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Rheinmetall baut Satelliten 06.10.2026, 19:30 Uhr

Satelliten für mehr Sicherheit: Rheinmetall startet Serienproduktion in Neuss

Europas Sicherheit hängt von eigenen Satelliten, Drohnenabwehr und Raumfahrt ab. Warum die Abhängigkeit von SpaceX zum strategischen Risiko wird.

Modell eines Gen-4-SAR-Satelliten von Rheinmetall und ICEYE mit ausgeklappten Solarmodulen.

Modell eines SAR-Satelliten der Generation 4 von Rheinmetall und ICEYE. Solche Satelliten sollen künftig in Neuss in Serie gefertigt werden und der Bundeswehr hochauflösende Radaraufnahmen liefern.

Foto: picture alliance/dpa | Wolf von Dewitz

Deutschlands Sicherheit entscheidet sich längst nicht mehr allein an Landesgrenzen oder auf dem Gefechtsfeld. Eine wachsende Rolle spielt Infrastruktur, die Hunderte oder Tausende Kilometer über der Erde liegt: Satelliten für Kommunikation, Navigation und Aufklärung.

Gerade für Streitkräfte und Betreiber kritischer Infrastrukturen sind solche Systeme wichtig. Gleichzeitig entsteht ein Risiko, wenn zentrale Dienste von wenigen außereuropäischen Anbietern abhängen. Das Starlink-Netz von SpaceX hat etwa im Krieg gegen die Ukraine gezeigt, welche Bedeutung satellitengestützte Kommunikation besitzt. Für Europa stellt sich deshalb zunehmend die Frage, welche Fähigkeiten es selbst beherrschen muss.

Eigene Satelliten sollen Abhängigkeiten verringern

Deutschland plant mit SatcomBw-4 ein neues militärisches Kommunikationssystem. Vorgesehen ist eine große Konstellation von Satelliten, die der Bundeswehr eine verschlüsselte und möglichst resiliente Kommunikation ermöglichen soll. Rheinmetall und OHB haben dafür ein gemeinsames Unternehmen gegründet. Mehr über die Pläne für SatcomBw-4 und den Streit um die industrielle Umsetzung lesen Sie hier.

Dabei müssen unterschiedliche Aufgaben auseinandergehalten werden: Kommunikationssatelliten übertragen Daten und vernetzen Einheiten. Aufklärungssatelliten beobachten dagegen beispielsweise Gelände, Infrastruktur oder militärische Bewegungen. Bei der Abwehr kleiner, tief fliegender Drohnen bleiben zusätzlich bodengebundene Sensoren und Abwehrsysteme notwendig. Wie schwierig Drohnendetektion und -abwehr in der Praxis sind, zeigte auch die Euro Defence Expo in Essen.

Für die technische Sicherheit entsteht damit eine mehrschichtige Aufgabe: Kommunikationswege müssen verfügbar bleiben, Informationen aus unterschiedlichen Sensoren zusammengeführt werden und die Systeme müssen auch bei Störungen oder Angriffen funktionieren.

Sicherheitsbedürfnis der Deutschen steigt

Wie stark Sicherheit inzwischen auch als technologische Aufgabe wahrgenommen wird, zeigte im September die Security Essen mit der parallel veranstalteten Euro Defence Expo, kurz EUDEX. Dort standen der Schutz kritischer Infrastrukturen, Drohnendetektion und -abwehr, künstliche Intelligenz, Robotik sowie sichere Kommunikations- und Führungssysteme im Mittelpunkt.

Der dort vorgestellte Sicherheitsmonitor 2026 zeigt eine deutliche Verunsicherung: 78 Prozent der Befragten äußern ein starkes Sicherheitsbedürfnis. 60 Prozent bewerten den Schutz kritischer Infrastrukturen vor Sabotage, Krieg oder großflächigen Ausfällen als eher oder sehr schlecht. Welche Rolle eigene industrielle Kapazitäten dabei spielen können, zeigt derzeit ein Projekt nur wenige Kilometer von Essen entfernt.

Rheinmetall startet Satellitenproduktion in Neuss

Im Werk Neuss hat Rheinmetall gemeinsam mit dem finnischen Raumfahrtunternehmen ICEYE die Produktion von SAR-Aufklärungssatelliten aufgenommen. Produktion, Integration, Tests und Qualitätssicherung sollen dort gebündelt werden. Nach Angaben von Rheinmetall sollen mehrere Dutzend Satelliten pro Jahr gebaut und für den Einsatz im Erdorbit qualifiziert werden.

Damit findet ein Teil des Satellitenbaus nicht mehr nur als klassische Raumfahrt-Manufaktur statt. Rheinmetall und ICEYE versuchen, die Fertigung stärker zu industrialisieren. Gerade bei großen Satellitenkonstellationen ist das wichtig: Statt einzelner, sehr großer Systeme werden viele kleinere Satelliten benötigt, die regelmäßig ergänzt oder ersetzt werden können.

Auch das Weltraumkommando der Bundeswehr sieht darin einen grundlegenden Wandel. Im Interview mit ingenieur.de fordert es den Sprung von der Manufaktur zur Serienfertigung von Satelliten.

