Satelliten schützen 08.09.2026, 18:29 Uhr

Aluminium-Eier gegen Weltraumschrott: Neue Struktur bremst Geschosse um 65 %

Mit Wasser gefüllte Aluminium-Eier könnten Satelliten vor Weltraumschrott schützen. In Simulationen sank die Projektilgeschwindigkeit um fast 65 %.

Die Visualisierung zeigt die von Eierschalen inspirierte Metastruktur:

Die Visualisierung zeigt die von Eierschalen inspirierte Metastruktur: Eiförmige Aluminium-Hohlkörper werden zwischen Schutzplatten angeordnet und mit Wasser gefüllt. Bei einem Einschlag sollen sie sich gezielt verformen und so einen Teil der Energie aufnehmen und verteilen.

Foto: Wang et al.

Rund 1,2 Mio. Weltraumschrottteile zwischen 1 und 10 cm Größe kreisen nach Schätzungen der Europäischen Weltraumorganisation ESA um die Erde. Klein klingt das nur auf den ersten Blick: Schon Trümmer ab etwa 1 cm können bei einer Kollision schwere Schäden an Satelliten oder Raumfahrzeugen verursachen.

Forschende der Dalian University of Technology in China untersuchen deshalb einen ungewöhnlichen Schutz: Zwischen zwei Aluminiumplatten sitzen dünnwandige Hohlkörper, die wie Eier geformt und mit Wasser gefüllt sind. In Simulationen verringerte die beste Anordnung die Geschwindigkeit des auftreffenden Projektils um knapp 65 %. Bei Aluminiumplatten ohne die zusätzliche Struktur waren es rund 51 %. Die Ergebnisse sind im „Journal of Applied Physics“ erschienen.

Warum ausgerechnet Eierschalen?

Ein einzelnes Ei hält punktuellen Belastungen bekanntlich nicht besonders lange stand. Für die Forschenden ist aber nicht die Festigkeit einer einzelnen Schale interessant, sondern das Verhalten vieler solcher Strukturen zusammen.

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Sie ordneten eiförmige Aluminium-Hohlkörper zwischen zwei Platten an. Trifft ein Projektil auf die obere Platte, beginnen sich die einzelnen Elemente zu verformen und nacheinander zusammenzubrechen. Dadurch bleibt die Belastung nicht auf einen kleinen Bereich konzentriert, sondern verteilt sich über die Struktur.

Solche gezielt aufgebauten Materialien werden als Metastrukturen bezeichnet. Ihre mechanischen Eigenschaften hängen nicht allein vom Werkstoff ab, sondern auch von Form, Größe und Anordnung der einzelnen Elemente. Studienautor Yuxin Wang beschreibt den Unterschied so: Eine einzelne Eierschale breche unter lokaler Belastung leicht. In einem Array könnten die einzelnen Einheiten dagegen gemeinsam Energie aufnehmen und verteilen.

Warum die Aluminium-Eier mit Wasser gefüllt sind

Bei der neuen Struktur übernimmt nicht nur das Aluminium einen Teil der Belastung. Die Hohlkörper enthalten zusätzlich Wasser. Beim Aufprall wird die Flüssigkeit in Bewegung versetzt. Nach Angaben der Forschenden beeinflusst sie dabei die Ausbreitung der Stoßwellen innerhalb der Struktur und trägt dazu bei, die eingebrachte Energie zu dissipieren.

Das Team verglich unterschiedliche Geometrien: reine Aluminiumplatten, wassergefüllte kugelförmige Elemente zwischen Aluminiumplatten und die eiförmige Variante. Die Aluminium-Eier schnitten am besten ab. Auch ihre Ausrichtung spielte eine Rolle. Am wirksamsten war eine stehende Anordnung, bei der die schmalere Spitze zur oberen Aluminiumplatte zeigte.

Knapp 65 % weniger Geschwindigkeit

In der günstigsten Konfiguration sank die Geschwindigkeit des Projektils nach dem Durchgang um knapp 65 %. Bei den Aluminiumplatten ohne Eierschalenstruktur lag die Verringerung bei rund 51 %.

Die 65 % bedeuten allerdings nicht, dass der Aufbau einen um 65 % besseren Schutz bietet. Verglichen wurde hier die Verringerung der Projektilgeschwindigkeit. Für einen späteren Schutzschild sind weitere Größen wichtig – etwa die Belastung der Rückwand, die entstehende Trümmerwolke und vor allem das Verhältnis von Schutzwirkung zu Masse.

Noch wichtiger: Die neue Struktur ist bislang kein einsatzfähiger Satellitenschutz. Die Autoren wollen Geometrie, Wandstärke, Seitenverhältnis und Anordnung der Aluminiumkörper weiter optimieren. Anschließend sind zusätzliche Hypervelocity-Einschlagtests nötig.

Eierschalen sollen den Whipple-Schild verbessern

Der Grundgedanke hinter der Konstruktion ist in der Raumfahrt nicht neu. Raumfahrzeuge werden unter anderem mit sogenannten Whipple-Schilden gegen kleine, extrem schnelle Teilchen geschützt. Dabei befindet sich vor der eigentlichen Außenwand eine zusätzliche Platte. Trifft ein Partikel darauf, wird es stark verformt oder zerlegt. Die entstehende Trümmerwolke verteilt sich auf eine größere Fläche, bevor sie die dahinterliegende Struktur erreicht.

Die Eierschalenstruktur soll dieses Prinzip weiterentwickeln. Zwischen den Platten kommt eine zusätzliche Zone hinzu, in der sich Elemente gezielt verformen und Energie aufnehmen. Wie groß die Gefahr durch Weltraumschrott im Erdorbit inzwischen geworden ist, zeigen aktuelle ESA-Zahlen: Neben den rund 1,2 Mio. Trümmerteilen zwischen 1 und 10 cm schätzt die Raumfahrtagentur die Zahl der Partikel zwischen 1 mm und 1 cm auf rund 140 Mio.

Die Aluminium-Eier sind nicht völlig neu

Yuxin Wang hatte bereits 2025 gemeinsam mit weiteren Forschenden eine wassergefüllte Aluminium-Eierschalenstruktur für den Schutz gegen Hypervelocity-Einschläge untersucht. Damals stand vor allem ein numerisches Modell auf Basis der Material-Point-Methode im Mittelpunkt.

Die neue Arbeit führt den Ansatz weiter und untersucht genauer, wie Geometrie und Anordnung der einzelnen Elemente die Schutzwirkung beeinflussen.Aluminium-Eier gegen Weltraumschrott: Neue Struktur bremst Geschosse um 65 %

Auch andere Forschungsgruppen arbeiten an leichten Schutzmaterialien für Satelliten. Forschende der Texas A&M University haben beispielsweise ein selbstheilendes Polymer zum Schutz vor Weltraumschrott entwickelt. Das Material soll sich nach einem Durchschlag teilweise wieder schließen.

Quellen

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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