Aerospacelab baut 80 % der LEO-Flotte 10.09.2026, 19:24 Uhr

Europa bestellt 264 Satelliten für 2,4 Mrd. € bei einem acht Jahre alten Unternehmen

Aerospacelab erhält 2,4 Mrd. € für 264 IRIS²-Satelliten. Eine neue Fabrik in Belgien soll 80 % der europäischen LEO-Flotte bauen.

Mitarbeitende von Aerospacelab bei der Montage und Integration eines Satelliten.

Mitarbeitende von Aerospacelab bei der Montage und Integration eines Satelliten. Für das europäische IRIS²-Programm soll das belgische Unternehmen künftig 264 LEO-Satelliten in Serie fertigen.

Foto: Aerospacelab

Ein 2018 gegründeter belgischer Satellitenbauer übernimmt einen der größten Produktionsaufträge im europäischen Raumfahrtprogramm IRIS². Aerospacelab soll 264 Satelliten entwickeln, bauen und vollständig integriert ausliefern. Auftragswert: 2,4 Mrd. €. Damit entfallen 80 % der geplanten LEO-Flotte auf ein Unternehmen, das erst vor acht Jahren gegründet wurde.

Der Auftrag zeigt zugleich, wie stark sich der Satellitenbau verändert. Statt einzelner, über Jahre gefertigter Raumfahrzeuge werden für neue Konstellationen Hunderte weitgehend baugleiche Satelliten benötigt. Aerospacelab baut dafür bei Charleroi eine Fabrik mit einer angegebenen Kapazität von bis zu 500 Satelliten pro Jahr.

Aerospacelab erhält 2,4-Mrd.-€-Auftrag

Aerospacelab bestätigte den Auftrag am 10. September 2026. Das Unternehmen soll 264 Satellitenplattformen für den niedrigen Erdorbit entwickeln und produzieren und die vollständig integrierten Satelliten liefern.

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Auftraggeber ist Eutelsat. Der französische Satellitenbetreiber verantwortet innerhalb des SpaceRISE-Konsortiums das LEO-Segment von IRIS². Zu SpaceRISE gehören außerdem SES und Hispasat. Über die geplante Vergabe an Aerospacelab war bereits im August berichtet worden. Neu ist die offizielle Bestätigung des Unternehmens und vor allem der Vertragswert von 2,4 Mrd. €.

Insgesamt soll IRIS² aus 348 Satelliten bestehen: 330 im niedrigen Erdorbit, dem Low Earth Orbit (LEO), und 18 im Medium Earth Orbit (MEO). Die 264 Raumfahrzeuge von Aerospacelab entsprechen damit 80 % der LEO-Flotte und rund drei Vierteln aller vorgesehenen IRIS²-Satelliten.

Wie das europäische Kommunikationssystem insgesamt aufgebaut ist und warum es die Abhängigkeit von Diensten wie Starlink verringern soll, haben wir im Beitrag „IRIS²-Satelliten sollen Europas Unabhängigkeit im All sichern“ ausführlicher beschrieben.

Was die 264 Satelliten technisch können sollen

Die LEO-Flotte von IRIS² besteht nach Angaben von Eutelsat aus zwei Gruppen. 264 Satelliten sollen sowohl im militärisch genutzten Ka-Band als auch im Ku-Band kommunizieren. Hinzu kommen 66 weitere Satelliten mit Mil-Ka-Technik. Wer diese zusätzlichen 66 Satelliten bauen wird, geht aus den bislang geprüften Primärquellen nicht hervor.

Technisch soll sich die neue Konstellation deutlich von einfachen Breitbandsatelliten unterscheiden. Vorgesehen sind unter anderem elektronisch steuerbare Antennen mit Beamforming. Dabei lässt sich die Funkleistung gezielt dorthin lenken, wo gerade besonders viel Kapazität benötigt wird.

Visualisierung der geplanten IRIS²-Konstellation über Europa: Die Satelliten sollen künftig eine sichere und souveräne Kommunikationsinfrastruktur für staatliche und kommerzielle Nutzer bereitstellen. Foto: Aerospacelab

Auch 5G-Technik soll eingebunden werden. Eutelsat nennt ausdrücklich 5G Non-Terrestrial Networks, kurz 5G-NTN. Dahinter steckt die Idee, Satelliten stärker in Mobilfunknetze einzubinden, anstatt Weltraum- und terrestrische Kommunikation als vollständig getrennte Systeme zu behandeln.

Ein weiterer Baustein sind optische Verbindungen zwischen den Satelliten. Daten können dadurch von einem Raumfahrzeug zum nächsten weitergereicht werden, bevor sie an eine Bodenstation übertragen werden. Das verringert nach Angaben von Eutelsat die Abhängigkeit von Bodeninfrastruktur und soll das Netz widerstandsfähiger machen.

IRIS² richtet sich sowohl an staatliche als auch an kommerzielle Nutzer. Behörden, Sicherheitskräfte und Betreiber kritischer Infrastrukturen sollen ebenso auf das Netz zugreifen können wie Unternehmen. Für Regierungs- und Sicherheitsanwendungen sieht die EU besonders abgesicherte Kommunikationskapazitäten vor.

