Elektromobilität 09.10.2026, 13:00 Uhr

DeepDrive: Doppelrotor-Elektromotor soll 2028 in Großserie gehen

DeepDrive will seine Doppelrotor-Elektromotoren ab 2028 in Serie liefern. Auftrag und Expansion nach China lassen wichtige Fragen offen.

Zerlegter DeepDrive-Radnabenmotor mit ringförmigen Komponenten, Kupferwicklungen und geöffnetem Gehäuse auf einer Werkbank.

Die Komponenten eines DeepDrive-Radnabenmotors in Explosionsdarstellung. Bei der Doppelrotortechnik sitzt der Stator zwischen einem inneren und einem äußeren Rotor.

Foto: picture alliance / SvenSimon | Frank Hoermann/SVEN SIMON

Ein Elektromotor aus München soll den nächsten Schritt schaffen: vom Entwicklungsprojekt zum Antrieb für Serienautos. DeepDrive meldete am 8. Oktober die Nominierung als Großserienlieferant eines weltweit tätigen Fahrzeugherstellers. Die Produktion soll 2028 starten. Wer der Kunde ist, welches Modell den Antrieb bekommt und welche Stückzahlen vorgesehen sind, ist bislang nicht bekannt. Zeitgleich kündigte das Unternehmen den Aufbau einer Präsenz in Shanghai an. Die Nominierung bringt DeepDrive einem Serieneinsatz näher. Nun muss das Unternehmen beweisen, dass auch die industrielle Fertigung funktioniert.

Doppelrotortechnik ist mehr als ein Radnabenmotor

Die Grundidee: Ein feststehender Stator mit seinen elektrischen Wicklungen treibt einen inneren und einen äußeren Rotor gleichzeitig an. Das soll die eingesetzten Materialien besser nutzen und viel Drehmoment auf wenig Raum ermöglichen. Die Technik lässt sich sowohl direkt im Rad als auch in einem zentralen Antrieb einsetzen. Welche Ausführung der Kunde bestellt hat, nennt DeepDrive nicht.

Die bisherigen Beiträge des VDI-Verlags beschrieben vor allem die Radnabenvariante. So berichteten die VDI nachrichten 2024 über die Finanzierung durch Investoren und die Zusammenarbeit mit BMW und Continental. Ingenieur.de hingegen erläuterte vor fast genau einem Jahr die Vorteile und Grenzen des Antriebs direkt im Rad.

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Radialflussmotor und Doppelrotortechnik

Was bedeutet Radialfluss?
Der magnetische Fluss durchquert den Luftspalt zwischen Stator und Rotor quer zur Drehachse, also radial. Bei einem Axialflussmotor verläuft er im Luftspalt dagegen parallel zur Achse. Radialfluss beschreibt die elektromagnetische Bauweise, nicht den Einbauort.

Was macht der Doppelrotor?
Bei DeepDrive sitzt ein Stator zwischen einem inneren und einem äußeren Rotor. Beide Rotoren sind mechanisch miteinander verbunden und wirken über zwei Luftspalte auf denselben Stator. Ihre Drehmomente tragen zum gemeinsamen Antrieb bei. Das bedeutet weder zwei unabhängig angetriebene Räder noch automatisch die doppelte Leistung.

Weniger Material, hohe Leistung: Was DeepDrive konkret nennt

Gegenüber einem konventionellen Permanentmagnet-Synchronmotor gleicher Leistung nennt DeepDrive in einer Veröffentlichung vom 20. August 2026 30 % weniger Magnetmaterial, 50 % weniger Kupfer und 70 % weniger Eisen. Das Gewicht soll um 25 % sinken, die Zahl der Fertigungsschritte um bis zu 50 %. Das sind Unternehmensangaben; ein Vergleichsmotor und dessen absolute Materialmengen werden in der Veröffentlichung nicht offengelegt, die Materialquoten beziehen sich zudem allein auf den Motorvergleich, nicht auf das Gesamtfahrzeug.

