In-Orbit Servicing 09.06.2026, 14:30 Uhr

Bundeswehr plant Wächter-Satelliten: Kommt der Nahkampf im Orbit?

Servicing-Technologien können zum Reparieren genutzt werden – und für den orbitalen Nahkampf. Interview mit Michael Traut, Chef des Weltraumkommandos der Bundeswehr.

Das Weltraumlagezentrum der Bundeswehr.

Die Weltraumlagezentrale der Bundeswehr: Hier laufen die Daten der deutschen militärischen Satelliten zusammen.

Foto: Bundeswehr / Jennifer Heyn

VDI nachrichten: Hat Deutschland die Militarisierung der Orbits verschlafen, Herr Traut?

Michael Traut: Ich würde nicht von Militarisierung sprechen, weil der Weltraum schon seit Sputnik-1 militarisiert ist. Es gibt wohl kaum eine Domäne, in der zivile und militärische Nutzung derart verschwimmen. Weltraumtechnik ist immer Dual Use. Was wir verschlafen haben, ist die Kommerzialisierung des Weltraums. Die USA haben heute eine völlig andere Raumfahrtindustrie als Europa. Das Innovationstempo ist höher, man kann agiler Raketen starten. Das ist – bei aller Streitbarkeit – ein Verdienst von Unternehmern wie Elon Musk und Jeff Bezos.

Elon Musk kann man gewissermaßen mit Henry Ford – ungeachtet ihrer beider fragwürdigen Ansichten – vergleichen. Beide haben eine bestehende Technologie massentauglich gemacht. Heute werden in den USA Raketen und Satelliten in Serie hergestellt, so wie seit 1914 das Automobil. In Deutschland haben wir sehr lange Zeit den Weltraum mit einem zuvorderst wissenschaftlichen Interesse betrachtet. Erst jetzt dämmert uns, wie wichtig er für unsere Sicherheit ist und für unseren Wohlstand.

Verteidigungsminister Boris Pistorius hat angekündigt, 35 Mrd. € für Weltraumsicherheit bereitzustellen. Reicht das, um zu den Großen im Orbit aufzuschließen – China, USA, Russland?

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Nein, dafür reicht es nicht. Die Summe bezieht sich auf die Jahre 2026 bis 2030. Um das einzuordnen: 35 Mrd. € sind in etwa das Jahresbudget der U.S. Space Force. Allerdings kommen zu den Ausgaben des Verteidigungsministeriums noch grob 5 Mrd. € bis 10 Mrd. € aus anderen Ressorts hinzu, sodass unser Budget bis 2030 eher bei 45 Mrd. € liegt.

Generalmajor Michael Traut, Chef des Weltraumkommandos der Bundeswehr.
Generalmajor Michael Traut, Chef des Weltraumkommandos der Bundeswehr. Foto: Bundeswehr / Patrik Bransmöller

Und danach?

Viele der Projekte, die wir jetzt anstoßen, reichen deutlich über das Jahr 2030 hinaus. In der Weltraumsicherheitsstrategie haben wir gesagt, dass wir uns nicht mehr allein auf einzelne große Satelliten verlassen können. Wir brauchen zusätzlich Satellitenkonstellationen mit inkrementell wachsenden Fähigkeiten, Flotten aus Hunderten Satelliten, die wir sukzessive ausbauen und aktualisieren. Was wir im All machen, ist keine einmalige Kraftanstrengung, sondern ein dauerhaftes Engagement. Die 35 Mrd. € sind ein sehr umfangreicher Anschub; ich gehe davon aus, dass sich die Finanzierung danach in einer ähnlichen Größenordnung fortsetzen wird.

Die USA, China … und dann lange nichts

Wer ist die Nummer eins im Weltraum?

Aktuell sind das die USA, deren gesamtes Jahresbudget inklusive Nasa bei rund 60 Mrd. $ liegt. China schließt aber auf, mit einem stoischen Fernblick auf das Jahr 2049. Bis dahin will das Land die weltweite Nummer eins sein, auch im Weltraum. Russland sehe ich technologisch eher verharren.

Muss Deutschland zu den beiden Großen aufschließen?

Wir wollen in die Champions League, aber wir müssen nicht unter den besten zwei Teams sein. Unsere Investitionen versetzen uns in die Lage, dass wir ein gefragter Bündnispartner sein werden.

Was kann Deutschland, das andere nicht können?

Wir sind stark in der Sensorik und haben den ein oder anderen Sensor, der seinesgleichen sucht. Das Fraunhofer-Weltraumradar auf dem Wachtberg zum Beispiel kann auch sehr kleine Weltraumobjekte präzise vermessen. Es kann sogar Bilder liefern, auf denen wir erkennen können, ob ein Satellit seine Antennen ausgefahren hat. Dieses Radar ist ein Trumpfass.