Eine Fabrik für bis zu 500 Satelliten pro Jahr

Für Aerospacelab beginnt mit dem Auftrag die schwierigere Phase: 264 Satelliten müssen industrialisiert und anschließend in Serie gefertigt werden. Dafür entsteht bei Charleroi in Belgien eine neue „Megafactory“. Die Anlage wird nach Angaben des Unternehmens derzeit fertiggestellt. Auf rund 20.000 m² Gesamtfläche sind unter anderem 7000 m² Produktionsfläche und 4000 m² Reinräume vorgesehen.

Aerospacelab gibt die maximale Kapazität mit bis zu 500 Satelliten jährlich an. In der Fabrik sollen Raumfahrzeuge zwischen etwa 150 kg und einer Tonne hergestellt werden können. Die Investitionssumme für das Werk bezifferte das Unternehmen zuletzt mit rund 100 Mio. €.

Blick auf die neue Megafactory von Aerospacelab bei Charleroi in Belgien. In der Anlage will das Unternehmen künftig Satelliten in Serie fertigen – mit einer angegebenen Kapazität von bis zu 500 Raumfahrzeugen pro Jahr. Foto: Aerospacelab

Die theoretische Jahreskapazität liegt damit weit über dem Bedarf der 264 IRIS²-Satelliten. Entscheidend für den tatsächlichen Hochlauf sind aber Produktionsprozesse, Qualifikation, Tests und Lieferketten. Ein Satellit lässt sich auch in Serie nicht wie ein beliebiges Industrieprodukt vom Band schicken.

Aerospacelab setzt deshalb auf einen hohen Anteil eigener Technik. Das Unternehmen gibt an, rund 90 % seiner Systeme vertikal integriert abzudecken – von Hardwarekomponenten bis zur Software. Mehr als 400 Menschen arbeiten inzwischen für die Gruppe.

Europas Satellitenbau wechselt von der Manufaktur zur Serie

Aerospacelab steht mit diesem Ansatz nicht allein. Die gesamte europäische Satellitenindustrie muss sich auf höhere Stückzahlen einstellen.

Bei klassischen Raumfahrtprojekten entstanden häufig wenige Satelliten einer Baureihe. Große Konstellationen verändern die Rechnung: Viele Komponenten müssen identisch oder zumindest stark standardisiert sein. Montage und Tests müssen sich wiederholen lassen, ohne jedes Raumfahrzeug praktisch neu zu bauen.

Auch deutsche Unternehmen beschäftigen sich mit diesem Übergang. Beim geplanten Bundeswehr-Satellitennetz SatcomBw-4 wollen beispielsweise OHB und Rheinmetall eine große Satellitenserie aufbauen.

Wie tief dieser Wandel in die Produktion hineinreicht, zeigt auch der Satellitenzulieferer Tesat. Das Unternehmen hat bereits eine Fließfertigung für Komponenten aufgebaut. Die VDI nachrichten haben den Wechsel von der Manufaktur zur Serienfertigung ausführlich beschrieben.

Bei Aerospacelab erreicht diese Entwicklung nun eine andere Größenordnung: Das Unternehmen verantwortet nicht einzelne Komponenten, sondern komplette Kommunikationssatelliten.

OHB baut die 18 MEO-Satelliten

Neben der LEO-Flotte gehören 18 deutlich größere Satelliten im mittleren Erdorbit zu IRIS². Den Auftrag dafür erhielt OHB Ende August von SES. Er hat einen Wert von knapp 1 Mrd. €.

Die MEO-Satelliten sollen laut OHB eine Startmasse von rund 2,6 t und eine maximale elektrische Leistung von etwa 15 kW erreichen. Damit unterscheiden sie sich deutlich von den kleineren LEO-Satelliten.

Die Kombination verschiedener Umlaufbahnen gehört zum Grundkonzept von IRIS². Satelliten im LEO ermöglichen kurze Signallaufzeiten. Raumfahrzeuge in höheren Umlaufbahnen decken dagegen größere Gebiete ab, sodass für eine großräumige Versorgung weniger Satelliten benötigt werden.

Erste Satelliten sollen 2029 starten

Die EU-Kommission hat den Zeitplan für IRIS² im August 2026 noch einmal angepasst. Erste Satelliten sollen nun bereits 2029 starten. OHB nennt erste Dienste ab 2030. Bis dahin muss jedoch nicht allein die Satellitenproduktion hochlaufen. Auch ausreichend Raketenstarts müssen verfügbar sein. Die EU führt die Beschaffung der Startdienste ausdrücklich als einen der noch abzuarbeitenden Punkte des Programms.

Europa baut seine Startkapazitäten derzeit parallel aus. ArianeGroup fährt die Produktion der Ariane 6 hoch, während neue Anbieter hinzukommen. Anfang September gelang Isar Aerospace mit Spectrum erstmals ein erfolgreicher kommerzieller Orbitalflug vom europäischen Festland. Was dieser Start für Europas Raumfahrt bedeutet, haben wir im Beitrag „Deutsche Rakete schafft den Orbit – was sich dadurch für Europa ändert“ analysiert.

Auch die VDI nachrichten zeigen am Beispiel der Ariane 6, wie stark die europäische Raketenindustrie derzeit ihre Fertigung hochfahren muss.

Quellen

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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