbedingte Längenänderungen weitgehend aus.
An besonders heißen Tagen kontrollieren Fachkräfte diese Anlagen verstärkt. Reicht der Sicherheitsabstand nicht mehr aus, können ebenfalls Geschwindigkeitsbeschränkungen erforderlich werden.
Weichen zählen zu den empfindlichsten Bauteilen
Besonders anspruchsvoll sind Weichen. Sie bestehen aus zahlreichen beweglichen Bauteilen, die millimetergenau zusammenarbeiten müssen. Schon geringe Maßänderungen durch Temperaturunterschiede können ihre Funktion beeinflussen.
Hinzu kommt die enorme mechanische Belastung. Auf stark befahrenen Strecken werden Weichen täglich tausendfach befahren. Deshalb gehören sie zu den wartungsintensivsten Bauteilen im gesamten Schienennetz.
Ohne Schotter funktioniert kein Gleis
Der Schotter unter den Schwellen wirkt auf den ersten Blick unscheinbar. Tatsächlich übernimmt er mehrere wichtige Aufgaben gleichzeitig. Er verteilt die Last der Züge, hält die Schwellen in Position, leitet Regenwasser ab und verhindert seitliche Bewegungen des Gleises.
Verliert der Schotter seine Stabilität, kann sich das Gleis unter hohen Druckkräften leichter verschieben. Deshalb stopfen Spezialmaschinen den Schotter regelmäßig nach und bringen die Gleise wieder exakt in ihre Soll-Lage. Gerade bei großer Hitze spielt dieser Unterbau eine wichtige Rolle für die Stabilität des gesamten Gleises.
Klimaanlagen arbeiten am Limit
Auch die Fahrzeuge selbst leiden unter der Hitze. Moderne Regional- und Fernverkehrszüge verfügen zwar über leistungsfähige Klimaanlagen. Müssen diese jedoch stundenlang bei voller Leistung arbeiten, steigt die Belastung erheblich.
Zusätzlich heizen tausende Fahrgäste sowie große Fensterflächen den Innenraum auf. Kommt es zu einem technischen Defekt, können sich einzelne Wagen innerhalb kurzer Zeit stark erwärmen. Genau deshalb versuchen Bahnunternehmen zunehmend zu vermeiden, dass Züge bei extremen Temperaturen auf freier Strecke liegen bleiben.
Der aktuelle Fall von National Express zeigt, dass dabei nicht nur die Technik eine Rolle spielt. Auch der Schutz der Fahrgäste steht im Mittelpunkt.
Digitale Stellwerke brauchen ebenfalls Kühlung
Moderne Bahninfrastruktur besteht längst nicht mehr nur aus Schienen und Oberleitungen. Digitale Stellwerke, Server, Signaltechnik und Kommunikationssysteme übernehmen heute einen großen Teil der Zugsteuerung. Diese Anlagen befinden sich meist in klimatisierten Technikräumen.
Steigen die Außentemperaturen über längere Zeit stark an oder fällt eine Kühlung aus, können einzelne Systeme automatisch herunterfahren, um Schäden an der Elektronik zu vermeiden. Auch deshalb investieren Bahnunternehmen zunehmend in hitzeresistente Infrastruktur.
Böschungsbrände werden zum Sommerproblem
Mit der Hitze steigt auch die Brandgefahr entlang der Bahnstrecken. Ausgetrocknete Vegetation kann sich leicht entzünden. Besonders kritisch sind technische Defekte an Güterwagenbremsen. Dabei können glühende Metallpartikel entstehen, die trockenes Gras oder Unterholz in Brand setzen.
Die Folgen reichen von kurzfristigen Streckensperrungen bis zu schweren Schäden an Oberleitungen und Signalanlagen.
Das wohl bekannteste Beispiel ist der Böschungsbrand an der Schnellfahrstrecke Köln–Frankfurt bei Siegburg im Jahr 2018. Damals wurden Oberleitungen zerstört, Wohngebäude beschädigt und die Strecke für längere Zeit gesperrt.
Hitze belastet auch die Beschäftigten
Die Auswirkungen extremer Temperaturen beschränken sich nicht auf die Technik. Gleisbau- und Wartungsarbeiten finden häufig unter direkter Sonneneinstrahlung statt. Schotter und Stahl speichern zusätzlich Wärme und erhöhen die Belastung.
Sonnenschutz, Trinkwasser, zusätzliche Pausen und angepasste Arbeitszeiten gehören deshalb inzwischen zum Standard vieler Infrastrukturbetreiber. Denn auch die modernste Bahntechnik muss letztlich von Menschen gewartet und instand gehalten werden.
Hitzewellen werden zur Daueraufgabe
Meteorologische Daten zeigen, dass Hitzewellen in Deutschland häufiger auftreten und länger andauern als noch vor einigen Jahrzehnten. Für die Bahn bedeutet das eine wachsende Herausforderung.
Neben regelmäßigen Kontrollen investiert die Deutsche Bahn deshalb unter anderem in stabilere Gleise, moderne Oberleitungen, digitale Überwachungssysteme und hitzebeständigere Materialien. Sensoren messen heute an vielen Stellen Temperaturen und Spannungen in der Infrastruktur. So lassen sich kritische Entwicklungen oft frühzeitig erkennen.
Dennoch lässt sich nicht jedes Risiko ausschließen. Extreme Wetterlagen werden auch künftig Auswirkungen auf den Bahnverkehr haben.
Ein Beitrag von: