Pilotiertes Parken 18.11.2015, 11:35 Uhr

Audi und US-Stadt Somerville planen die neue autogerechte City

Ampeln kommunizieren mit Autos, Parkhäuser kommen ohne Fußgänger aus, der Verkehr fließt reibungslos: In einer Kooperation mit der US-Stadt Somerville will Audi zeigen, dass das Auto auch in der Großstadt der Zukunft noch eine große Rolle spielen kann.

So stellt sich Audi das Parken der Zukunft vor: Der Fahrer steuert sein Auto ins Parkhaus (r.), wo er es am Eingang abstellt. Das Auto steuert dann alleine einen Parkplatz an. Da niemand aus- und einsteigen muss, können die Autos viel enger stehen.

So stellt sich Audi das Parken der Zukunft vor: Der Fahrer steuert sein Auto ins Parkhaus (r.), wo er es am Eingang abstellt. Das Auto steuert dann alleine einen Parkplatz an. Da niemand aus- und einsteigen muss, können die Autos viel enger stehen.

Foto: Audi

Platznot, Staus, Luftverschmutzung – Verkehrsforscher in aller Welt rechnen damit, dass die Großstadt der Zukunft eine ist, in der motorisierter Individualverkehr, wie wir ihn heute kennen, kaum noch eine Rolle spielt. Für Fahrzeughersteller eine Horrorvorstellung. Kein Wunder also, dass sie alles dafür tun zu beweisen, dass jeder auch in Zukunft mit dem Auto fahren kann. Weil man aber Peking, New York oder Berlin nicht so leicht umbauen kann, hat sich Audi für ein Modellprojekt eine Stadt in den USA gesucht, die in weiten Teilen komplett neu gedacht und gebaut wird.

Verkehrsschild in Somerville in der Nähe von Boston in den USA: Hier will Audi Verkehrskonzepte der Zukunft erproben.

Verkehrsschild in Somerville in der Nähe von Boston in den USA: Hier will Audi Verkehrskonzepte der Zukunft erproben.

Foto: Audi

Somerville heißt die Stadt, gelegen nahe Boston und angeblich einer der dynamischsten Orte der USA. Der Immobilienentwickler FRT jedenfalls plant dort ein ganz neues Viertel, und das Stadtzentrum wandelt und verdichtet sich rasant. Mit den Stadtoberen hat Audi nun eine Vereinbarung geschlossen, die den Praxistest neuer Mobilitätskonzepte vorsieht.

Ampel zählt den Countdown runter

Indes: So richtig neu sind die einzelnen Bestandteile nicht. Aber ihre Vernetzung lässt sich hier umsetzen. Ein Aspekt ist beispielsweise der „Ampelphasenassistent“, dessen erste Version Audi schon vor zehn Jahren entwickelte. Das Grundprinzip ist, dass jede Ampel Signale an Autos in der Nähe schickt und deren Fahrern sagt, wie lange es denn noch bis zur nächsten Grünphase dauern wird. So sollen Haltezeiten an Ampeln reduziert werden. Der Fahrer kann sein Tempo dann manuell anpassen oder das Ganze einer elektronischen Steuerung, der „adaptive cruise control“, überlassen.

Arbeitsplatz und Auto unter einem Dach: Auch in Zukunft spielt das Auto in Audis Visionen eine zentrale Rolle. Dank pilotiertem Einparken soll der Platzbedarf so stark sinken, dass das Auto gleich neben dem Arbeitsplatz steht. 

Arbeitsplatz und Auto unter einem Dach: Auch in Zukunft spielt das Auto in Audis Visionen eine zentrale Rolle. Dank pilotiertem Einparken soll der Platzbedarf so stark sinken, dass das Auto gleich neben dem Arbeitsplatz steht. 

Foto: Audi

Bislang hat es mit diesem System zwar einen Praxistest in Ingolstadt gegeben, aber von der Durchsetzung ist es weit entfernt – schon deshalb, weil die Kommunen, die ihre ohnehin teuren Ampelanlagen erneuern müssten, kein Geld dafür haben. Würde das System in Deutschland flächendeckend eingeführt, könnten pro Jahr zwei Millionen t Kohlendioxid eingespart werden, rechnet Audi vor. Die Investitionskosten wären allerdings enorm.

Parkplätze kosten Planer besonders viel Geld

In Somerville dagegen scheint Geld kein Problem zu sein. Die Stadt prosperiert nach eigenen Angaben so stark wie sonst in den USA nur noch das Silicon Valley. Deshalb soll Audi sein Ampelsystem im Zentrum von Somerville, am Union Square, installieren.

Audi-Chef Rupert Stadler (l.) und Joseph A. Curtatone, Bürgermeister der amerikanischen Stadt Somerville, wollen in der Realität die Potentiale selbst einparkender Autos erproben. Der Flächenverbrauch in Parkhäusern soll um bis zu 62 % sinken.