Wir haben auch eine sehr ausgeprägte Fähigkeit, die Weltraumlage zu analysieren. Zusammen mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt betreiben wir seit 15 Jahren ein Weltraumlagezentrum. Wir wissen, was sich im Orbit bewegt, wem es gehört und was der Eigentümer beabsichtigt. Wir erkennen eine Bedrohung, wenn wir ihr gegenüberstehen.

Bei welchen Fähigkeiten muss Deutschland unbedingt eigenständig sein?

Es gibt einige Systeme, da müssen wir als Bundeswehr die Eigentümerin und Betreiberin sein. Welche das sind, steht in unserer Militärstrategie, die allerdings eingestuft ist und nicht veröffentlicht wird. Wir müssen ja nicht jedem sagen, was wir tun … Gleichzeitig bauen wir Fähigkeiten aber auch deshalb auf, damit wir Kooperationsangebote an Bündnispartner machen können. Im Weltraum ist keine Nation allein in der Lage, Weltraumnutzung und Weltraumschutz zu gewährleisten. Auch nicht die USA.

Super-GAU im All

Seit zwei Jahren kursiert die Nachricht, Russland könne versuchen, einen nuklearen Sprengkopf in den Orbit zu bringen.

Das ist ein klarer Verstoß gegen den Weltraumvertrag, aber leider ist das Völkerrecht dieser Tage nicht en vogue. Eine nukleare Detonation im Orbit hätte katastrophale Auswirkungen – für alle gleichermaßen. Wahrscheinlich würde sich der Strahlenschutzgürtel der Erde statisch aufladen, die Ionisierung würde über Wochen und Monate anhalten – wie 1962, als die USA im Rahmen der Mission Starfish Prime in 400 km Höhe nukleare Tests durchgeführt haben. Der Zugang zum Weltraum könnte für uns alle auf Jahre zunichtegemacht werden.

Welche bisherigen feindlichen Manöver im Weltall haben Sie als besonders bedrohlich erlebt?

Russische Satelliten fliegen seit einem Jahrzehnt im geostationären Orbit auf und ab, parken neben Satelliten und hören die Kommunikation ab. Möglicherweise leitet Russland daraus auch Störaktionen ab. Viel beeindruckender sind allerdings die chinesischen Manöver. Die Chinesen können an Objekte – auch unkooperative – andocken. Wahrscheinlich haben sie im vergangenen Jahr auch schon mit dem Servicing-Satelliten SJ25 einen anderen Satelliten im Orbit betankt. China übt in einem beeindruckenden Tempo Rendez-vous-Manöver …

… unter, nein, über Ihren Augen?

Ja, das bleibt uns nicht verborgen. China hat nicht nur die nötige Technologie, sondern inzwischen auch die Fingerfertigkeit, sie einzusetzen. Einige der Manöver sind extrem dynamisch und potenziell abschreckend. Wir merken uns genau, welche Satelliten das waren – und was ihre Ziele waren. Russland hat eine Reihe von Satelliten, die – rein zufällig – ko-orbital mit US-amerikanischen Satelliten fliegen. Die Drohkulisse: Wenn zwei Satelliten im selben Orbit unterwegs sind, reicht ein kleines Manöver, und nach zwei Stunden fliegen die Satelliten direkt nebeneinander.

Nahkampf im Orbit

Wo beginnt im Weltraum eigentlich der Nahbereich?

Im geostationären Orbit hat die internationale Frequenzbehörde ITU Hunderte Kilometer lange Boxen abgesteckt, in denen jeweils nur ein Satellit auf bestimmten Frequenzen senden darf. Im erdnahen Orbit ist das Nahfeld weniger durch den absoluten Abstand definiert als durch die Ähnlichkeit der Bahnvektoren. Die entscheidende Frage ist: Wie schnell kann der Verfolger beim Ziel sein?

Wie viel Nahkampf erwarten Sie in den Orbits?

Ich rechne mit immer mehr Störmanövern. Insbesondere dann, wenn es sich um hochwertige Ziele handelt, zum Beispiel um die großen ­geostationären Boliden, die wir auch in Zukunft benötigen werden. Aber auch in den niedrigen Erdorbits nimmt die Aktivität zu. Einige Nationen, darunter wir, arbeiten aktuell an Inspektorsatelliten.

Was ist ein Inspektorsatellit?

