12 Brandstellen auf 2 km: Wenn Güterzüge ganze Böschungen entzünden
Bei Krefeld brannte die Bahnböschung auf 2 km. Wie heiße Zugbremsen Funken erzeugen und warum die Überwachung solche Defekte nicht immer erkennt.
Böschungsbrand zwischen Düsseldorf und Köln im Juli 2026: Wie feste Zugbremsen kilometerweit Feuer auslösen können und welche Technik solche Defekte erkennen soll.
Foto: picture alliance/dpa/Patrick Schüller | Patrick Schüller
Zwölf Brandstellen, rund 2 km betroffene Strecke und erhebliche Schäden an der Bahntechnik: Bei Krefeld haben Funken eines Güterzugs die trockene Vegetation entlang der Gleise entzündet. Ähnliche Fälle gab es in diesem Jahr mehrfach. Wie kann eine Zugbremse über Kilometer hinweg Feuer legen – und warum wird das nicht immer rechtzeitig erkannt?
Am Mittwochabend, 12. August, gegen 17 Uhr rückte die Feuerwehr Krefeld zu einem ungewöhnlich langgezogenen Einsatz aus. Zwischen Bösinghoven und Oppum brannte die Vegetation entlang der Bahnstrecke. Am Ende arbeiteten die Einsatzkräfte an zwölf verschiedenen Stellen. Mehrere Tausend Quadratmeter waren betroffen. Die trockene Vegetation sorgte dafür, dass sich bereits gelöschte Bereiche teilweise erneut entzündeten.
Zusammen mit den Einsatzstellen im benachbarten Meerbusch erstreckte sich das Brandgeschehen auf rund 2 km. Fast 200 Einsatzkräfte waren zeitweise im Einsatz. Drohnen und ein Polizeihubschrauber halfen bei der Erkundung. Ein Übergreifen auf größere Waldflächen und angrenzende Bebauung konnte verhindert werden.
Auch die Bahntechnik blieb nicht verschont. Nach Angaben des WDR wurden Trasse und Kabelkästen beschädigt. Am Donnerstagmorgen untersuchten Fachleute deshalb die Strecke, bevor der Zugverkehr wieder vollständig aufgenommen werden konnte.
Inhaltsverzeichnis
Funken eines bremsenden Güterzugs
Die ungewöhnliche Verteilung der Brände hat offenbar einen gemeinsamen Ursprung. Laut Feuerwehr Krefeld und Polizei wurden die Flammen durch Funken eines bremsenden Güterzugs entfacht. Die weiteren Untersuchungen laufen.
Was genau an dem Zug den Funkenflug verursacht hat, ist bislang nicht bekannt. Insbesondere ist noch nicht bestätigt, dass eine Bremse festsaß oder nach einem Bremsvorgang nicht vollständig löste.
Das ist eine wichtige Unterscheidung. Denn bei mehreren ähnlichen Fällen in den vergangenen Monaten konnten die Einsatzkräfte eine heiße oder feststehende Bremse ausdrücklich als mutmaßliche Ursache benennen. Bei Krefeld fehlt dieser Nachweis bislang.
Wie eine Bremse zum Brandzünder werden kann
Beim Bremsen wird Bewegungsenergie durch Reibung in Wärme umgewandelt. Das gehört zum normalen Betrieb. Kritisch wird es, wenn eine Bremse nicht wieder vollständig löst.
Bei Güterwagen können beispielsweise Bremsklötze weiter gegen die Radlauffläche drücken. Andere Fahrzeuge arbeiten mit Scheibenbremsen. In beiden Fällen gilt: Bleibt die Bremse angelegt, entsteht während der Fahrt dauerhaft Reibungswärme.
Rad, Bremsscheibe beziehungsweise Bremsklotz können sich dabei stark erhitzen. Durch Reibung und Materialabrieb können außerdem heiße oder glühende Partikel entstehen. Ein Eisenbahnunternehmen beschreibt, dass eine festgesetzte Bremse ein Rad im Extremfall sogar zum Glühen bringen kann. Das Deutsche Zentrum für Schienenverkehrsforschung dokumentiert ebenfalls Fälle, bei denen eine feste Bremse starken Abrieb und Funkenflug verursachte.
Das Problem verschärft sich dadurch, dass der Zug weiterfährt. Die heißen Partikel fallen nicht an einer einzigen Stelle zu Boden, sondern entlang der Strecke. So können innerhalb weniger Kilometer zahlreiche voneinander getrennte Brandherde entstehen. Der Zug wird damit gewissermaßen zum beweglichen Verteiler der Zündquellen.
