Elektromobilität 06.10.2026, 12:30 Uhr

Elektroautos legen um 95 % zu: Die Gründe für den September-Boom

Elektroautos boomen: Im September stiegen die Neuzulassungen um 95 Prozent. Förderung, hohe Spritpreise und neue Modelle treiben die Nachfrage.

E-Auto wird an Wallbox geladen

Die neuen KBA-Zahlen zeigen einen regelrechten Run auf Elektrofahrzeuge.

Foto: picture alliance / imageBROKER | Robert Poorten

Nach Angaben des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA) wächst der deutsche Automarkt im September 2026 um 9 %. Doch hinter diesem Plus verbirgt sich eine deutlich größere Verschiebung: Die Neuzulassungen batterieelektrischer Pkw (Battery Electric Vehicles, BEV) haben sich gegenüber dem Vorjahresmonat nahezu verdoppelt. Insgesamt kamen 88.599 reine Elektroautos neu auf die Straße, 94,7 % mehr als im September 2025. Ihr Anteil am Neuwagenmarkt stieg von 19,3 % auf 34,5 %. Mehr als jeder dritte neu zugelassene Pkw fährt damit ausschließlich elektrisch.

Wie stark die Stromer den Markt inzwischen prägen, zeigt eine Rechnung aus den Zulassungszahlen: Gegenüber September 2025 kamen 43.104 zusätzliche Elektroautos hinzu. Der gesamte Pkw-Markt wuchs dagegen nur um 21.246 Fahrzeuge auf 256.774 Neuzulassungen. Alle übrigen Antriebsarten zusammen verloren folglich 21.858 Zulassungen. Das gesamte Marktwachstum entfällt also rechnerisch auf reine Elektroautos.

„Die Elektromobilität wird bei den Neuzulassungen in Deutschland immer mehr zum ‚neuen Normal‘ und erreicht zunehmend breitere Käufergruppen“, erklärte Stefan Bratzel, Leiter des Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach, bereits im Halbjahresreport vom 10. Juli 2026. Neben Kaufprämie und Kraftstoffpreisen sieht er vor allem ein attraktiveres Angebot batterieelektrischer Modelle als Treiber.

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Mehr Neuzulassungen bei reinen E-Autos als bei Benziner und Diesel zusammen

Auch die Bilanz der ersten neun Monate zeigt einen kräftigen Zuwachs. Von Januar bis September wurden 604.144 batterieelektrische Pkw neu zugelassen, 58,1 % mehr als im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Ihr Marktanteil liegt bei 27,2 %. Der Gesamtmarkt legte im selben Zeitraum lediglich um 5,3 % zu. Benziner und Diesel verlieren dagegen deutlich. Im September sanken die Neuzulassungen reiner Benziner um 29,2 % auf 44.632 Fahrzeuge, die der Diesel-Pkw um 20,1 % auf 23.058. Hybride einschließlich Plug-in-Hybriden bleiben mit 98.871 Zulassungen die größte zusammengefasste Antriebsgruppe. Ihr Wachstum von 1,7 % fällt jedoch wesentlich geringer aus als das der reinen Elektroautos (siehe Grafik).

Neuzulassungen September 2025 September 2026 Veränderung
Pkw insgesamt 235.528 256.774 +9,0 %
Reine Elektroautos 45.495 88.599 +94,7 %
BEV-Marktanteil 19,3 % 34,5 % +15,2 Prozentpunkte
Benziner 63.047 44.632 −29,2 %
Diesel 28.871 23.058 −20,1 %
Quelle: Kraftfahrt-Bundesamt (KBA). Hybride werden separat erfasst.

Was die neue Förderprämie bewirken kann

Ein naheliegender Erklärungsfaktor ist die neue staatliche Förderung für private Käufer und Leasingnehmer. Für reine Elektroautos beträgt die Basisprämie 3000 €. Haushalte mit einem zu versteuernden Jahreseinkommen bis 60.000 € erhalten ohne Kinder 4000 €, bis 45.000 € sind es 5000 €. Pro berücksichtigtem Kind unter 18 Jahren kommen 500 € hinzu, maximal 1000 €. Der Höchstbetrag liegt damit bei 6000 €. Die Einkommensgrenze für die Förderung beträgt grundsätzlich 80.000 € und steigt mit bis zu zwei Kindern auf maximal 90.000 €. Gemeint ist dabei das zu versteuernde Haushaltseinkommen, nicht das Bruttogehalt.

Anträge sind seit dem 19. Mai möglich; die Förderung erfasst rückwirkend förderfähige Neuzulassungen seit Jahresbeginn. Anfang Oktober meldete das Bundesumweltministerium 100.000 bewilligte Anträge. Rund 90 % betreffen reine Elektroautos, weniger als zehn Prozent Plug-in-Hybride. Die Förderung erreicht damit überwiegend die Antriebsart, die derzeit besonders stark wächst.