Das ist ein Satellit, der in die Nähe eines Zielsatelliten fliegt, seine Datenverbindungen mithört, ihn im Ernstfall auch stört, greift oder attackiert. Wer diese Fähigkeiten hat, dem muss man klar machen, dass er sie doch bitte nur seinem eigenen Satelliten zugutekommen lässt.

Orbitaler Geleitschutz

Und dafür gibt es die Wächtersatelliten, die Sie in der Weltraumsicherheitsstrategie nennen?

Richtig. Die Wächtersatelliten sind die defensiven Gegenstücke zu den Inspektorsatelliten. Eine Art Geleitschutz im Orbit.

Das klingt nach großem Aufwand. Warum rüsten Sie nicht den Zielsatelliten so aus, dass er sich selbst wehren kann?

Wir haben nun mal einige Satelliten, die bereits oben sind und solche Schutzfunktionen nicht eingebaut haben. Diese können wir nur mit Wächtersatelliten schützen. Neue Satelliten könnten wir so mit Sensorik ausstatten, dass sie Feinde im Nahfeld erkennen und zum Beispiel aufhören zu funken, wenn die Gefahr besteht, dass jemand mithört. Wir könnten ihnen auch eine Treibstoffreserve mitgeben, „um einen Haken zu schlagen“ und Angreifern zu entkommen. ­Agilität wird in Zukunft eine große Rolle spielen.

In-Orbit Servicing und die Bundeswehr

Den dafür nötigen Treibstoff könnten Sie auch nachträglich tanken.

Stimmt. Wir brauchen umfangreiche Servicing-Fähigkeiten im Orbit. Das Gute ist: All diese Technologien sind in Deutschland vorhanden.

Im Orbit wurden sie aber noch nicht demonstriert.

Noch nicht, richtig. Ich kann Ihnen aber versichern, dass das nicht mehr lange dauern wird. Wir werden als Bundeswehr Servicing im Orbit demonstrieren. In nicht allzu ferner Zukunft.

Sie haben vorhin eine Flotte aus Hunderten ­Satelliten angesprochen. Braucht es dafür Wächter?

Eine so große Flotte hat eine Art inhärente Resilienz. Wenn wir 500 Satelliten im Orbit haben, ist es verschmerzbar, wenn drei oder vier gestört werden. Hinzu kommt, dass wir in Zukunft mit unseren Raketenstartkapazitäten viel flexibler umgehen werden. Es muss möglich sein, kurzfristig – das heißt: binnen Wochen – Ersatz in den Orbit zu bringen. Generell gilt: Je kleiner die Satellitenkonstellation, desto mehr Schutz muss ich ihr mitgeben.

Inspektor- und Wächtersatelliten benötigen ­eine Reihe von neuen Technologien. Damit Satelliten einander verfolgen, entkommen und rammen können, braucht es zum Beispiel Antriebe einer Klasse, die bislang nicht häufig benötigt wird. Verfügt Deutschland über solche Antriebe?

Ja, das haben die Artemis-Missionen gezeigt, ­deren Antriebsmodul Docking-Fähigkeiten besitzt und in Bremen gebaut wird.

Mit einem US-amerikanischen Antrieb aus dem Spaceshuttle-Programm.

Korrekt. Trotzdem bin ich mir sicher, dass die Antriebe nicht das Problem sein werden – weder die chemischen noch die elektrischen. Was wir noch nicht haben, ist eine Infrastruktur, mit der wir konstanten Zugriff auf all unsere Satelliten haben. Es bringt ja nichts, nur die Hälfte der Zeit Zugriff zu haben. Dann stört der Feind unseren Satelliten eben, wenn er mitten über dem Pazifik fliegt.

Wie ließe sich permanente Kommunikation sicherstellen?

Unsere künftige eigene Satellitenkonstellation SatcomBw-4 könnte ein wichtiges Werkzeug sein. Primär ist sie für den terrestrischen Bedarf ausgelegt, ich halte es aber für möglich, dass wir mit SatcomBw-4 unsere Weltraumsysteme besser miteinander vernetzen können. Eine Alternative könnte OneWeb sein. Diese Konstellation wird von Airbus gebaut; der Konzern verlegt die Satellitenproduktion aktuell aus den USA nach Europa. Ein Vorteil ist, dass OneWeb in 1200 km Höhe fliegt. Die Sichtlinie jedes einzelnen Satelliten ist ziemlich groß.

Greifen, Sprühen, Schubsen

Welche Technologien bräuchte es für Docking- und Greifmanöver?

