Antwort auf Starlink 06.02.2025, 10:44 Uhr

Iris2-Satelliten sollen Europas Unabhängigkeit im All sichern

Europas Antwort auf Starlink: Mit Iris2 will die EU eine eigene Satellitenkonstellation schaffen, um sicherer und unabhängiger zu kommunizieren.

Starlink-Satelliten

Es sind keine Ufos, sondern Starlink-Satelliten, die hier am Nachthimmel ihre Bahnen ziehen. Bald könnten europäische Satelliten dazukommen.

Foto: mauritius images / Alan Dyer / VWPics / Alamy

In Sachen digitaler Satelliten-Kommunikation ist Europa derzeit stark von den USA abhängig. Der Krieg in der Ukraine hat gezeigt, wie verletzlich moderne Kommunikationsnetze sein können. Als Mobilfunkmasten und Glasfaserleitungen zerstört wurden, sprang Elon Musks Satelliteninternet Starlink ein. Doch diese Abhängigkeit von einem einzelnen privaten Anbieter birgt Risiken. Deshalb arbeitet die Europäische Union (EU) an einer eigenen Lösung: dem Satellitensystem Iris2.

Nach jahrelanger Planung hat die EU-Kommission am 5. Februar den Vertrag für das Satellitenprojekt Iris2 unterzeichnet. „Wir können es uns nicht leisten, zu abhängig von Ländern oder Unternehmen außerhalb der EU zu sein“, betonte EU-Kommissar Andrius Kubilius. Im Gegensatz zu Starlink, das vollständig in der Hand eines privaten Unternehmens liegt, soll Iris2 von den Mitgliedsstaaten der EU kontrolliert werden. Das Hauptziel ist es, eine unabhängige Kommunikationsinfrastruktur zu schaffen, die sowohl zivile als auch militärische Anwendungen ermöglicht.

Das System wird verschiedene Dienste bereitstellen: Von gesicherter Regierungs- und Militärkommunikation über Krisenmanagement bis hin zur Überwachung und Vernetzung kritischer Infrastruktur. Auch die kommerzielle Nutzung durch Unternehmen ist vorgesehen. „Wer Starlink nutzt, ist letztlich von einer Person abhängig“, erklärt Antje Nötzold, Wissenschaftlerin an der TU Chemnitz. „Das haben wir in der Ukraine gesehen, als Musk sein Netzwerk für bestimmte Gebiete nicht freigeschaltet hat.“

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Technische Aspekte und geplante Umsetzung

Iris2 ist als ein Netzwerk aus mehreren Satelliten konzipiert, das breitflächige Abdeckung gewährleistet. Die europäische Raumfahrtagentur ESA hebt hervor, dass das System über spezielle Sicherheitsmechanismen verfügen wird, die herkömmliche kommerzielle Satellitennetze nicht bieten. Dazu gehören Verschlüsselungstechnologien und Schutzmaßnahmen gegen Cyberangriffe oder physische Sabotage.

Der erste Start der Satelliten ist für 2030 geplant. Mehrere europäische Unternehmen, darunter Airbus Defence and Space, Eutelsat, Hispasat, SES und Thales Alenia Space, haben sich im Konsortium SpaceRISE zusammengeschlossen, um das Projekt umzusetzen. Unterstützt wird dieses Kernteam durch große europäische Telekommunikations- und Raumfahrtunternehmen wie Deutsche Telekom, OHB, Orange und Telespazio. Diese Zusammenarbeit soll sicherstellen, dass Europa über das notwendige technische Know-how und industrielle Kapazitäten verfügt, um die Satellitenkonstellation effizient zu realisieren.

Sicherheit und militärische Bedeutung

Die Bedeutung von Iris2 für die europäische Sicherheit kann kaum überschätzt werden. EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas warnte jüngst, dass der Krieg längst auch im All geführt werde. Gegnerische Staaten und nichtstaatliche Akteure könnten gezielt Satellitenverbindungen stören oder angreifen. Mit Iris2 soll Europa eine robuste Infrastruktur erhalten, die diesen Bedrohungen standhält.

Laut Matthias Wachter vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) liegt ein zentraler Unterschied zu kommerziellen Angeboten in der konsequenten Berücksichtigung sicherheitsrelevanter Anforderungen. „Technisch wäre eine Umsetzung von Iris2 bis 2030 möglich, aber die genauen Spezifikationen sind in weiten Teilen noch nicht definiert“, merkt Wachter an. Hier zeigt sich eine der großen Herausforderungen des Projekts: Wie genau das System aussehen wird und welche Technologien es nutzt, ist noch nicht endgültig festgelegt.

Wirtschaftliche Chancen für die europäische Raumfahrt

Neben der militärischen und sicherheitspolitischen Dimension bietet Iris2 auch große wirtschaftliche Potenziale. Mit Galileo hat Europa bereits ein eigenes Navigationssystem etabliert, und Copernicus ermöglicht hochauflösende Erdbeobachtung. Iris2 wird als dritter Pfeiler der europäischen Raumfahrtstrategie eine zentrale Rolle spielen.

Die EU plant, für das Projekt rund sechs Milliarden Euro bereitzustellen. Weitere 550 Millionen Euro stammen von der ESA, während der restliche Betrag durch private Investitionen gedeckt werden soll. Langfristig soll Iris2 die europäische Raumfahrtindustrie stärken und neue Arbeitsplätze schaffen. „Europa braucht für seine strategische und wirtschaftliche Souveränität eine eigene Satellitenkonstellation“, betont Wachter. Das Projekt könne dazu beitragen, dass Europa in der globalen Raumfahrtindustrie wettbewerbsfähig bleibt.

Herausforderungen: Finanzierung, Zeitplan und Weltraummüll

Trotz der ambitionierten Pläne gibt es noch offene Fragen. Die Finanzierung ist eine große Hürde: Während die EU und ESA bereits Mittel zugesagt haben, muss der private Sektor erhebliche Investitionen leisten. Zudem stellt sich die Frage, ob der geplante Zeitrahmen realistisch ist. Die Raumfahrtbranche ist für Verzögerungen bekannt, und viele Experten bezweifeln, dass das gesamte Netzwerk bis 2030 betriebsbereit sein wird.

Ein weiteres Problem ist die zunehmende Anzahl an Satelliten im Erdorbit. Nach Angaben der ESA befinden sich derzeit rund 13.230 aktive Satelliten im All, mehr als 7.000 davon gehören zu Starlink. Langfristig plant SpaceX sogar, diese Zahl auf 30.000 zu erhöhen. Diese Verdichtung führt zu einem steigenden Kollisionsrisiko, das schwerwiegende Konsequenzen haben könnte. ESA-Generaldirektor Josef Aschbacher forderte daher ein internationales Weltraum-Verkehrsgesetz, um klare Regeln zur Vermeidung von Kollisionen und zur nachhaltigen Nutzung des Orbits zu schaffen. (mit dpa)

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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