4,3 Millionen Euro Baukosten 20.06.2014, 15:59 Uhr

Deutschlands erster Grüner Bahnhof in Horrem ist eröffnet

Photovoltaikmodule auf dem Dach, Regenwasser für die Toilettenspülung und Wärme aus der Erde: Am Freitagvormittag ist in Horrem der erste Grüne Bahnhof Deutschlands eröffnet worden. Mit 4,3 Millionen Euro haben ihn die Konstrukteure komplett nach ökologischen Richtlinien ausgerichtet. 

Der Grüne Bahnhof in Horrem ist der erste CO<custom name="sub">2</custom>-sparende Bahnhof des Landes. Auf dem Dach befindet sich eine 340 Quadratmeter große Solaranlage für die Stromversorgung. Das Regenwasser wird aufgefangen und für die Toilettenspülung genutzt.

Der Grüne Bahnhof in Horrem ist der erste CO2-sparende Bahnhof des Landes. Auf dem Dach befindet sich eine 340 Quadratmeter große Solaranlage für die Stromversorgung. Das Regenwasser wird aufgefangen und für die Toilettenspülung genutzt.

Foto: dpa/Henning Kaiser

In Horrem (Kerpen) in der Nähe von Köln ist am Freitagvormittag nach rund zwei Jahren Bauzeit das neue Bahnhofsgebäude eröffnet worden. Es ist nicht nur hochmodern, sondern auch besonders umweltfreundlich ausgerichtet. Bei dem rund 4,3 Millionen Euro teuren, klimaneutralen Projekt handelt es sich um den ersten „Grünen Bahnhof“ Deutschlands; ein zweiter soll bis spätestens 2017 in der Lutherstadt Wittenberg entstehen. „Dieser Bahnhof ist ein Beweis dafür, dass nachhaltige Bauweise und modernste Ausstattung Hand in Hand gehen können. Das ist ein Modell für die Zukunft“, sagte Bahn-Chef Rüdiger Grube bei der Eröffnung.

Das etwa 620 Quadratmeter große Bahnhofsgebäude, das rund 12.000 Pendler pro Tag frequentieren, ist so angelegt, dass möglichst viel Tageslicht ins Innere fällt. Herzstück ist eine 250 Quadratmeter große Halle ohne Säulen und Zwischenwände. Über 50 Prozent der Fassade besteht aus Glas. Das erleichtert Reisenden die Orientierung, trägt im Winter zur Erwärmung des Gebäudes bei und spart Strom für Beleuchtung.

Die darüber hinaus benötigte Energie wird durch eine 340 Quadratmeter große Solaranlage auf dem Dach erzeugt, die jährlich rund 31.000 Kilowattstunden Strom liefern soll. Der Überschuss fließt direkt ins allgemeine Stromnetz. Die Heizung wird durch Erdwärme gespeist. Für die Geothermieanlage, die mit einer Sole-Wasser-Wärmepumpe kombiniert wurde, ging es tief hinab: Zehn Bohrungen reichen bis zu 100 Meter tief. Zudem wird auf den begrünten Dachflächen Regenwasser gesammelt, das die Toiletten des Bahnhofs umweltfreundlich spült.

Fassade wurde mit Schiefer aus der Region verkleidet

Schon der Bau stand eindeutig unter ökologischen Gesichtspunkten: Zum Einsatz kamen hauptsächlich nachhaltige und natürliche Materialien, die zu einem großen Teil direkt aus der Region stammen. So wurde die Fassade mit Schiefer aus der Gegend verkleidet. Damit trifft die Deutsche Bahn zielsicher die Interessen der Stadt Kerpen, die schon seit 2002 an einer Neuordnung des Bahnhofsareals arbeitet. Konkret konnten die Pläne für das bisher einzigartige Vorzeigeprojekt jedoch erst werden, nachdem der Rat der Stadt Kerpen 2011 den Abriss des alten Bahnhofgebäudes beschlossen hatte.

Die 340 Quadratmeter große Photovoltaikanlage auf dem Dach des Bahnhofs soll jährlich rund 31.000 Kilowattstunden Strom liefern. Der Überschuss soll direkt ins allgemeine Stromnetz fließen.