Damit konkretisiert DeepDrive zwar den wirtschaftlichen Nutzen: Weniger Kupfer, Magnetmaterial und Elektroblech können Kosten und Rohstoffbedarf reduzieren. Die aktuellen Angaben sollten allerdings nicht mit älteren Werten vermischt werden: 2024 wurden unter anderem 50 % weniger Magnetmaterial und 80 % weniger Eisen kommuniziert. Ohne eine identische Referenzmaschine lässt sich daraus weder eine Verbesserung noch eine Verschlechterung ableiten.

DeepDrive-Antrieb im Prüfaufbau: Das Münchner Unternehmen entwickelt Doppelrotormotoren für den Einsatz im Rad und als Zentralantrieb. Foto: DeepDrive

Bei den Leistungsdaten liefert der Radnabenmotor IW2000 laut Datenblatt vom März 2026 bis zu 180 kW und 2000 Nm für jeweils 30 s. Als Dauerwerte nennt DeepDrive 70 kW und 1000 Nm bei 40 °C Kühlmitteltemperatur und einem Durchfluss von 8 l/min. Spitzenleistung und maximales Drehmoment müssen nicht gleichzeitig anliegen.

Die hohe Raddrehmomentangabe lässt sich allerdings nicht direkt mit dem Drehmoment eines Zentralmotors vergleichen: Dessen Getriebe vervielfacht das Drehmoment bis zum Rad. DeepDrive bietet auch einen Doppelrotor-Zentralantrieb mit Planetengetriebe an. Die Vorteile der Technik sind also nicht an einen getriebelosen Radnabenantrieb gebunden.

Was BMW tatsächlich über die Tests veröffentlichte

BMW arbeitet bereits seit 2021 mit DeepDrive zusammen. Am 17. Juli 2024 berichtete der Konzern über einen erfolgreichen Konzeptnachweis auf dem Prüfstand und kündigte Straßentests verschiedener Antriebsvarianten in Modellen der BMW Group an. „Die Musterteile von DeepDrive haben die angekündigten Eigenschaften meistens übertroffen“, sagte seinerzeit Karol Virsik, Leiter der Forschung zu Fahrzeugkonzepten und -technologien bei BMW, im BMW PressClub.

BMWs positive Bewertung ersetzt allerdings keine unabhängigen Testberichte. Die damalige Mitteilung enthält keine detaillierten Verbrauchswerte, Langzeitergebnisse oder eindeutig benannten BMW-Testmodelle. Sie belegt auch nicht, dass BMW der jetzt angekündigte Serienkunde ist.

Gute Wirkungsgrade – aber kein Beleg für 20 % mehr Reichweite

DeepDrive hat für seine Technik bis zu 20 % mehr Reichweite in Aussicht gestellt. Solche Angaben brauchen jedoch einen genau definierten Vergleich: Welcher Antrieb wird ersetzt, in welchem Fahrzeug und bei welchem Fahrprofil?

Eine 2025 veröffentlichte Fachstudie von Shafigh Nategh, Andreas Carlsson und Aldo Boglietti liefert eine engere Aussage. Sie vergleicht per Simulation einen konventionellen Einrotor-Permanentmagnetmotor mit Doppelrotorvarianten für einen Zentralantrieb. An einem autobahnnahen Betriebspunkt steigen laut Untersuchung die Motorwirkungsgrade von 94,7 % auf 95,2 % beziehungsweise 95,6 %. An einem für den Fahrzyklus ausgewählten Teillastpunkt sind es 95,8 % gegenüber 97,1 % und 97,3 %.

