Industrie 17.08.2012, 11:00 Uhr

Urbane Wertschöpfung: Wenn Industrie und Stadt wieder verschmelzen

Der Aufwand für weltweiten Transport und Logistik könnte bei steigenden Energiekosten schon bald aus dem Ruder laufen. Aber: Kleine, städtische Fertigungseinheiten werden künftig große Produktionsstätten für den Weltmarkt ergänzen, prognostiziert Eberhard Abele. Die Vorteile einer „urbanen Wertschöpfung“ liegen klar auf der Hand, wie der Leiter des Instituts für Produktionsmanagement, Technologie und Werkzeugmaschinen (PTW) an der TU Darmstadt ausführt.

Produzierende Unternehmen wurden in den vergangenen Jahrhunderten zunehmend aus dem Stadtbild verdrängt. Vor allem hohe Grundstückspreise für kleinste Flächen und wenig Verfügbarkeit in den Ballungsräumen, zunehmende Mobilität der arbeitenden Bevölkerung und Umweltaspekte (Image „dreckige“ Produktion) führten zu dieser Entwicklung. Ökologisch und sozial führte die Entwicklung jedoch zu einer drastischen Verschlechterung der CO2-Footprints global hergestellter Produkte und einer Entfremdung weiter Teile der Gesellschaft von der Produktion.

Heutige gesellschaftliche Megatrends aber stellen das Konzept der außerstädtischen, zentralen Produktion für den weltweiten Markt auf den Prüfstand. Schon jetzt steht die städtische Infrastruktur durch den weiträumigen Personen- und Güterverkehr, der durch Unternehmen verursacht wird, kurz vor dem Kollaps. Zukünftig wird sich durch stetes Bevölkerungswachstum diese Problematik weltweit verschärfen. Auch bewirken Trends wie die Alterung der Belegschaft, die zunehmende Bedeutung von Work-Life-Balance und die Verteuerung der Transportkosten weniger Bereitschaft für uneingeschränkte Mobilität von Personen und Gütern.

Ein zukünftiger Lösungsansatz ist die Reintegration der Produktion in die Stadt und in das Leben der Einwohner: urbane Wertschöpfung. Das Ziel dabei ist die Verschmelzung von Produktionsort, Arbeitsmarkt und Absatzmarkt im städtischen Umfeld. Urbane Wertschöpfung geht dabei weit über das Konzept stadtnaher Industriegebiete hinaus und umfasst auch die stadtzentrumsnahe gemischte Nutzung von Stadtquartieren.

Kleine dezentrale Produktionseinheiten ideal für urbane Wertschöpfung

Doch nicht nur der Ort, sondern auch die globale Arbeitsteilung wandelt sich in der urbanen Wertschöpfung. Im Gegensatz zu zentralen Produktionswerken, die einen globalen Markt bedienen, sind das Ideal urbaner Wertschöpfung kleine dezentrale Produktionseinheiten für den lokalen Markt – etwa in Form von Rapid Prototyping, dem schichtweisen, computergesteuerten Aufbau von Bauteilen oder Gegenständen des täglichen Bedarfs. Bald könnten die Zeiten vorbei sein, in denen die Produktion aufgrund der Emissionen aus der Stadt heraus verlagert werden muss.

Allerdings sind die ökonomischen Herausforderungen für eine wettbewerbsfähige, städtische Produktion aus heutiger Sicht noch groß. Urbane Wertschöpfung ist ein mittel- bis langfristiges Thema, das sich gewiss nicht für alle Produkte gleichermaßen eignen wird. Die Herausforderungen liegen vor allem darin, Hemmnisse abzubauen, um insbesondere die Potenziale der neuen Produktionsform nutzen zu können.

Das Leitmotiv der urbanen Wertschöpfung: “Hingehen, Anpassen und Mitnehmen”

Diese Wertschöpfung kann durchaus einen Beitrag zur Lösung zentraler industrieller Probleme des 21. Jahrhunderts leisten. Kürzere Produktlebenszyklen, kurze Lieferzeiten, kundenindividuelle Produkte und steigendes Ressourcenbewusstsein seien hier stellvertretend genannt. Und gelingt es, den Ort der Produktion mit der Stadt als Arbeits- und Absatzmarkt zu verschmelzen, werden lange Lieferketten mit vielen Zwischenlagern obsolet. „Hingehen, Anpassen und Mitnehmen“ wird zum Leitmotiv zukünftigen Konsums.

Das umfasst die personalisierte Anpassung von Produkten z. B. mit biometrischen Daten und die sofortige bzw. zeitnahe Produktion. Die Rolle des Kunden wandelt sich vom Konsumenten zum Prosumenten, ähnlich wie das heute schon für medizinische Produkte wie Brillen zum Teil umgesetzt wird. Kürzeste Lieferzeiten, maximale Kundenindividualität bis hin zur Personalisierung von Produkten und ein grüner CO2-Footprint werden möglich.

Auch ergeben sich neue Geschäftsmodelle und Kooperationsformen. So kann beispielsweise Abwärme aus Produktionsprozessen für die Beheizung umliegender Wohngebäude genutzt werden, die Nähe zu öffentlichen Bildungseinrichtungen und Universitäten verbessert die Ausgangslage für Innovationen und zur Gewinnung von Fachkräften.

Flächenbedarf durch Produktion über mehrere Stockwerke verringern

Allerdings müssen die ökonomischen Nachteile urbaner Wertschöpfung ausgehebelt werden. Zur Verringerung des Flächenbedarfs muss eine Abkehr von der Produktion in der Horizontalen (Fabrikhallen) zur Produktion in der Vertikalen (über mehrere Stockwerke) führen.

Gleichzeitig werden für den Güterverkehr neue Weichen gestellt: Das geht von der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel für die Unternehmenslogistik (z. B. Cargo-Tram) bis hin zu unternehmensübergreifend genutzten urbanen Warenumschlagsplätzen und Verkehrsleitsystemen.

Schließlich trägt auch die visuelle Integration der Produktionsstätten zu einer Akzeptanzerhöhung in der Bevölkerung bei: durch integrierte Stadtquartierplanung und architektonische Einbindung in das Stadtbild sowie die Vermeidung sämtlicher industrieller Emissionen von Abgasen bis Lärm.

Die Befähigung zur urbanen Wertschöpfung erfordert ein gemeinsames Handeln von Unternehmen, Städten, Forschung und Politik. Die Herausforderungen, vor denen wir stehen, sind gewaltig. Das Potenzial rechtfertigt jedoch intensive Bemühungen um die künftige Produktionsform. Innovative Unternehmen wie die Wittenstein AG haben so bereits vor Kurzem den Spatenstich für eine urbane Produktion getätigt, vereinzelte Forschungsinstitute in ganz Deutschland erforschen derzeit die Grundlagen urbaner Wertschöpfung.

Von Dietmar Kippels

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