Ob tatsächlich Feuer entsteht, hängt allerdings stark von der Umgebung ab. In Krefeld wies die Feuerwehr ausdrücklich auf die trockene Vegetation hin. Erst sie begünstigte die schnelle Ausbreitung und die erneute Entzündung bereits gelöschter Bereiche.
5 km Funkenflug bei Flensburg
Der aktuelle Fall ist kein Einzelereignis. Bereits am 1. Mai 2026 sorgte ein Güterzug im Raum Flensburg für einen ähnlichen Feuerwehreinsatz.
Der aus Dänemark kommende Zug sprühte nach Angaben der Feuerwehr auf einer Strecke von etwa 5 km Funken. Als Ursache wurde eine vermutlich festgelaufene Bremse genannt. An mehreren Stellen geriet der Grünstreifen neben den Gleisen in Brand. Der Zug wurde schließlich in Harrislee gestoppt.
Nur wenige Wochen später folgte ein noch größerer Fall.
Eine heiße Bremse und 12 km Brandstellen
Am 23. Mai brannte es entlang der Bahnstrecke bei Trebbin südlich von Berlin. Nach Angaben des Feuerwehr-Einsatzleiters gab es auf etwa 12 km immer wieder Brandstellen.
Als Ursache nannte die Feuerwehr eine heiße Bremse eines Güterzugs. Trockenheit und Wind verschärften die Situation. Die Flammen griffen teilweise von der Bahnböschung auf Waldflächen über. Die Strecke zwischen Jüterbog und Ludwigsfelde musste gesperrt werden, Fernverkehrszüge zwischen Berlin und Leipzig wurden umgeleitet.
Ende Juli wiederholte sich das Muster im Saarland. Entlang der Strecke zwischen Rohrbach und Homburg entstanden zahlreiche kleinere Brände. Die Polizei vermutete einen Güterzug mit teilweise feststehender Bremse als Ursache. Mehrere Kabel im Gleisbereich wurden beschädigt. Die Feuerwehr Homburg bezifferte die abgebrannte Fläche auf rund 8.500 m².
Bemerkenswert ist zudem ein Fall vom Juli 2025 – nur wenige Kilometer vom jetzigen Brandgebiet entfernt. Damals blieb bei einem mit Gefahrgut beladenen Güterzug in Dormagen eine Bremse an einem Kesselwagen festgesetzt. Der Funkenflug löste mehrere Böschungsbrände auf der Bahnstrecke Richtung Krefeld aus, unter anderem in Neuss.
Hunderte Böschungsbrände pro Jahr
Böschungsbrände entlang von Bahnstrecken sind grundsätzlich kein seltenes Ereignis. Eine Antwort der Bundesregierung enthält von der Deutschen Bahn nachträglich bereinigte Zahlen für die Jahre 2014 bis 2020. Demnach registrierte die Bahn:
- 2014: 203 Böschungsbrände
- 2015: 289 Böschungsbrände
- 2016: 202 Böschungsbrände
- 2017: 196 Böschungsbrände
- 2018: 502 Böschungsbrände
- 2019: 276 Böschungsbrände
- 2020: 249 Böschungsbrände
Besonders heraus sticht der trockene Sommer 2018. Die 502 erfassten Böschungsbrände sorgten laut DB für 4476 verspätete Züge und 198 Zugausfälle.
Aus diesen Zahlen lässt sich allerdings nicht ablesen, wie oft eine heiße Bremse beteiligt war. Genau danach wurde die Bundesregierung bereits 2020 gefragt. Die Antwort der DB war eindeutig: Aufgrund der komplexen Entstehung und der vorausgehenden Bedingungen lasse sich bei Böschungsbränden kein eindeutiger Bezug zur Ursache ermitteln.
Deshalb wäre die Aussage, Brände durch defekte Güterzugbremsen nähmen zu, nicht belegt. Die Fälle aus Flensburg, Trebbin, Homburg und nun Krefeld zeigen aber, dass der technische Mechanismus regelmäßig vorkommt und erhebliche Auswirkungen haben kann.
Wie sollen heiße Bremsen erkannt werden?
Dabei existiert Technik, die genau solche gefährlichen Zustände erkennen soll.
