Politik mitverantwortlich 16.08.2013, 11:00 Uhr

Bahnkrise: „Investitionen in Dubai waren interessanter“

Die Politik trägt nach Einschätzung auch von Wissenschaftlern erhebliche Mitschuld für die Personalmisere und Qualitätsprobleme bei der Deutschen Bahn. Die Politik habe durch die verlangte Gewinnabführung das Unternehmen geschwächt, aber gleichzeitig die Kritik der Bahnkunden an sinkender Qualität nicht ernst genommen.

Blick in das elektronische Stellwerk in Seelze: Die Bahn hat nach Ansicht von Ökonomen das Personal ausgedünnt, bis "es knallt", und viel zu wenig für ein gutes Betriebsklima getan. Fahrdienstleister sind zudem deutlich schlechter bezahlt als Fluglotsen, die aber eine vergleichbare Verantwortung tragen.

Blick in das elektronische Stellwerk in Seelze: Die Bahn hat nach Ansicht von Ökonomen das Personal ausgedünnt, bis "es knallt", und viel zu wenig für ein gutes Betriebsklima getan. Fahrdienstleister sind zudem deutlich schlechter bezahlt als Fluglotsen, die aber eine vergleichbare Verantwortung tragen.

Foto: Deutsche Bahn

„Natürlich hätte die Politik die Entwicklung kommen sehen müssen, genauso wie jeder Bahnkunde sie gesehen hat, der schon vor Jahren wegen fehlenden Zugführern nicht fahren konnte“, kritisiert Christian Scholz, Professor für Personalmanagement an der Universität des Saarlandes, in den VDI nachrichten. „Für Politik und Bahn-Management war die Faszination ,Börsengang‘ zu groß und das Bild eines Zugsystems zu verlockend, das nur aus einigen wenigen ICE-Rennstrecken besteht. Deshalb waren globale Investitionen in Dubai interessanter als eine vernünftige regionale Anbindung.“

Die Bahn hat das Personal abgebaut, bis es knallt

Aber auch das Bahn-Management habe es sich zu einfach gemacht und einfach das Personal abgebaut. Um sich komplizierte Hochrechnungen für den personellen Gesamtbedarf zu ersparen, habe die Bahn ihre Mitarbeiterzahl so lange heruntergefahren, „bis es wirklich geknallt hat“, so Scholz. „Man reduziert den Personalbestand sukzessive um die magischen 10 %, die Unternehmensberatungen immer vorschlagen – und irgendwann stehen die Züge.“

Inzwischen brauche sich das Unternehmen über sein Image keine Sorgen zu machen. „Das Image kann kaum noch sinken“, so Scholz. „Die Zufriedenheit der Kunden spielt überhaupt keine Rolle mehr. … Die Tatsache, dass es Wortschöpfungen wie ,Fahrzeitverlängerung‘ für ,eingeplante Verspätung‘ gibt, zeigt, dass es in der Führung der Bahn fundamentale Denkfehler gibt. Diese Kultur der Gleichgültigkeit produziert Probleme wie jene in Mainz.“

Der Staat verhält sich wie ein Finanzinvestor

Für die Bremer VWL-Professorin Mechthild Schrooten ist die Bahn inzwischen in ganz normales Unternehmen geworden. Die Bahn habe „längst den Grundgedanken aufgegeben, für die öffentliche Daseinsvorsorge zuständig zu sein. Es ist über weite Strecken ein Unternehmen wie jedes anderes auch: profitorientiert.“ Der Eigentümer Bund verhalte sich mit seiner Forderung nach Gewinnabführung längst wie ein ganz normaler Finanzinvestor. „ Der Eigentümer möchte eben eine bestimmte Summe haben. In dieser Hinsicht verhält er sich nicht anders als typische Finanzinvestoren.“

Den Arbeitnehmervertretern, so Schrooten, seien weitgehend die Hände gebunden. „So mächtig sind die Gewerkschaften in Deutschland nicht. Sie können kein Bahnpersonal einstellen. Das muss das Unternehmen schon selbst tun.“

Nicht nur zum Schutz der Gesundheit der Mitarbeiter müssten Gewerkschaften aber auf die Grenzen der Belastbarkeit hinweisen. Flächendeckend für eine angemessene Personaldecke zu sorgen, müsste bei einem Unternehmen, das als Produkt „Mobilität“ anbietet, selbstverständlich sein. Schrooten: „Alles andere ist ein Spiel mit dem Feuer.“

Die Bahn hat eine auf Kante genähte Personalplanung

Auf dieses Spiel aber habe sich das Bahnmanagement wie viele andere Privatunternehmen eingelassen. „Grundsätzlich ist die Arbeitsverdichtung – und dazu gehört auch eine auf Kante genähte Personalplanung – heute in vielen Arbeitsbereichen festzustellen“, weiß Mechthild Schrooten. Die enge Personalplanung käme an ihre Grenzen, wenn Sondersituationen aufträten. Dann würden Schuldige gesucht. Dabei läge auf der Hand, dass die Profitgier des Managements eine wichtige Triebfeder sei.

Der Trend zu einer „generellen De-Professionalisierung im Personalmanagement“ könne sich in vielen Branchen, in Dienstleistungsbereichen, im Finanzsektor, in der Automobilindustrie und im Bildungsbereich noch übel auswirken, ergänzt Christian Scholz: „Und spätestens dann haben wir noch mehr Probleme als die, die wir zurzeit in Mainz bestaunen dürfen.“

Zu wenig für gutes Betriebsklima getan

Dass es Bahnangestellte nicht scharenweise aus dem Urlaub in ihre Dienststellen zurückgetrieben habe, wundert Maria Leenen nicht. „Die Bahn hat zu wenig dafür getan, die Mitarbeiter zu pflegen und ihnen das Gefühl zu geben, dass sie wichtig sind. Jeder Fahrgast hat schon Erfahrungen mit der schlechten Kommunikation der Bahn gemacht. Nach innen ist sie noch schlechter. In einer solchen Situation kommt das wie ein Bumerang zurück, es wirkt wie ein negativer Multiplikator“, erläuterte die Chefin der Consultingfirma SCI Verkehr in der ARD-Tagesschau.

Ein Fahrdienstleiter trägt ähnliche Verantwortung wie ein Fluglotse und verfügt über hohes Spezialwissen. Dennoch verdient der Fluglotse erheblich mehr. Das dürfe nicht sein, verlangt Maria Leenen. „Früher war das Prinzip der Bahn, dass sie zwar ein niedriges Gehalt zahlte, aber dafür viele Sonderleistungen erbrachte. Die Sonderleistungen hat sie gestrichen, die schlechte Bezahlung ist geblieben. Wenn die Bahn Leistungsträger gewinnen und behalten möchte, muss sie mehr bezahlen.“

Das Bahn-Debakel von Mainz ist nach Ansicht des Leipziger Trendforschers Sven Gábor Jánszky ein Vorgeschmack auf die vom Fachkräftemangel geprägte Arbeitswelt der Zukunft. Unternehmen müssten ihre Fachleute so hegen und pflegen, dass sie sich dem Unternehmen materiell und ideell verbunden fühlten.

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