Die robotischen Fähigkeiten sind im DLR vorhanden. Wir bräuchten zum Beispiel Roboterarme, die nicht kooperative Objekte greifen könnten. Oder – weniger drastisch – aus der Nähe manipulieren. Ich habe mal im Scherz gesagt, man könnte die Kamera eines feindlichen Inspektorsatelliten mit einem Aerosol einsprühen.

Und wie viel Ernst steckt in dem Scherz?

Schon einiger Ernst. Das Aerosol verflüchtigt sich nach einigen Wochen. Die Kamera könnte also keine scharfen Bilder machen, ohne dass wir gleich den Satelliten attackieren müssen.

Würde es die Bundeswehr auf ein orbitales Gerangel ankommen lassen? Jedes versehentlich abgebrochene Solarpanel würde eine Kaskade der Schrottproduktion nach sich ziehen – mit katastrophalen Folgen.

Die Schrottproduktion ist ein Riesenproblem. Wir haben uns deshalb verpflichtet, nichts zu testen, das Debris erzeugen könnte. Im Ernstfall, zum Beispiel im Krieg, müssen wir aber alle Möglichkeiten ausschöpfen dürfen. Voraussetzung für den Ernstfall ist ein politisches Mandat. Ich wäre kein guter Militär, wenn ich den politischen Entscheidungsträgern nicht auch die offensive Option verschaffen würde.

Warum die Bundeswehr eine eigene Megakonstellation plant

Die EU-Kommission will mit dem Projekt ISOS4I eine Servicing-Infrastruktur aufbauen, die teilweise dieselben Fähigkeiten abdeckt, die Sie geschildert haben, das Greifen und das Betanken zum Beispiel. Wollen Sie diese Infrastruktur nutzen?

Hauptkundin ist die EU-Kommission, aber die Mitgliedstaaten dürfen Dienste nutzen. Bei den zentralen Technologien können wir uns nicht von der EU abhängig machen. Das ist ähnlich wie bei Iris2: Die EU-Kommission will eine große Satellitenkonstellation bauen, aber diese wird niemals ausreichen, um all unsere Bedarfe zu decken. Wir brauchen eine eigene, komplementäre Konstellation: SatcomBw-4.

Wie groß wird SatcomBw-4 sein?

In den erdnahen Orbits brauchen wir eine große dreistellige Zahl an Satelliten. Da wir die Konstellation schrittweise aufbauen, kann ich noch keine genaue Zahl nennen. Das Budget wird sich in der Größenordnung von 8 Mrd. € bis 10 Mrd. € bewegen. Das ist das größte Einzelprojekt im 35-Mrd.-€-Paket des Verteidigungsministeriums.

… und das mit Abstand größte Raumfahrtprojekt der deutschen Raumfahrtgeschichte.

Das auch, ja.

Suche nach dem Prime Contractor

Vermutlich hätten Sie gerne für SatcomBw-4 ­einen deutschen Prime-Contractor, der die Integration der Satelliten übernimmt …

Sehr, sehr gerne.

Bedauern Sie, dass es in Deutschland so wenige Satelliten-Primes gibt?

Es könnte durchaus besser werden. Vor allem in puncto Industrialisierung. Wir müssen endlich den Sprung von der Manufaktur zur Serienfertigung wagen.

Trauen Sie OHB und Airbus in Friedrichshafen den Bau einer Konstellation mit Hunderten Satelliten in Deutschland zu?

Beide können komplexe Satelliten auf Systemebene designen und bauen. Aber eine hoch automatisierte Fertigung für Hunderte kleine Satelliten mit kurzer Lebensdauer ist eben ein anderes Paar Stiefel. Ich sehe in der Satellitenfertigung der Zukunft eine große Chance für neue Unternehmen, nicht nur auf Prime-Ebene.

Wen würden Sie nennen?

Neben einigen anderen jungen deutschen Unternehmen wie BST hat sich Rheinmetall mit der Iceye-Fertigung in Neuss in den Satellitenmarkt gestürzt. Planetlabs hat bereits über 200 Satelliten im Orbit und baut im Berliner Umland eine Fertigung auf. Ich würde mir wünschen, dass wir die Innovationskraft solcher jungen Unternehmen nutzen können. Die etablierten Unternehmen ziehen sich noch zu gerne auf die Welt des Old Space zurück. Früher hatten wir in der Raumfahrt Zeit und kein Geld. Heute haben wir Geld und keine Zeit. Da muss man mal ins Risiko gehen. Und dazu sind junge Unternehmen oft eher bereit.

Ein Beitrag von:

  • Iestyn Hartbrich

    Iestyn Hartbrich ist Ingenieur und Journalist mit den Schwerpunkten Werkstoffe, Stahlindustrie, Raumfahrt und Luftfahrt.

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