Forschungsgebiet Automotive Health 30.07.2026, 22:00 Uhr

Auto der Zukunft wird zum Gesundheitslabor

Das Auto der Zukunft wird zum Gesundheitslabor: Sensoren und KI erkennen Krankheiten wie Herzinfarkt oder Parkinson frühzeitig und erhöhen die Sicherheit.

Fahrer in automatisiertem Fahrzeug blickt auf digitale Steuerelemente.

Forschungsfahrzeuge erfassen während der Fahrt verschiedene gesundheitsrelevante Signale, darunter die Herz- und Atemfrequenz.

Foto: Smarterpix/BiancoBlue

Sensorik und Software machen es möglich: Bei Autofahrten kann künftig erkannt werden, ob dem Fahrer ein Herzinfarkt droht, oder ob langfristig Erkrankungen wie Parkinson oder die Lungenkrankheit COPD zu befürchten sind.

Etwa jeder zehnte schwere Verkehrsunfall außerhalb von Ortschaften geht laut der ADAC Unfalldatenbank auf einen abgelenkten, müden oder körperlich beeinträchtigten Fahrer zurück. Wer keinen Old- oder Youngtimer steuert, ist dabei teils heute schon mithilfe ausgefeilter Elektronik vor bestimmten Gefährdungen geschützt. Fahrzeughersteller, die nicht nur gesetzliche Anforderungen einhalten wollen, sondern auch beim Verbraucherschutzprogramm Euro NCAP punkten möchten, können seit 2023 auch In-Cabin Sensing Systeme anbieten. Erkennt die Innenraum-Sensorik einen abgelenkten, müden oder nicht-ansprechbaren Fahrer, verbessert das die Bewertung.

Ein Drittel der Fahrer ist 60+

Was heute bei einigen Automodellen bereits möglich ist, könnte in naher Zukunft massiv übertroffen werden. Der Pkw könnte mittels Sensorik und Software zum Früherkennungssystem für zahlreiche Krankheiten werden. Auch wenn sich das nicht unmittelbar auf die bevorstehende Fahrt von A nach B auswirkt, ist das hilfreich. Ob so viel Gesundheitsüberwachung auch auf Käuferinteresse stößt, sei dahingestellt. Fakt ist, dass der durchschnittliche Pkw-Besitzer in Deutschland 44,2 Jahre alt ist. Neuwagenkäufer sind laut dem CAR-Center Automotive Research sogar fast 53 Jahre alt. Knapp ein Drittel der Automobilisten (31,8 %) ist 60 Jahre oder älter.

An der Technischen Universität Braunschweig wird daran geforscht, das Auto in Zukunft noch aufmerksamer hinsichtlich Krankheiten zu machen. Medizininformatiker und Fahrzeugtechnik-Experten der TU arbeiten zusammen mit der Medizinischen Hochschule Hannover daran, beim Fahren frühzeitig Warnsignale des Körpers wahrzunehmen und etwa auch Herzrhythmusstörungen zu erfassen.

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Auto erfasst den Gesundheitstrend

Damit ist man schon weit fortgeschritten. Auf der Fachmesse „Automechanika Frankfurt“ (8. bis 12. September 2026) werden zwei Forschungsfahrzeuge vorgestellt, die das Auto zwar nicht zum Rettungswagen machen, es aber durchaus in einen diagnostischen Gesundheitsraum verwandeln.

Die Forschungsfahrzeuge prüfen während der Fahrt gesundheitsrelevante Signale wie die Herz- und Atemfrequenz. Mithilfe einer personalisierten Trendanalyse lassen sich dadurch Erkrankungen frühzeitig erkennen. Betroffenen bliebe genug Zeit, sich bei einem Arzt genauer untersuchen zu lassen. „So können Herzinfarkte oder Schlaganfälle vermieden werden. Aber auch neurologische und pneumologische Krankheiten wie Parkinson oder COPD können bereits im Frühstadium diagnostiziert werden, was Therapieerfolge erhöht und -kosten senkt“, erläutert Professor Thomas Deserno.

Wie eine Smartwatch auf Rädern

Das Fahrzeug würde quasi zu einer Smartwatch auf vier Rädern – nur besser. Es soll dabei weder eine ärztliche Diagnose ersetzen, noch eine medizinische Behandlung unnötig machen. Ziel ist es vielmehr, mittels der eingebauten Technik langfristige Veränderungen, mögliche Auffälligkeiten oder belastende Situationen frühzeitig zu erkennen und sinnvoll einzuordnen.

Sensoren im Sicherheitsgurt und Lenkrad

In den Zukunftsfahrzeugen befinden sich in das Lenkrad integrierte Elektroden. Diese zeichnen ein Elektrokardiogramm (EKG) auf. Mit Kameras am Innenspiegel werden Körperbewegungen und Farbänderungen der Gesichtshaut analysiert, um auf die Atem- und Herzrate zurückzuschließen. Mikrofone im Gurt nehmen die Herztöne auf. Ergänzt wird diese Diagnostik durch Lichtsensoren zur Messung von Blutvolumenänderungen im Gewebe, um die Herzfrequenz zu erfassen und Herzrhythmusstörungen zu erkennen.

Abgleich von Messsignalen mit der Fahrsituation

Die verschiedenen Messsignale liefern jeweils nur einen Teil des Gesamtbildes. Eine künstliche Intelligenz wertet die Daten aus. Dabei ist die zuverlässige Interpretation der Biosignale im fahrenden Auto durchaus anspruchsvoll, da die Fahrsituation die Messung beeinflusst. Vibrationen, Lenkbewegungen, Bremsvorgänge oder Kurvenfahrten können die erfassten Signale verfälschen. In den Forschungsfahrzeugen werden diese deshalb mit fahrdynamischen Fahrzeugdaten verknüpft. Der Wagen wird nicht nur zum reinen Messort, sondern er liefert auch den Kontext für die richtige Interpretation der Daten. Erst dadurch lässt sich einschätzen, ob eine Signalveränderung auf eine körperliche Belastung hindeutet oder ob sie durch die Fahrsituation erklärbar ist.

Ziel im Forschungsgebiet „Automotive Health“ ist es, die Sicherheit der Insassen zu erhöhen. Werden Auffälligkeiten wahrgenommen, werden die Fahrassistenzsysteme angepasst. Auch Komfortfunktionen könnten künftig stärker auf die individuellen Bedürfnisse der Insassen abgestimmt werden. Die Hoffnung: Mit personalisierten Fahrfunktionen könnten die Hersteller bei ihrer meist nicht mehr ganz jungen Klientel punkten – und die Käufer länger leben lassen.

Ein Beitrag von:

  • Folker Lück

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