DB InfraGO setzt streckenseitig Heißläuferortungsanlagen und Festbremsortungsanlagen, kurz HOA/FBOA, ein. Eine aktuelle Betriebsvorschrift nennt beispielsweise eine kombinierte Anlage bei Elten an der deutsch-niederländischen Grenze. Sie befindet sich an einem festgelegten Streckenkilometer und überwacht dort vorbeifahrende Züge in beiden Richtungen. Alarmmeldungen werden an die zuständigen Betriebsstellen übertragen.
Die Bezeichnungen sollte man auseinanderhalten: Ein Heißläufer bezeichnet im engeren technischen Sinn ein stark erwärmtes Radsatzlager. Eine feste Bremse ist ein anderer Fehlerzustand. Deshalb unterscheidet das Regelwerk zwischen Heißläufer- und Festbremsortung.
Solche Systeme haben allerdings eine grundsätzliche Grenze: Sie stehen an festen Punkten der Strecke. Sie erfassen damit den Zustand eines Fahrzeugs in dem Moment, in dem es die Messstelle passiert. Entwickelt sich ein Defekt erst danach oder liegt ein Messwert noch unterhalb der vorgesehenen Warnschwelle, kann ein Zug zunächst weiterfahren.
Wie relevant das sein kann, zeigt ein von der Bundesstelle für Eisenbahnunfalluntersuchung untersuchter Fahrzeugbrand bei Unkel aus dem Jahr 2019. Dort wurden erhöhte Temperaturwerte registriert. Sie lagen nach Angaben der Untersuchungsstelle jedoch unter den Meldeschwellen für „Feste Bremse Warm“ und „Feste Bremse Heiß“. Eine Meldung an den zuständigen Fahrdienstleiter erfolgte deshalb nicht. Später geriet ein Güterwagen in Brand.
Der Fall bedeutet nicht, dass bei Krefeld etwas Vergleichbares passiert ist. Ob der dort beteiligte Güterzug zuvor eine Festbremsortungsanlage passiert hatte oder ob überhaupt ein Bremsdefekt vorlag, ist bislang nicht bekannt.
Wenn das Feuer die Bahntechnik erreicht
Für den Bahnverkehr endet das Problem nicht unbedingt mit dem Löschen der Vegetation.
Das zeigt der aktuelle Fall besonders gut. In Krefeld und Meerbusch wurden neben der Böschung auch Kabelkästen und Teile der Trasse beschädigt. Welche Systeme darüber geführt werden und wie groß der technische Schaden tatsächlich ist, war am Donnerstagmorgen noch Gegenstand der Untersuchungen.
Dass solche Schäden erhebliche Folgen haben können, zeigte Ende Juni die Main-Weser-Bahn in der Wetterau. Dort beschädigte ein Vegetationsbrand ein für das Stellwerk Friedberg wichtiges Kabel. Regional- und Fernverkehr zwischen Frankfurt und Gießen waren dadurch über mehrere Tage erheblich beeinträchtigt. Auch bei Homburg meldete die Polizei nach den Bränden Ende Juli Schäden an mehreren erdgebundenen Kabeln im Gleisbereich.
Aus einem technischen Defekt an einem einzelnen Güterwagen kann damit eine lange Wirkungskette entstehen: Eine Bremse überhitzt, Funken oder glühende Partikel entzünden trockene Vegetation, das Feuer beschädigt Kabel oder andere Bahnanlagen – und eine komplette Strecke fällt aus.
Bei Krefeld fehlt bislang nur noch ein entscheidendes Glied dieser Kette: Was genau hat am Güterzug den Funkenflug verursacht?
Quellen
- Feuerwehr Krefeld: Abschlussmeldung zum Böschungsbrand zwischen Bösinghoven und Oppum
- WDR: Bahnstrecke zwischen Neuss und Krefeld nach Böschungsbränden gesperrt
- NDR: Defekter Güterzug setzt Böschung bei Flensburg in Brand
- MDR: Böschungsbrand bei Trebbin mit Auswirkungen auf den Fernverkehr
- Polizeiinspektion Homburg: Brände entlang der Bahnstrecke Rohrbach–Homburg
- Stadt Dormagen: Festgesetzte Güterzugbremse verursacht mehrere Böschungsbrände
- Deutscher Bundestag: Statistik zu Böschungsbränden im DB-Netz 2014 bis 2020
- Deutscher Bundestag: Antwort zur Ermittlung der Ursachen von Böschungsbränden
- Bundesstelle für Eisenbahnunfalluntersuchung: Untersuchungsbericht zum Fahrzeugbrand in Unkel 2019
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