Was SAR-Satelliten von Kameras unterscheidet

Die in Neuss produzierten Satelliten arbeiten mit Synthetic Aperture Radar, kurz SAR. Anders als optische Erdbeobachtungssysteme senden sie selbst Radarwellen aus und analysieren deren Reflexion von der Erdoberfläche.

Dadurch können sie auch bei Dunkelheit und weitgehend unabhängig von Bewölkung arbeiten. Für die militärische Aufklärung ist das ein wesentlicher Vorteil: Veränderungen am Boden lassen sich regelmäßig erfassen, ohne auf wolkenfreien Himmel oder Tageslicht warten zu müssen.

Die Bundeswehr nutzt solche Fähigkeiten im Programm SPOCK 1. Die Abkürzung steht für „SAR-Spacesystem for Persistent Operational Tracking Stufe 1“. Nach Angaben von Rheinmetall erhält die Bundeswehr direkten Zugriff auf mehrere dafür vorgesehene SAR-Satelliten und kann diese eigenständig beauftragen. Rheinmetall ICEYE Space Solutions betreibt die Satelliten und erweitert die Konstellation.

Die Daten sollen insbesondere zum Schutz der deutschen Brigade in Litauen und für die Überwachung der NATO-Ostflanke dienen. Der zugrunde liegende Auftrag hat ein Volumen von rund 1,7 Milliarden Euro. ingenieur.de hatte bereits über den Auftrag und die Funktionsweise der SAR-Satelliten berichtet.

Europa baut Satelliten – beim Start bleiben Abhängigkeiten

Eigene Satelliten lösen allerdings nur einen Teil des Problems. Sie müssen auch zuverlässig in ihre Umlaufbahn gelangen. Rheinmetall arbeitet dabei weiterhin mit amerikanischen Anbietern zusammen. Erst Anfang Oktober brachte das Unternehmen gemeinsam mit dem italienischen Raumfahrtunternehmen Argotec einen Satelliten mit einer Falcon-9-Rakete von SpaceX ins All.

Europa verfügt mit Ariane 6 und Vega-C zwar über eigene Trägerraketen. Hinzu kommen neue Anbieter: Anfang September gelang beispielsweise der deutschen Spectrum-Rakete von Isar Aerospace erstmals ein Flug bis in den Orbit. Warum dieser Erfolg für Europas Zugang zum Weltraum wichtig ist, haben wir hier ausführlich erläutert.

Von einer vollständigen Unabhängigkeit von SpaceX kann dennoch keine Rede sein. Der US-Konzern verfügt mit Falcon 9 über ein erprobtes System mit hoher Startfrequenz und großen Kapazitäten. Europäische Anbieter müssen diese Skalierung erst noch erreichen.

Europa sucht eigene Alternativen

Der Aufbau eigener Fähigkeiten endet nicht bei Satelliten und Raketen. Auch beim Transport von Material zur und von einer Raumstation hängt Europa bislang von internationalen Partnern ab.

Hier setzt unter anderem The Exploration Company an. Das 2021 gegründete deutsch-französische Raumfahrtunternehmen um Hélène Huby entwickelt mit Nyx eine wiederverwendbare Raumkapsel für Frachttransporte in niedrige Erdorbits. Die Europäische Weltraumorganisation ESA hat das Unternehmen im September für die nächste Phase ihres europäischen Frachttransportprogramms ausgewählt.

Nyx ist allerdings keine europäische Trägerrakete und damit kein direkter Ersatz für Falcon 9. Die Kapsel muss selbst mit einer Rakete ins All gebracht werden. Sie soll vielmehr eine bislang fehlende europäische Fähigkeit schaffen: Fracht selbstständig zu Raumstationen zu bringen und wieder zur Erde zurückzubringen. Im Dokumentarfilm „Hélène Hubys Wettlauf ins All – Ganz nach oben“ wird der Aufbau des Unternehmens begleitet.

Technische Sicherheit beginnt bei eigenen Fähigkeiten

Europa muss nicht jedes Bauteil und jeden Dienst vollständig selbst bereitstellen. Für sicherheitskritische Systeme ist es jedoch riskant, wenn zentrale Fähigkeiten ausschließlich von einzelnen externen Anbietern abhängen.

Das betrifft nicht nur Satellitenstarts. Auch Kommunikationsnetze, Erdbeobachtung, Bodenstationen, Datenverarbeitung und die industrielle Fähigkeit, Satelliten in größerer Zahl herzustellen, gehören zu einer resilienten Infrastruktur.

Mit Iris² baut die EU deshalb beispielsweise ein eigenes Satellitennetz für sichere Kommunikation auf. Das Projekt soll die Abhängigkeit von Systemen wie Starlink verringern.

Die Fertigung von SAR-Satelliten in Neuss ist vor diesem Hintergrund mehr als der Einstieg eines Rüstungskonzerns in ein neues Geschäftsfeld. Sie zeigt, dass sich Raumfahrt zunehmend von einzelnen Hochtechnologieprojekten in Richtung industriell gefertigter Infrastruktur entwickelt.

Für die technische Sicherheit wird damit eine Frage immer wichtiger: Welche Systeme müssen Deutschland und Europa im Krisenfall selbst betreiben, warten und ersetzen können – und wo lassen sich Abhängigkeiten akzeptieren?

Von Annika Hilse

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