35 Mrd. € für neue Kriegsschiffe: Wie Deutschland seine Marine aufrüstet
Mindestens 35 Mrd. € will Deutschland in neue Fregatten, U-Boote und Drohnen investieren. Auf der Schiffbaumesse SMM in Hamburg wurde klar: Der Zeitdruck ist enorm, aber die Kosten steigen. Zudem hat die Ukraine gezeigt, was kleine Drohnen gegen große Flotten ausrichten können.
So stellt sich die Rüstungsindustrie die Deutsche Marine der Zukunft vor: fünf Großkampfschiffe, begleitet von autonom fahrenden Seedrohnen. Die Visualisierung wurde auf der SMM in Hamburg gezeigt.
Foto: Rheinmetall
Wenige Wochen vor seinem Schritt in den Ruhestand erinnert sich der Inspekteur der Deutschen Marine an den 24. Februar 2022: „Die Ukraine war ein Schock“, sagte Vizeadmiral Jan Christian Kaack während seiner Abschiedsrede auf der Hamburger Schiffbaumesse SMM. Nur Stunden nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine hatte Kaack an diesem Tag erstmals in der Nachkriegsgeschichte das sofortige Auslaufen der gesamten deutschen Flotte angeordnet.
Dass der Krieg in der Ukraine über den damaligen Tagesbefehl hinaus massive Auswirkungen auf die deutschen Seestreitkräfte hatte, benannte Kaack so klar wie selten zuvor: „Unbemannte Systeme, weitreichende Wirkmittel und neue Formen der vernetzten Kriegsführung stellen traditionelle Flottenkonzepte infrage“, betonte Kaack mit hörbarem Respekt vor der Innovationskraft der ukrainischen Marine. Konsequent forderte er eine Neuausrichtung und Neuausstattung der Deutschen Marine: „Ich muss mit dem abschrecken und kämpfen, was ich habe, und beschaffen, was verfügbar ist und funktioniert – und das schnell.“
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Deutsche Marine steht vor großen Aufgaben
Tatsächlich steht die Deutsche Marine vor dem größten Erneuerungsprogramm seit der deutschen Wiedervereinigung. Allein in den Bau neuer Fregatten, Flottenversorger, Tanker und U-Boote will die Bundesregierung in den kommenden zehn Jahren mindestens 35 Mrd. € investieren. Außerdem soll für fast 3 Mrd. € ein neuer Militärhafen in Bremerhaven entstehen und der Stützpunkt Wilhelmshaven modernisiert werden. Das Ziel der bereits begonnenen Reise wurde auf der SMM in einem riesigen Bild an der Wand der vom Rüstungskonzern Rheinmetall gesponserten „Marine Security and Defence Conference“ (MS&D) sichtbar.
Eine Flotte von fünf verschiedenen Großkampfschiffen sowie von weiteren kleinen Einheiten eilt dort begleitet von 14 autonom fahrenden Drohnen zum Einsatz.
Die deutschen Marineschiffbauer könnten solche schwimmenden Waffensysteme in der von Kaack geforderten Schnelligkeit liefern, versicherte Oliver Juckenhöfel, Chef der Überwassersparte von TKMS (ehemals Thyssenkrupp Marine Systems) auf der MS&D: „Wir haben die neue Fregatte des Typs Meko A-200 in zwei Jahren entwickelt und werden das erste Schiff in zwei Jahren ausliefern.“ Zum Vergleich: Beim jüngsten Marine-Neubau – die Korvette „Köln“ – vergingen nach jahrelangen Vorplanungen sieben Jahre zwischen Kiellegung und Indienststellung.
Pragmatismus bei der Bestellung beschleunigt das Erneuerungsprogramm
Basis für diese 121 m lange Meko A-200 ist das von TKMS in den 1990er-Jahren entwickelte Konzept für ein individuell ausrüstbares Mehrzweck-Kampfschiff. Es wurde für verschiedene ausländische Marinen bereits mehrfach mit verschiedenen Funktionen gebaut. Nach einer europaweiten Ausschreibung für einen neuen Fregattentyp hatte sich die Deutsche Marine aber gegen dieses Konzept und für Pläne der niederländischen Damen Shipyards Group entschieden. Nachdem es den Niederländern jedoch drei Jahre nach der Auftragsvergabe nicht gelungen war, innerhalb des Kostenrahmens realisierbare Pläne vorzulegen, stornierte Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius im Juni 2025 die Bestellung von sechs Fregatten des Typs 126 und orderte stattdessen bei TKMS acht Meko A-200 zum Stückpreis von 1,6 Mrd. €. Um keine Zeit zu verlieren, beließ es TKMS beim bereits in den 1990ern skizzierten Antriebskonzept aus zwei Dieselmotoren, einer Gasturbine und einem Wasserstrahlantrieb.
Auch die vorgesehene Ausrüstung der ersten Neubauten wird im Vergleich zu den Veränderungen in der modernen Seekriegsführung eher konservativ ausfallen. Die ersten Exemplare sollen vor allem der U-Boot-Jagd in Nord- und Ostsee dienen. Das entspricht der Forderung von Vizeadmiral Kaack, die Deutsche Marine solle sich wieder auf ihre Kernaufgaben an der Nato-Nordflanke konzentrieren. Nach der deutschen Wiedervereinigung und der scheinbaren Entspannung in Europa hatte sich die Marine verstärkt auf Auslandseinsätze ausgerichtet und zugleich etwa zwei Drittel ihrer damaligen Flotte von rund 200 Schiffen ausgemustert.
