Bundeswehr warnt 09.10.2026, 18:55 Uhr

„Jagd“ auf ICEYE: Was fünf russische Satelliten im Orbit treiben

Russische Cosmos-Satelliten nähern sich einem ICEYE-Radarsatelliten. Die Bundeswehr warnt: Ähnliche Manöver könnten auch Starlink unter Druck setzen.

Zwei russische GEO-IK-Satelliten über der Erde im Weltraum

Russische Militärsatelliten im Erdorbit. Mehrere Cosmos-Satelliten brachten sich im Mai in die Bahnebene des ICEYE-Radarsatelliten X36.

Foto: picture alliance / Zoonar | Aleksandr Volodin

Russische Militärsatelliten haben im Mai ihre Umlaufbahnen gezielt verändert und sich damit in die Bahnebene des finnischen Radarsatelliten ICEYE-X36 gebracht. ICEYE reagierte mit einem eigenen Manöver. Danach änderten auch die russischen Satelliten erneut ihre Bahnen.

Für Generalmajor Michael Traut, Chef des Weltraumkommandos der Bundeswehr, ist das mehr als eine ungewöhnliche Begegnung im All. Gegenüber Reuters sprach er von einem „chasing“, also einer Verfolgung im Orbit. Besonders heikel ist für ihn die Frage, was solche Fähigkeiten bei großen Satellitennetzen wie Starlink anrichten könnten.

Nach Angaben der US Space Force waren zunächst vier russische Militärsatelliten beteiligt. Sie brachten sich nahezu in dieselbe Bahnebene wie ICEYE-X36. ICEYE-Chef Rafal Modrzewski erklärte gegenüber Reuters, sein Unternehmen habe daraufhin die Bahn des Satelliten verändert. Die russischen Satelliten hätten darauf mit weiteren Manövern reagiert. Was steckt hinter dieser Jagd im Orbit?

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Fünf Cosmos-Satelliten ändern ihre Bahnen

Die US Space Force nennt in einem aktuellen Bericht vier russische Militärsatelliten: Cosmos 2610 bis Cosmos 2613. Im Mai hätten sie treibstoffintensive Manöver durchgeführt, um sich einem westlichen kommerziellen Radarsatelliten zu nähern, dessen Aufnahmen von der Ukraine genutzt werden.

Eine detaillierte Auswertung öffentlich verfügbarer Bahndaten durch das US-Unternehmen Integrity ISR kommt sogar auf fünf Satelliten. Demnach änderten Cosmos 2610 bis Cosmos 2614 zwischen dem 13. und 22. Mai ihre Bahnneigung von etwa 97,0 auf 97,8 Grad. Damit bewegten sie sich anschließend nahezu in derselben Bahnebene wie ICEYE-X36.

Solche Änderungen sind aufwendig. Nach Berechnungen von Integrity ISR erforderte die Anpassung ein Delta-v von rund 105 bis 106 m/s. Vereinfacht gesagt beschreibt dieser Wert, wie stark ein Satellit seine Geschwindigkeit verändern muss, um eine neue Bahn zu erreichen. Eine derart große Änderung der Bahnebene kostet entsprechend viel Treibstoff.

Warum die Änderung der Bahnebene auffällt

Satelliten können sich auf ähnlichen Höhen bewegen und trotzdem weit voneinander entfernt bleiben. Entscheidend ist unter anderem, wie ihre Umlaufbahnen im Raum ausgerichtet sind.

Wer sich einem anderen Satelliten gezielt nähern möchte, muss deshalb zunächst dessen Bahnebene erreichen. Fachleute sprechen von „Plane Matching“. Dabei werden unter anderem Bahnneigung und Orientierung der Umlaufbahn aufeinander abgestimmt.

Bei den fünf Cosmos-Satelliten war ein Teil dieser Arbeit offenbar schon beim Start erledigt: Nach Angaben von Integrity ISR lagen ihre Bahnen bereits relativ günstig zur Umlaufbahn von ICEYE-X36. Im Mai passten die russischen Betreiber dann vor allem die Bahnneigung an.

Damit war ein wichtiger Schritt vollzogen, der auch für sogenannte Rendezvous and Proximity Operations, kurz RPO, benötigt wird. Solche Manöver sind nicht automatisch feindlich. Sie können beispielsweise dazu dienen, andere Satelliten zu inspizieren, zu warten oder später einmal zu betanken. Die gleichen Fähigkeiten ermöglichen es aber auch, sich einem fremden Satelliten kontrolliert anzunähern und ihn aus kurzer Entfernung zu beobachten.

Cosmos 2614 kommt ICEYE-X36 mehrfach nahe

Ende Mai bewegte sich vor allem Cosmos 2614 in der Nähe von ICEYE-X36. Integrity ISR berechnete für den 29. Mai mehrere Begegnungen mit Abständen von weniger als 20 km. Bei zwei Vorbeiflügen waren es etwa 13 km.

Der Abstand allein sagt allerdings wenig darüber aus, ob tatsächlich Kollisionsgefahr bestand. Umlaufbahnen, Flugrichtung und relative Geschwindigkeit spielen ebenfalls eine Rolle.

Auffälliger ist deshalb die Vorgeschichte: Die russischen Satelliten hatten ihre Bahnebenen zuvor mit erheblichem Aufwand an die von ICEYE-X36 angepasst. ICEYE reagierte. Unternehmenschef Modrzewski sagte Reuters, man habe den eigenen Satelliten bewegt. Danach hätten die russischen Satelliten erneut manövriert.