Die Studie untersucht keine Radnabenantriebe und keinen vollständigen Fahrzeug-Fahrzyklus. Außerdem benötigt die untersuchte Doppelrotorausführung einen Dreilevel-Wechselrichter, der schaltbedingte Zusatzverluste begrenzt. Ein besserer Motor ist also nur ein Teil des Systems. Aus diesen Ergebnissen lässt sich demnach kein pauschaler Reichweitengewinn von 20 % ableiten. Auch ein Spitzenwirkungsgrad sagt noch wenig über den Verbrauch im Alltag aus. Dafür zählen das gesamte Wirkungsgradkennfeld sowie Verluste von Getriebe, Batterie und Nebenverbrauchern.

Andere Hersteller setzen ebenfalls auf zwei Rotoren

DeepDrive ist nicht der einzige Entwickler von Doppelrotormotoren. Allerdings unterscheiden sich die Bauweisen. YASA, seit 2021 Teil von Mercedes-Benz, und der belgische Anbieter Traxial aus dem Magnax-Umfeld entwickeln Axialflussmotoren: Hier liegt der Stator zwischen zwei Rotorscheiben, und der magnetische Fluss verläuft parallel zur Drehachse. DeepDrives Innen- und Außenrotor arbeiten dagegen mit radialem Fluss. Es sind konkurrierende Lösungen für kompakte, leistungsfähige Antriebe, keine baugleichen Motoren.

Mercedes-Benz meldete im Juni 2026 den Start der Großserienfertigung seiner weiterentwickelten YASA-basierten Axialflussmotoren in Berlin-Marienfelde. Beim Antrieb im Rad konkurriert zudem Protean Electric: Das Unternehmen wurde als Lieferant für den Renault 5 Turbo 3E genannt. Dieser Auftrag belegt den Wettbewerb beim Radnabenantrieb, nicht aber dieselbe Doppelrotor-Radialflussarchitektur.

Experte sieht Grenzen beim Radnabenantrieb

Die folgenden Einwände betreffen den Radnabenantrieb, nicht automatisch einen zentral eingebauten Doppelrotormotor.

Martin Doppelbauer, Professor für hybridelektrische Fahrzeuge am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), äußerte sich bereits im September 2024 gegenüber BASIC thinking kritisch zum DeepDrive-Radnabenantrieb: „Das Doppelrotor-Prinzip gibt es schon länger.“ Er hielt die Umsetzung für offenbar gelungen, sah aber anhand der seinerzeit verfügbaren Informationen keinen überzeugenden Effizienzvorsprung gegenüber Zentralmotoren. Seine Einwände betreffen vor allem den Direktantrieb im Rad: begrenzte Drehzahl, entsprechend hoher Drehmomentbedarf, ungefederte Masse, Bremswärme, Vibrationen und knappen Bauraum für Kühlung und Elektronik. Zugleich begrüßte er, dass ein Unternehmen neue Technik erprobe.

Expansion nach China – Produktionsstandorte bleiben offen

In Shanghai soll ein Team Vertrieb und Projektumsetzung übernehmen. Für die Produktion beschreibt DeepDrive das Prinzip, dort zu fertigen, wo die Kunden sitzen. Die Mitteilung enthält keine Angaben zu einem konkreten chinesischen Werksstandort, dessen Kapazität oder zur Schließung deutscher Einrichtungen. Eine Abwanderung aus München ist damit nicht belegt.

DeepDrive ist kein Beispiel für eine Technologie, die hierzulande von allen übersehen wurde. BMW unterstützte die Entwicklung früh. Die Finanzierungsrunde über 30 Mio. € im September 2024 wurde von Leitmotif angeführt; bestehende Investoren beteiligten sich erneut. Ob Deutschland von der Industrialisierung profitiert, hängt von konkreten Investitionen und Aufträgen ab. Für das Serienprojekt 2028 fehlen dazu bislang die öffentlichen Angaben.

Ein Beitrag von:

  • Peter Kellerhoff

    Redakteur VDI nachrichten
    Fachthemen: Automobil, Nutzfahrzeuge, Schiff, Bahn, Verkehr, Mobilität, E-Mobilität, Software, Cloud, Internet, KI

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