Industrie 19.03.2010, 18:33 Uhr

Produktion kann Wohlstand in Deutschland langfristig sichern  

Die Bankenkrise hat gezeigt, dass die industrielle Produktion wichtig für die Volkswirtschaft ist. Wie Deutschland dabei langfristig wettbewerbsfähig bleiben kann, verdeutlichten Produktionsexperten auf einem Forum in Karlsruhe. VDI nachrichten, Düsseldorf, 19. 3. 10, ciu

Trotz zunehmender Signale für eine wirtschaftliche Erholung sei die Rückkehr zur „Normalität“ von vor der Krise kaum zu erwarten, verdeutlichte Dr. Günter Jordan, Partner der Unternehmensberatung A.T. Kearney, die Situation für den Produktionsstandort Deutschland. „Wir werden uns einem Wettbewerb stellen müssen, wie ihn die meisten von uns noch nicht erlebt haben“, machte er anlässlich der 10. Karlsruher Arbeitsgespräche Produktionsforschung am 9. und 10. März deutlich. Neben den nüchternen Erkenntnissen ging es dem Unternehmensberater darum, die Betroffenen wachzurütteln, ihre Chancen besser zu nutzen.

Aus Vergleichsuntersuchungen, die sein Unternehmen seit 20 Jahren für den Wettbewerb „Die Fabrik des Jahres“ durchgeführt hat, zog Jordan das Fazit: „Jede sechste Fabrik in Deutschland weist ein unzureichendes Leistungsniveau für den globalen Wettbewerb auf. 47 % der Fabriken überschätzen ihre Leistungsfähigkeit. Dabei schlummern in unseren Fabriken noch gewaltige Effizienzpotenziale.“ Obwohl seit den 80er-Jahren die Lean-Transformation ein Begriff sei, stünden viele Fabriken dabei eher noch am Anfang.

Neben verbesserten Prozessen im eigenen Unternehmen empfahl Jordan, die Zusammenarbeit mit Kunden, interner Produktentwicklung und Lieferanten zu verstärken. „Den Standortvorteil von Europa als größtem Wirtschaftsraum gilt es durch Wertschöpfungspartnerschaften besser zu nutzen“, sagte er.

Hinsichtlich zurückgehender Wachstumserwartungen urteilte Prof. Franz-Josef Radermacher, Vorstand des Forschungsinstituts für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung/n (FAW/n), Ulm: „Wachstum ist einfach, wenn man auf der Basis vorhandener Innovationen aufsetzen kann.“ Daher werde China die enormen Wachstumsraten kaum langfristig halten können.

Er verdeutlichte zudem, welchen wesentlichen Anteil technische Innovationen daran haben, dass eine wachsende Weltbevölkerung ernährt werden könne. Die Herausforderung bestehe nun darin, Weltwirtschaftsleistung und Ökoeffizienz jeweils um den Faktor 10 zu verbessern.

Nachdem die USA und Großbritannien ihre industrielle Produktion in den vergangenen Jahren zurückgefahren haben, sei Deutschland in einer guten Position. „Wenn wir unseren Beitrag zum Faktor 10 leisten, dann werden wir in einer guten Zukunft eine herausragende Position haben“, so Radermacher.

Für Prof. Eberhard Abele, Institut für Produktionsmanagement, Technologie und Werkzeugmaschinen (PTW) an der TU Darmstadt, müsse in den kommenden Jahren die langfristig orientierte Beschäftigungs- und Standortsicherung im Fokus der Produktionsforschung stehen. Nach Untersuchungen seines Institutes im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) könne in Deutschland die Zahl der derzeit 7,7 Mio. im produzierenden Gewerbe beschäftigten Personen bis 2020 auf 5,5 Mio. sinken oder auf 8,5 Mio. steigen.

Chancen lägen dabei insbesondere darin, als Erster Innovationen in Bereichen wie energieeffizienter Produktionsausrüstung oder ressourcenschonender Produkte auf den Markt zu bringen. Dazu seien effiziente Prozesse in Produktentwicklung, Produktionstechnologie sowie Planung und Logistik notwendig, um effizient auf wechselnde Anforderungen reagieren zu können. Zudem gelte es, Stärken bestehender Kernbranchen wie Maschinenbau und Automobilindustrie zu stärken sowie neue Wachstumsmärkte durch technischen Fortschritt zu erschließen.

Zu den Zukunftsfeldern der Produktion gehören nach den Experteneinschätzungen z. B. die wandlungsfähige und selbstorganisierende Fabrik, die Verbesserung des Datenaustausches in der „Digitalen Fabrik“, die Vernetzung von Industrie und Wissenschaft zur Bildung von „rationalen Wertschöpfungsketten“ in zukünftigen Wachstumsbranchen sowie der Ausbau des Automatisierungs-Know-hows. M. CIUPEK

Von M. Ciupek
Von M. Ciupek

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