Audi-Chef Rupert Stadler (l.) und Joseph A. Curtatone, Bürgermeister der amerikanischen Stadt Somerville, wollen in der Realität die Potentiale selbst einparkender Autos erproben. Der Flächenverbrauch in Parkhäusern soll um bis zu 62 % sinken.

Foto: Audi

Außerdem wird gerade im Stadtteil Assembly Row eine „Smart City“ durchgeplant. Ein Viertel, das Wohnraum, Arbeitsplätze und Freizeitmöglichkeiten gleichermaßen vorsieht – und in dem eine bestimmte Anzahl von Parkplätzen vorgeschrieben ist. Genau die allerdings sind ein Kostenproblem für den Entwickler FRT: Jeder einzelne kostet im Durchschnitt mindestens 25.000 $. „Das Thema Parken ist für uns teuer und verbraucht enorm viel Platz. Wenn wir Parkfläche reduzieren können, sinken die Kosten, Raum kann besser genutzt werden und Lebensqualität sowie Gewinn steigen“, sagt Chris Weilminster, Vizepräsident des Unternehmens.

Parkpilot spart sehr viel Platz

Ein geparktes Auto braucht Platz. Vor allem aber braucht ein parkender Mensch Platz. In einem Parkhaus, wo alle Autos automatisch gesteuert und abgestellt werden, können nicht nur pro Platz etwa zwei Quadratmeter wegfallen, sondern auch breite Zufahrten und Fußwege werden überflüssig. Auf demselben Raum lassen sich laut Audi damit 62 % mehr Fahrzeuge unterbringen. Wie das mithilfe einer Smartphone-App funktionieren kann, hat BMW übrigens schon vor knapp einem Jahr vorgeführt. (LINK)

Der vernetzte Stadtverkehr und das autonome Parkhaus – beides keine ganz neuen Konzepte. In Somerville entsteht aber vielleicht die schöne neue Autostadt. Bislang allerdings haben Audi-Chef Rupert Stadler und Bürgermeister Joseph A. Curtatone nur eine Absichtserklärung unterschrieben. Ob Realität daraus wird, bleibt abzuwarten.

Städte in Europa setzen dagegen völlig andere Akzente, um den Verkehr in Zukunft zu gestalten. London verbannt den Autoverkehr immer mehr aus der Innenstadt, baut seine U-Bahnen und Fahrradstrecken aus. Sogar Fahrrad-Highways quer durch die Stadt werden entwickelt.

Nicht aufs Wasser, sondern in die Luft will Stararchitekt Norman Foster den schnellen Radverkehr in London verlegen. Er hat eine Hochautobahn namens SkyCycle für Radfahrer quer durch London vorgeschlagen, die an ihren Rändern sogar bebaut werden kann.

Nicht aufs Wasser, sondern in die Luft will Stararchitekt Norman Foster den schnellen Radverkehr in London verlegen. Er hat eine Hochautobahn namens SkyCycle für Radfahrer quer durch London vorgeschlagen, die an ihren Rändern sogar bebaut werden kann.

Foto: Architekturbüro Norman Foster

Der Architekt Norman Foster hat sogar einen Fahrrad-Highway vorgeschlagen, der sich wie eine Stadtautobahn hoch über der Stadt durch London zieht. Und andere Architekten wollen einen schwimmenden Radweg in der Themse realisieren.

In Eindhoven gibt es schon den weltweit ersten Kreisverkehr für Radfahrer, der hoch über den Autostraßen schwebt und somit ein schnelles, kreuzungsfreies Radeln erlaubt.

Der niederländische Hovenring: Seit Sommer 2012 benutzen täglich 4000 bis 5000 Radfahrer den schwebenden Kreisverkehr in Eindhoven.

Der niederländische Hovenring: Seit Sommer 2012 benutzen täglich 4000 bis 5000 Radfahrer den schwebenden Kreisverkehr in Eindhoven.

Foto: ipv Delft

Und Kopenhagen setzt ebenfalls auf kreuzungsfreie Highways. Die sind auch schon in Deutschland in Planung. Fünf Radschnellwege plant Nordrhein-Westfalen, darunter ist sogar der längste Fahrrad-Highway Deutschlands quer durch das Ruhrgebiet.

Der RS 1, der Radschnellweg Ruhr, soll über 100 km quer durch das Ruhrgebiet führen. 2020 soll die Strecke eingeweiht werden. Sie wäre der längste Radschnellweg in Europa.

Der RS 1, der Radschnellweg Ruhr, soll über 100 km quer durch das Ruhrgebiet führen. 2020 soll die Strecke eingeweiht werden. Sie wäre der längste Radschnellweg in Europa.

Foto: Metropole Ruhr

Von Werner Grosch Tags:

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