„Die Elektro-Prämie wirkt, und zwar kräftig“, sagte Autoexperte Constantin Gall des Wirtschaftsprüfungsunternehmens Ernst & Young (EY) zur Septemberbilanz, wie dpa-AFX am 5. Oktober unter Berufung auf eine EY-Mitteilung berichtete. Gall warnt jedoch vor einem erneuten Einbruch, wenn die Förderung ausläuft. Seine Einschätzung unterstreicht die Frage, wie tragfähig die Nachfrage ohne staatliche Unterstützung wäre.

Sprit wird 50 % teurer, Haushaltsstrom 5 % günstiger

Ein zweiter Anreiz wirkt im Alltag: die auseinanderlaufenden Energiepreise. Nach der ADAC-Monatsstatistik kostete Super E10 im September 2026 durchschnittlich 2,266 Euro je Liter, gegenüber 1,666 Euro ein Jahr zuvor. Das entspricht einem Anstieg um rund 36 %. Diesel verteuerte sich von 1,587 auf 2,386 Euro je Liter – um gut 50 %.

Haushaltsstrom entwickelte sich zuletzt in die andere Richtung. Im ersten Halbjahr 2026 zahlten private Haushalte nach Angaben des Statistischen Bundesamtes durchschnittlich 37,97 Cent je Kilowattstunde. Das waren 4,9 % weniger als im ersten Halbjahr 2025. Die Zeiträume unterscheiden sich: Der Halbjahreswert für Strom ist kein Septemberpreis und erlaubt keinen exakten Monatsvergleich mit den Kraftstoffdaten. Er zeigt aber, dass sich die Kostenentwicklung beim Laden zu Hause zuletzt günstiger darstellte als beim Tanken.

Eine Beispielrechnung verdeutlicht: Ein Benziner mit 6,5 l Verbrauch benötigt beim Septemberpreis rund 14,73 € für Kraftstoff je 100 km. Ein Elektroauto mit einem Strombezug von 20 kWh einschließlich Ladeverlusten kommt beim genannten Haushaltsdurchschnitt auf rund 7,59 €. Wer stattdessen zu angenommenen 60 Cent je Kilowattstunde öffentlich lädt, zahlt zwölf Euro. Das bedeutet: Der Ladeort beeinflusst den Kostenvorteil der reinen Energiekosten erheblich.

Hinzu kommen Änderungen auf der Angebotsseite. Renault etwa senkte die Preise des Renault 5 E-Tech elektrisch zum Modelljahreswechsel im September über alle Ausstattungslinien um 1710 €. Solche Preissenkungen können zusammen mit der Prämie die Einstiegshürde reduzieren. Ein einzelnes Modell belegt allerdings keinen allgemeinen Preisrückgang des gesamten Elektroautomarkts.

Das Solardach hilft – sein Markt boomt aber nicht mit

Für Haushalte mit eigener Photovoltaikanlage eröffnet das E-Auto eine weitere Möglichkeit, selbst erzeugten Strom zu nutzen. Wie viel sich dadurch sparen lässt, hängt unter anderem davon ab, ob das Fahrzeug während der Solarproduktion zu Hause steht. Aber: Die Anlage muss finanziert werden, und beim Eigenverbrauch entfällt die Vergütung, die eine Einspeisung eingebracht hätte.

Ein paralleler Boom neuer privater Solaranlagen lässt sich aus den zuletzt ausgewerteten Segmentdaten jedoch nicht ableiten. Nach Angaben des Bundesverbands Solarwirtschaft sank die neu installierte Leistung im Heimsegment bis einschließlich 30 kWp von Januar bis Mai 2026 um rund zwölf Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Der Verband berichtete zwar von einer zuletzt wieder belebten Nachfrage. Eine Septemberbilanz für dieses Segment liegt der vorliegenden Auswertung aber nicht zugrunde. Trotz schwächerer Zubauraten wächst der Bestand weiter.

Auch der starke Batteriespeichermarkt muss differenziert betrachtet werden. Bei Heimspeichern mit 5 kWh bis 20 kWh Kapazität lag der Zubau im ersten Quartal 2026 mit rund 0,74 GWh etwa auf Vorjahresniveau. Das besonders kräftige Wachstum entfiel auf Großspeicher. Ein allgemeiner privater Solar- und Speicherboom erklärt den Anstieg der Elektroautozulassungen daher bislang nicht.