Ob sie tatsächlich gezielt ICEYE-X36 verfolgten, lässt sich anhand öffentlich verfügbarer Daten nicht eindeutig beweisen. Traut interpretiert die Vorgänge jedoch genau so und spricht von einer „Jagd“.

Cosmos-Satelliten bleiben auch Monate später in ähnlicher Bahn

Der Vorgang war offenbar nicht nach wenigen Tagen beendet. Integrity ISR überprüfte die Bahnen im August erneut. Alle fünf Cosmos-Satelliten bewegten sich demnach weiterhin nahezu in derselben Bahnebene wie ICEYE-X36. Inzwischen befanden sie sich alle etwas oberhalb des ICEYE-Satelliten und hatten leicht unterschiedliche Umlaufzeiten.

Cosmos 2613 hatte Anfang Juli seine durchschnittliche Bahnhöhe zusätzlich um rund 6 km erhöht. Auch ICEYE-X36 veränderte Ende Juni seine Bahn leicht und senkte sie um ungefähr 0,6 km ab.

Integrity ISR vermutet, dass Russland die fünf Satelliten innerhalb der gemeinsamen Bahnebene verteilt. Das Unternehmen betont jedoch gleichzeitig, dass die Absicht dahinter unbekannt ist. Denkbar ist auch eine Formation, deren Zweck nichts mit ICEYE zu tun hat.

Genau diese Unsicherheit macht die Manöver schwer einzuordnen: Die Bahndaten sind sichtbar, das militärische Ziel dahinter nicht.

ICEYE liefert der Ukraine Radarbilder

Dass ICEYE in den Fokus gerät, hat einen konkreten militärischen Hintergrund. Das finnische Unternehmen betreibt eine große Flotte von SAR-Satelliten, die die Erdoberfläche mit Radar abtasten. Anders als optische Systeme liefern sie auch nachts und bei dichter Bewölkung verwertbare Bilder.

Genau das macht die Daten für Streitkräfte wertvoll. ICEYE unterstützt die Ukraine seit 2022 mit Radarbildern und weitete die Zusammenarbeit mit einem Kunden innerhalb des ukrainischen Verteidigungsministeriums Anfang 2026 nochmals aus. Die ukrainischen Streitkräfte erhalten dadurch regelmäßig hochauflösende Aufnahmen für die Lageaufklärung.

Ob die russischen Bahnmanöver direkt mit dieser Unterstützung zusammenhängen, ist nicht belegt. Der Zusammenhang liegt dennoch nahe: Russische Regierungsvertreter haben kommerzielle Satelliten, die militärisch genutzt werden, wiederholt als mögliche Ziele bezeichnet. Auch die US Space Force führt diese Drohungen in ihrem aktuellen Bericht zu Bedrohungen im Orbit ausdrücklich an.

Traut blickt deshalb über den einzelnen ICEYE-Satelliten hinaus. Gegenüber Reuters beschreibt er ein Szenario, in dem sich auch große Netze wie Starlink unter Druck setzen ließen – ohne Tausende Satelliten direkt anzugreifen.

Sein Beispiel: Ein Satellit gelangt in eine von Starlink genutzte Bahnebene und zerbricht dort. Die Trümmer könnten andere Satelliten zu Ausweichmanövern zwingen. Jede Kurskorrektur kostet Treibstoff. Häufen sich solche Manöver, kann das die Lebensdauer der Satelliten verkürzen und den Betrieb der gesamten Konstellation aufwendiger machen.

Traut beschreibt damit ausdrücklich ein hypothetisches Szenario. Hinweise auf konkrete russische Pläne gegen Starlink gibt es bislang nicht. Der Gedanke zeigt aber, wo die Verwundbarkeit großer Konstellationen liegt: Nicht nur der Verlust einzelner Satelliten ist ein Risiko. Auch wiederholte Kollisionswarnungen, Ausweichmanöver und zusätzlicher Treibstoffverbrauch können ein Netz dauerhaft belasten.

ICEYE spielt auch für die Bundeswehr eine wichtige Rolle

Für Deutschland sind die russischen Manöver noch aus einem anderen Grund interessant: Die Bundeswehr setzt selbst zunehmend auf Technik von ICEYE.

Rheinmetall und ICEYE haben in Neuss mit der Produktion von SAR-Satelliten begonnen. Mehrere Dutzend Satelliten sollen dort pro Jahr entstehen. Die Bundeswehr nutzt die Technik unter anderem für ihr Aufklärungsprogramm SPOCK 1. ingenieur.de hat die Produktion und die Funktionsweise der SAR-Satelliten ausführlich vorgestellt.

Auch das Weltraumkommando beschäftigt sich intensiv mit der Frage, wie eigene Satelliten geschützt werden können. Im Interview mit ingenieur.de erläuterte Michael Traut bereits, warum die Bundeswehr künftig sogenannte Inspektions- und Wächter-Satelliten einsetzen will. Dabei geht es ebenfalls um Raumfahrzeuge, die sich anderen Satelliten gezielt nähern können.

Die Vorgänge um ICEYE-X36 zeigen, warum solche Fähigkeiten zunehmend wichtig werden. Im Orbit lässt sich ein Satellit beobachten und unter Druck setzen, ohne dass ein sichtbarer Angriff stattfinden muss. Wo Beobachtung endet und eine feindliche Handlung beginnt, dürfte deshalb künftig immer schwieriger zu beantworten sein.

Quellen

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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