Gut 35 Jahre später muss die einst stärkste westliche Marine auf der Ostsee jetzt zunächst ihre alten Fähigkeiten zurückgewinnen. Augenscheinlich spiegelt die geplante Ausstattung der neuen U-Boot-Jäger einen gestärkten Europa-Gedanken wider: Wesentliche elektronische Bauteile kommen nicht mehr wie in früheren Zeiten aus den USA. Die Radare und das Führungs- und Waffeneinsatzsystem (FüWES) werden voraussichtlich in Schweden bestellt. Das für die U-Boot-Jagd notwendige Schleppsonar liefert der deutsche Systemspezialist Atlas Elektronik.
Neuer Schiffstyp: Raketenabwehr und -abfeuerungsfregatte
Neue und zusätzliche Fähigkeiten werden beim nächsten großen Neubauprojekt der Marine eine wesentliche Rolle spielen. Am ersten Tag der Schiffbaumesse verkündete TKMS, die mit Rheinmetall gegründete Projektgesellschaft A400 FC GmbH habe die Pläne für die „Luftverteidigungsfregatte F127“ gemeinsam mit der Marine weit vorangetrieben. Der Schiffstyp basiert ebenfalls auf dem Meko-Konzept von TKMS, soll aber etwa 40 m länger werden. Zu den Kernaufgaben der voraussichtlich acht Einheiten soll neben der Abwehr von ballistischen Raketen (auch aus dem Weltraum) das Abfeuern eigener weitreichender Flugkörper zählen.
Beides kann die Marine derzeit nicht; erst vor wenigen Wochen wurde erstmals für die Deutsche Marine eine ballistische Rakete von Bord der Fregatte „Sachsen“ gestartet. Für ihre Funktion als Raketenbasis sollen die neue Fregatten das senkrechte Startsystem Mk 41 Vertical Launch System (VLS) mit bis zu 96 Startplätzen bekommen.
Ein integriertes Waffen- und Führungssystem soll das digitale Zentrum für alle militärischen und nautischen Systeme an Bord werden. Favorit ist derzeit das Aegis Combat System aus den USA, das sowohl den Luftraum gegen Angriffe überwachen als auch Raketen ins Ziel lenken kann. Mithilfe des ebenfalls in den USA entwickelten AN/SPY-6-Radars soll Aegis Combat innerhalb von 15 s nach der Ortung Maßnahmen gegen angreifende Raketen einleiten können.

Das Aegis-System des US-Rüstungskonzerns Lockheed Martin gilt als weltweit leistungsfähigstes Führungsinstrument, hat aber nicht nur Freunde. Insbesondere die Kosten stoßen manchem deutschen Politiker auf – jedes einzelne der acht benötigten Systeme soll mit 1,25 Mrd. € zu Buche schlagen.
Das ursprünglich mit insgesamt 26 Mrd. € veranschlagte Fregatten-Programm soll deshalb mittlerweile 40 Mrd. € kosten – auch in der Regierungskoalition mehren sich Zweifel an diesem Vorhaben. Ob und wo der Rotstift angesetzt wird, ist derzeit offen. „90 % der Wertschöpfung würden in Deutschland entstehen: Das betrifft den Schiffbau, die Systemintegration, Sensorik, Antrieb, Elektronik und natürlich auch die Arbeitsplätze“, warb TKMS-Vorstandschef Oliver Burkhard am Rande der SMM für das Projekt.
Unbemannte See-Drohnen in der deutschen Marine
Der Bau von Fregatten ist mit Blick auf die Gesamtkosten zwar das größte Projekt im Marine-Etat, doch militärisch scheinen kleinere Einheiten eine viel größere Bedeutung zu haben. Dazu zählen künftig bei der Deutschen Marine Systeme wie das unbemannte und autonom einsetzbare Überwasserfahrzeug „Kraken K3 Scout“ sowie sein großer „Bruder“ Kraken K5. Der 8,5 m lange Kraken K3 kann bis zu 600 kg Nutzlast wie Waffen oder Aufklärungssysteme mit bis zu 101 km/h 650 km weit tragen. Kraken K5 ist 11,5 m lang und in der Lage, bis zu 6 t Last mit 54 km/h bis 90 km/h 1000 km weit zu schleppen. K3 wird seit April von Rheinmetall auf der Werft Blohm & Voss in Hamburg in Serie gebaut. Die aktuelle Rate von 200 Stück pro Jahr kann laut Rheinmetall auf bis zu 1000 Exemplare gesteigert werden.
Ukrainekrieg als Blaupause für die Seekriegsführung der Zukunft
Dank komplexer Softwaresteuerung und Kommunikationsfähigkeit können die „Kraken“ nahtlos in einen kompletten Marine-Einsatzverband integriert werden. Auch dafür werden derzeit die notwendigen Digitalsysteme entwickelt. Das hatte Vizeadmiral Kaack offenbar im Kopf, als er auf der SMM eine deutlich bessere Ausrüstung der Marine forderte: „Die ukrainischen Angriffe auf die russische Schwarzmeerflotte haben eindrucksvoll demonstriert, welchen Einfluss vergleichsweise neue Technologien auf Bewegungsfreiheit und Operationsführung einer konventionell überlegenen Marine haben können.“ Die Ukraine hatte bereits kurz nach dem 22. Februar 2022 damit begonnen, autonome Wasserdrohnen zu entwickeln und gegen die russische Marine einzusetzen.
Um den technologischen Vorsprung des Verbündeten aufzuholen, versicherte sich Rheinmetall der Unterstützung eines Zivilisten mit großem Wissen über kleine und schnelle Boote. Die Kraken wurden gemeinsam mit einem Start-up des früheren Powerboot-Weltmeisters Mal Crease aus GB entwickelt.
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