ISO-6-Reinräume für Pelican: So entsteht Berlins neue Satellitenfabrik
In Berlin entsteht Planet Labs’ erste europäische Satellitenfertigung. Reinräume der Klassen ISO 6 und 7 schützen empfindliche Optiken.
Blick ins Produktionslabor: Planet Labs produziert in Berlin künftig Satelliten, die globale Veränderungen nahezu in Echtzeit sichtbar machen, von Waldbränden bis Meeresverschmutzung.
Foto: Planet Labs Germany GmbH
Planet Labs richtet in Berlin seine erste europäische Satellitenproduktion ein. Auf rund 5.000 m² entstehen Reinräume, Labore und Büroflächen für die Montage und Prüfung hochauflösender Pelican-Satelliten. Der Zeitplan ist knapp: Ein erster in Berlin montierter Satellit soll frühestens Ende 2026 starten. Doch weder die neue Fertigung noch die dafür vorgesehene Spectrum-Rakete haben bislang den regulären Betrieb aufgenommen.
Der sogenannte European Space Hub entsteht in den Berlin Decks am Friedrich-Krause-Ufer in Berlin-Moabit. Planet Labs mietet dort Flächen in einem bereits entwickelten Technologiecampus und lässt sie für Produktion, Forschung und Entwicklung ausbauen.
Der Eigentümer BEOS nennt eine langfristig angemietete Gesamtfläche von rund 5700 m². Drees & Sommer spricht von etwa 5000 m² für Labore, Reinräume und Büros. Der Bezug soll noch 2026 erfolgen.
Inhaltsverzeichnis
- Erste Satellitenproduktion von Planet Labs in Europa
- Reinräume der Klassen ISO 6 und ISO 7
- Warum Satellitenoptiken saubere Produktionsbedingungen benötigen
- Berlin soll die Pelican-Produktion verdoppeln
- Erster Berliner Satellit soll frühestens Ende 2026 starten
- Keine Planungssicherheit bei der Rakete
Erste Satellitenproduktion von Planet Labs in Europa
Für Planet Labs ist Berlin bereits seit mehr als zehn Jahren der europäische Hauptsitz. Am neuen Standort sollen Satellitenfertigung, Entwicklung, Missionsbetrieb und kaufmännische Bereiche zusammengeführt werden. Bis zu 70 zusätzliche Beschäftigte sollen das bisher rund 150 Personen starke Berliner Team ergänzen.
Drees & Sommer übernimmt die Projektsteuerung sowie das Kosten-, Termin- und Qualitätsmanagement. Hinzu kommen technische Beratung, Schnittstellenmanagement und die Koordination der beteiligten Planungs- und Ausführungsunternehmen.
Besonders anspruchsvoll ist die Abstimmung der technischen Gebäudeausrüstung mit den Produktionsprozessen. Lüftung, Kühlung, Gebäudeautomation und Reinraumtechnik müssen so zusammenspielen, dass empfindliche Bauteile unter stabilen Bedingungen montiert und geprüft werden können.
Reinräume der Klassen ISO 6 und ISO 7
In Berlin entstehen Reinräume der Klassen ISO 6 und ISO 7. Dort sollen unter anderem Sensoren, Elektronik, Kameras und Teleskope montiert und geprüft werden.
Die Norm ISO 14644-1 ordnet Reinräume nach der Zahl luftgetragener Partikel ein. Je kleiner die Zahl hinter „ISO“, desto sauberer der Raum.
| Reinraumklasse | Maximal zulässige Partikel ab 0,5 µm |
| ISO 6 | 35.200 Partikel/m³ |
| ISO 7 | 352.000 Partikel/m³ |
Ein ISO-6-Reinraum darf damit nur ein Zehntel so viele Partikel enthalten wie ein ISO-7-Raum.
Welche Arbeitsschritte Planet Labs den beiden Klassen zuordnet, ist bislang nicht bekannt. Besonders empfindliche optische Bauteile könnten in den saubereren ISO-6-Bereichen verarbeitet werden. Bestätigt ist diese Aufteilung jedoch nicht.
Die Reinraumklasse beschreibt nur die Partikelkonzentration in der Luft. Zusätzlich müssen weitere Bedingungen festgelegt werden:
- Temperatur
- Luftfeuchtigkeit
- Druckverhältnisse
- Schwingungen
- Schutz vor elektrostatischen Entladungen
Drees & Sommer nennt bislang drei dauerhaft zu überwachende Größen: Partikelkonzentration, Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Angaben zu Luftwechselraten, Filterstufen oder zulässigen Schwankungen wurden nicht veröffentlicht.
Warum Satellitenoptiken saubere Produktionsbedingungen benötigen
Für optische Erdbeobachtungssatelliten reicht es nicht, sichtbaren Staub fernzuhalten. Schon kleine Partikel auf Spiegeln, Linsen oder Detektoren können Licht streuen und die Bildqualität verschlechtern.
Hinzu kommen molekulare Rückstände. Sie können aus Kunststoffen, Klebstoffen oder Reinigungsmitteln austreten und sich auf empfindlichen Oberflächen ablagern.
Was kontrolliert werden muss
- Partikel in der Raumluft
- Verunreinigungen auf Bauteilen und Oberflächen
- Ausgasungen von Materialien
- Sauberkeit bei Montage und Prüfung
- Schutz während Lagerung und Transport
Europäische Raumfahrtstandards verlangen dafür ein eigenes Konzept zur Sauberkeits- und Kontaminationskontrolle. Es regelt unter anderem Messverfahren, Reinigungsabläufe, Materialauswahl und Verantwortlichkeiten.