Die 340 Quadratmeter große Photovoltaikanlage auf dem Dach des Bahnhofs soll jährlich rund 31.000 Kilowattstunden Strom liefern. Der Überschuss soll direkt ins allgemeine Stromnetz fließen.

Quelle: dpa/Oliver Berg

„Wir sind froh und auch ein bisschen stolz, dass die Deutsche Bahn hier in Horrem in eins von zwei Projekten ‚Grüner Bahnhof‘ investiert“, sagte Bürgermeisterin Marlies Siegburg damals. Heute ist sie immer noch zufrieden: „Das neue Bahnhofsgebäude ist ein hervorragender Abschluss der seit 2002 betriebenen Neugestaltung des Bahnhofsareals“, betonte sie am Freitag. Insgesamt hat diese Neugestaltung 23 Millionen Euro gekostet – das Bahnhofsgebäude war nur ein Teil des Gesamtprojekts.

Energiebedarf wird durch Photovoltaik gedeckt

Beim Projekt „Grüner Bahnhof“ setzt die Deutsche Bahn insgesamt auf ökologische Aspekte: So sieht das Konzept vor, dass einfallendes Tageslicht durch eine spezielle Oberlichtkonstruktion eingefangen und an die auszuleuchtenden Stellen gelenkt wird. Wo künstliches Licht benötigt wird, kommen LED-Lampen zum Einsatz. Die Wärme- und Kälteversorgung passt sich den lokalen Gegebenheiten an: In Frage kommt zum Beispiel Kraft-Wärme-Kopplung, Fernwärme, Wärmepumpen oder Blockheizkraftwerk-Technik – oder, wie im Beispiel Horrems, Geothermie.

Verglaste Dachflächen sorgen für die optimale Nutzung des Tageslichts. Wo künstliches Licht benötigt wird, kommen LED-Lampen zum Einsatz.

Verglaste Dachflächen sorgen für die optimale Nutzung des Tageslichts. Wo künstliches Licht benötigt wird, kommen LED-Lampen zum Einsatz.

Quelle: Deutsche Bahn

Damit der Bedarf an Klimatechnik gar nicht erst zu groß wird, setzen die Konstrukteure des „Grünen Bahnhofs“ von Anfang an auf eine sinnvolle Abstimmung zwischen Verschattung zum Beispiel durch Dachüberstände und verglasten Fassaden- und Dachflächen zur optimalen Ausleuchtung. Zusätzlich wird so viel Fläche wie möglich begrünt – auf dem Dach ebenso wie im Außenbereich um den Bahnhof herum, um Hitzeinseln zu vermeiden und Versickerung von Wasser zu vermindern. Zusätzlich fallen weniger Betriebskosten für versiegelte Flächen an. 

Der „Grüne Bahnhof“ soll zum Standard werden

In Zukunft soll der „Grüne Bahnhof“ zum Standard für neue Empfangsgebäude werden. Gleichzeitig ist er Teil eines EU-Projekts zur Unterstützung von nachhaltigen Bahnhofsprojekten: Bahnhöfe in den Niederlanden, England und Nordirland setzten auf ähnliche Konzepte. Deshalb wurde das neue Bahnhofsgebäude in Horrem auch mit knapp einer Million Euro aus EU-Mitteln gefördert.

Das Land NRW förderte den Bau über den Aufgabenträger Nahverkehr Rheinland mit rund 1,3 Millionen Euro, der Bund mit einer Million und die Stadt Kerpen mit 30.000 Euro. Eine weitere Million Euro hat die Deutsche Bahn investiert. Unterm Strich ist der Bau unter nachhaltigen Gesichtspunkten in der Horremer Größenordnung rund 20 Prozent teurer als der konventionelle Bau. Dafür entstehen im laufenden Betrieb deutlich weniger Kosten für Energie und Abgaben.

Ein Beitrag von:

  • Judith Bexten

    Judith Bexten ist freie Journalistin. Ihre Schwerpunkte liegen in den Bereichen Technik, Logistik und Diversity.

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