Günstigere Speicher: Rückenwind, aber kein Selbstläufer

Die Preise sprechen durchaus für eine weitere Verbreitung. Nach dem Price and Inventory Tracker von EUPD Research sank der Preisindex für Heimspeichersysteme bis 20 kWh in Deutschland zwischen dem ersten Halbjahr 2023 und dem ersten Halbjahr 2025 um mehr als 50 %. Die Marktforscher führen das auf niedrigere Lithiumpreise und einen intensiveren Wettbewerb zurück.

BloombergNEF beziffert den weltweiten Durchschnittspreis für Batteriepacks stationärer Speicher 2025 auf 70 $/kWh, 45 % weniger als 2024 (rund 127 $/kWh). Überkapazitäten in der Zellfertigung, scharfer Wettbewerb und die stärkere Nutzung von Lithium-Eisenphosphat-Batterien drücken die Preise. Für den deutschen Endkundenmarkt nennt der ADAC für den Sommer 2026 bei 10-kWh-Speichern eine Orientierung von 2000 € bis 4000 €.

Wenn das Auto Strom zurückliefert

Technisch rücken Mobilität und häusliche Energieversorgung dennoch näher zusammen. Bidirektionales Laden ermöglicht es, Strom aus der Fahrzeugbatterie wieder abzugeben. Entscheidend ist der Anwendungsfall: Vehicle-to-Load versorgt einzelne Geräte, Vehicle-to-Home das eigene Gebäude und Vehicle-to-Grid (V2G) speist ins öffentliche Stromnetz zurück. Eine Steckdose am Auto macht das Fahrzeug deshalb noch nicht zum nutzbaren Haus- oder Netzspeicher.

Erste konkrete Angebote sind inzwischen erhältlich. BMW und E.ON bieten für den neuen iX3 ein V2G-Paket aus BMW Wallbox Professional, Stromtarif, Einspeisevertrag und intelligentem Messsystem an. Ein Bonus von bis zu 720 € jährlich richtet sich nach der Ansteckzeit; tatsächlich zurückgespeister Strom wird zusätzlich vergütet. Zum Start unterstützt dieses Angebot nur PV-Volleinspeiser.

Volkswagen nennt bidirektionales Laden für ID.-Modelle mit Software 6 sowie für viele ältere Fahrzeuge ab Software 3.5 mit mindestens 77 kWh Batteriekapazität. Voraussetzung ist eine kompatible bidirektionale DC-Wallbox. Hager kündigt mit der witty flex eine auf Vehicle-to-Home ausgerichtete Wallbox mit 11 kW Leistung in beiden Richtungen und Einbindung in das Energiemanagement flow an. Der Hersteller nennt das vierte Quartal 2026 als voraussichtlichen Verfügbarkeitstermin. Elli nimmt für sein V2G-Angebot derzeit unverbindliche Registrierungen entgegen; laut Angebotsseite ist es zum Start nicht mit PV-Anlagen oder Vehicle-to-Home kombinierbar. Technische Freigabe, angekündigtes Produkt und verfügbares Gesamtsystem sind somit getrennt zu betrachten.

Neue Regeln öffnen den Markt, die Umsetzung braucht Zeit

Ein wichtiger regulatorischer Schritt folgte am 1. Oktober: Die Bundesnetzagentur beschloss die Festlegung zur Marktintegration von Speichern und Ladepunkten, kurz MiSpeL. Sie schafft Regeln für Systeme, die sowohl Solar- als auch Netzstrom speichern und wieder abgeben. Dabei sollen sich förderfähiger erneuerbarer Strom und zurückgespeister Netzstrom abrechnungstechnisch unterscheiden lassen. Für die Umsetzung bei Netz- und Messstellenbetreibern läuft eine Übergangszeit bis Ende September 2027. Eine frühere Nutzung setzt deren Einverständnis voraus; für die Pauschaloption steht zudem noch die Genehmigung der gesetzlichen Grundlage durch die EU-Kommission aus.

Der September zeigt bereits einen erheblichen Wandel beim Autokauf. Förderung und die Kosten des Fahrens liefern plausible Gründe dafür. Ob das Elektroauto zusätzlich als Speicher wirtschaftlich wird, entscheidet sich dagegen erst im Zusammenspiel von Fahrzeug, Ladeanlage, Tarif und Nutzung. Für Käufer beginnt die wichtigste Rechnung deshalb schon vor der Bestellung: Wo wird das Auto geladen – und welche Aufgaben soll seine Batterie neben dem Fahren übernehmen?

Ein Beitrag von:

  • Peter Kellerhoff

    Redakteur VDI nachrichten
    Fachthemen: Automobil, Nutzfahrzeuge, Schiff, Bahn, Verkehr, Mobilität, E-Mobilität, Software, Cloud, Internet, KI

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