Im Schatten der süßen Artverwandten 28.07.2017, 13:17 Uhr

Deutsche Wissenschaftler wollen Bienensterben stoppen

Insekten sind ein wichtiger Baustein unseres Ökosystems und dennoch erhalten manche Arten kaum Schutz. Ein aktuelles Projekt widmet sich Wildbienen, den vergessenen Verwandten der Honigbiene.

In Deutschland gibt es 561 Wildbienenarten, die Hälfte steht auf der Roten Liste.

In Deutschland gibt es 561 Wildbienenarten, die Hälfte steht auf der Roten Liste.

Foto: Thomas Martin/Deutsche Wildtier Stiftung

Ökosystem für Insekten ist aus dem Lot

Was am sommerlichen Kuchentisch eine willkommene Entwicklung sein mag, ist eigentlich eine Ökokatastrophe, deren Ausmaß kaum bekannt ist: Die Welt leidet an einem großen Insektensterben. Kürzlich warnte das Umweltbundesministerium davor – und das, obwohl das Phänomen schon lange andauert. Die Zahl der Insekten in Deutschland hat von 1982 bis heute um 80% abgenommen.

Schuld daran ist vor allem die Landwirtschaft. „Sie macht den Insekten das Überlegen schwer“, bilanziert Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD). „Es wird viel zu viel gemäht, gedüngt und gespritzt, ganze Lebensräume verschwinden.“

Wildbienen als unsichtbare Leidtragende

Besonders alarmierend ist das für Wildbienen. Sie unterscheiden sich von den Honigbienen vor allem in ihrer Lebensweise: Rund 60% der Wildbienenarten sind Bodenbrüter, die meisten sind Einzelgänger, nur ganz wenige wie Hummeln und Furchenbienen zählen zu den sozialen Arten. Sie leben in kleinen, meist einjährigen Staaten. Außerdem haben die Wildbienen im Gegensatz zu ihren honigbringenden domestizierten Verwandten nur wenig menschliche Helfershelfer, die ihre Lebensräume schützen und sie bei ihrer Aufzucht unterstützen.

Der BUND warnt bereits seit Jahren vor einem „dramatischen Artenverlust“. Über die Hälfte der 561 in Deutschland heimischen Arten stehe auf der Roten Liste, knapp 40 Arten gelten bereits als ausgestorben oder verschollen, weitere 30 sind vom Aussterben bedroht. Ihr Schutz gilt als äußerst wichtig, er ist aber auch besonders schwierig.

Verbundprojekt BienABest soll Wildbienen erfassen

„Wir wissen leider immer noch sehr wenig über die Wildbienenbestände in Deutschland und ihren massiven Rückgang in den letzten Jahren“, sagt Ljuba Woppowa, Geschäftsführerin der Gesellschaft Technologies of Life Sciences im VDI. Gemeinsam mit dem Zoologen Manfred Ayasse von der Universität Ulm hat sich die promovierte Chemikerin zur Aufgabe gemacht, das zu ändern. Gerade startet das auf sechs Jahre angelegte Verbundprojekt BienABest, das vom Bundesamt für Naturschutz gefördert wird.

Das vorgegebene Ziel ist klar: Den drastischen Rückgang der Wildbienen-Populationen aufhalten – ohne jedoch, wie das bisher geschah, die einzelnen Wildbienen zur Bestimmung in ein Labor zu bringen. Denn das hieße, dass die Bienen zum Zwecke der Forschung getötet werden müssen. „Stattdessen wollen wir eine Lebendbestimmungsmethode entwickeln, um nicht in die Population der Bienen eingreifen zu müssen“, erklärt Woppowa. Diese Methode soll später als Grundlage für ein langfristiges Monitoring von Bienen genutzt werden.

Neue Lebensräume an Ackerflächen gesucht

Momentan werden noch geeignete Standorte ausgewählt, an denen sich das Monitoring der Wildbienen überhaupt realisieren lässt, wie Manfred Ayasse berichtet. Er ist Professor am Institut für Evolutionsökologie und Naturschutzgenomik der Universität Ulm und Projektleiter für das Umsetzungsprojekt in BienABest. Wenn alle 20 Flächen gefunden sind, werden dort erste Erhebungen zum Bestand durchgeführt und Insektizidproben entnommen. „Durch Aufnahme der Landnutzungsintensität und verschiedener Habitatparameter wollen wir herausfinden, welche Stressoren das Vorkommen der Wildbienen beeinflussen könnten und Insektizide könnten einer davon sein“, so Ayasse.

Parallel dazu stellen die Wissenschaftler um den Zoologen Ayasse lokal angepasste Wildkräutermischungen zusammen und legen Nisthügel für die Bodenbrüter an, damit am Rande ausgewählter Ackerflächen neue Lebensräume für die gestreiften Insekten entstehen. So hoffen die Wissenschaftler, der Wildbiene das Leben an von Menschen genutzten Agrarflächen wieder schmackhaft machen zu können.

Bürgerbeteiligung am Bienenschutz geplant

Langfristig soll die standardisierte Erfassung von Wildbienen ebenso wie der entwickelte Feldbestimmungsschlüssel in neuen VDI-Richtlinien festgehalten werden. Darüber hinaus sind Schulungen geplant, in denen sich Wissenschaftler, aber auch interessierte Bürger über Wildbienen, deren Lebensräume und Nahrungspflanzen informieren können. Sodass auch sie im Anschluss in die Natur gehen und Wildbienen erfassen können.

„Wenn wir erreichen wollen, dass unser Planet weiter mit diesen Arten ausgestattet ist, müssen wir den Menschen die Natur näherbringen – gerade in Zeiten, in denen sich immer mehr in eine virtuelle Welt zurückziehen und die Natur und damit ihren Schutz vernachlässigen“, so Ayasse. Den Hobbywissenschaftlern wird dafür ein bildbasierter Online-Bestimmungsschlüssel in einer eigenen Bienen-Bestimmungs-App zur Seite stehen. So kann sich jeder Imker, jeder Landwirt und jeder Naturliebhaber an der Erfassung und dem Schutz der Wildbienen in Deutschland beteiligen.

Für den Anfang können Sie sich schon einmal mit der Wildbiene des Jahres 2017 vertraut machen: die Knautien-Sandbiene, deren Weibchen rote Pollenhosen tragen.

Für den Anfang können Sie sich schon einmal mit der Wildbiene des Jahres 2017 vertraut machen: die Knautien-Sandbiene, deren Weibchen rote Pollenhosen tragen.

Quelle: Hans Richard Schwenninger

Bienen sind faszinierende Geschöpfe und deshalb auch immer wieder Bestandteil von Medienberichten. Auch wir haben in den letzten Jahren häufig über Bienen berichtet. Etwa, wie die Australier den Bienenstock automatisieren und dem Bienensterben auf den Grund gehen wollen, wie sich die Japaner ein Ökosystem ohne Bienen vorstellen, wie Dieselabgase auf den Geruchssinn der Bienen wirken oder wie die Bionik Mechanismen von Bienen in der Technik nachahmt.

 

Von Lisa Schneider Tags:

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