Wie Planet Labs die Berliner Reinräume technisch ausstattet, ist bislang nicht bekannt. Übliche Anlagen arbeiten mit gefilterter Zuluft, Personal- und Materialschleusen sowie Druckunterschieden zwischen Bereichen verschiedener Reinheitsklassen.
Auch der Umfang der Prüfverfahren ist offen. Planet Labs hat für Berlin bisher keine thermischen Vakuumkammern sowie Vibrations-, Akustik- oder EMV-Prüfstände bestätigt. Einzelne Qualifikationstests könnten daher an anderen Standorten oder bei spezialisierten Partnern stattfinden.
Berlin soll die Pelican-Produktion verdoppeln
In den neuen Flächen sollen Satelliten der Pelican-Baureihe entstehen. Die steuerbaren Erdbeobachtungssatelliten liefern hochauflösende Aufnahmen ausgewählter Gebiete und können dieselben Regionen mehrmals täglich erfassen.
Pelican in Zahlen
- bis zu 50 cm Bodenauflösung bei der ersten Generation
- bis zu 30 cm Bodenauflösung bei der geplanten zweiten Generation
- mehrere Aufnahmen pro Tag von bestimmten Regionen
- Datenverarbeitung im Orbit mit einer Nvidia-Jetson-Plattform
Die Bordelektronik soll einen Teil der Daten bereits im All verarbeiten und die Übertragung zum Boden beschleunigen. Dadurch können wichtige Aufnahmen schneller für die Auswertung bereitstehen.
Die Bilder zeigen größere Veränderungen an Gebäuden, Verkehrswegen und Energieanlagen. Auch zerstörte Bereiche in Katastrophengebieten lassen sich aus dem Orbit erkennen. Eine klassische Bauwerksprüfung ersetzen die Satelliten jedoch nicht. Feine Risse oder kleinere Materialschäden sind bei einer Bodenauflösung von 30 oder 50 cm nicht zuverlässig sichtbar.
Die Berliner Fertigung ergänzt die bestehende Produktionslinie in San Francisco. Planet Labs will damit seine weltweite Kapazität für Pelican-Satelliten verdoppeln.
Die Konzernzentrale und die bisherige Pelican-Fertigung bleiben in Kalifornien. Berlin stärkt damit die europäische Produktionsbasis, schafft aber keine vollständig unabhängige europäische Satelliteninfrastruktur.
Erster Berliner Satellit soll frühestens Ende 2026 starten
Planet Labs und Isar Aerospace verfolgen einen ambitionierten Zeitplan. Ein in Berlin montierter Pelican-Satellit soll auf einer Spectrum-Rakete vom norwegischen Raumfahrtzentrum Andøya starten. Die Unternehmen nennen frühestens Ende 2026 als möglichen Termin.
Sollte die Mission gelingen, würden erstmals ein in Deutschland gebauter Satellit und eine ebenfalls in Deutschland gefertigte Trägerrakete gemeinsam starten. Ein verbindliches Startdatum gibt es nicht.
Der Produktionsstandort soll erst im Laufe des Jahres 2026 bezogen werden. Danach müssen die Reinräume eingerichtet und qualifiziert, Produktionsprozesse freigegeben und Beschäftigte eingearbeitet werden. Anschließend folgen Montage, Prüfung, Transport und Startvorbereitung des Satelliten.
Keine Planungssicherheit bei der Rakete
Auch bei der Rakete fehlt Planungssicherheit. Der erste Spectrum-Testflug im März 2025 wurde nach rund 30 Sekunden über das Flugabbruchsystem beendet. Einen Orbit erreichte die Rakete nicht.
Die zweite Mission soll erstmals Nutzlasten transportieren und kritische Systeme unter Betriebsbedingungen erproben. Mehrere Startversuche wurden 2026 abgebrochen. Beim bislang letzten Versuch registrierte Isar Aerospace ungewöhnliches Verhalten im Fluidsystem der Rakete und stoppte den Start. Einen neuen Termin hat das Unternehmen noch nicht veröffentlicht.
Damit hängt der erste Berliner Satellitenstart von zwei parallelen Hochläufen ab: Planet Labs muss seine neue Fertigung betriebsbereit bekommen, während Isar Aerospace den zweiten Spectrum-Flug erfolgreich absolvieren muss.
Quellen
- Drees & Sommer: Satelliten-Produktion in Berlin – Projektumfang, Reinraumklassen und Projektmanagement, 3. August 2026
- BEOS: Planet Labs mietet Flächen in den Berlin Decks – Standort, Mietfläche und geplanter Bezug, 30. Juli 2026
- Planet Labs: Pelican-Satelliten – Auflösung, Aufnahmerate und Bordelektronik
- Planet Labs: Pelican 2025 in Review – Berliner Produktionsstandort und Verdopplung der Kapazität
- Isar Aerospace: Partnerschaft mit Planet Labs – geplanter Satellitenstart und Berliner Montage
- Isar Aerospace: Aktueller Stand der zweiten Spectrum-Mission – Startabbrüche und Qualifikationsflug
- ISO 14644-1 – Klassifizierung der Luftreinheit in Reinräumen
- ECSS-Q-ST-70-01C Rev. 1 – Sauberkeits- und Kontaminationskontrolle für Raumfahrthardware
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