Perle der Provinz 12.02.2010, 19:45 Uhr

Die Zukunft des Schweißens liegt in Mündersbach  

Vor mehr als fünfzig Jahren ist das Schweißtechnik-Unternehmen EWM Hightec Welding in Mündersbach im Westerwald gestartet. Hier hat sich EWM mittlerweile zum international erfolgreichen Anbieter für Hightech-Schweißgeräte und Systemlösungen entwickelt. Mit Vollgas und Innovationen will die Gründerfamilie Szczesny gemeinsam mit den Mitarbeitern jetzt die Wirtschaftskrise meistern – die Mündersbacher haben sie dabei voll auf ihrer Seite. VDI nachrichten, Mündersbach, 12. 2. 10, rb

Mündersbach ist klein, sehr klein. Und das Dorf in der Dierdorfer Senke ist an diesem Februarmorgen buchstäblich unter Schnee begraben. Eiszapfen hängen von den Dächern, ein kleines Mädchen rodelt in Richtung Dorfmitte. Die Windräder auf dem „Hartenfelder Kopf“ sind nur schemenhaft zu erkennen. Der Wegweiser in Richtung EWM Hightec Welding führt geradewegs in eine ungeräumte Straße mit Schneebergen links und rechts.

Mitten in dieser weißen Winterwelt erwartet den Besucher die helle und moderne Unternehmenszentrale des – nach eigenen Angaben – drittgrößten Anbieters für Schweißtechnik in Europa. Michael Szczesny betritt, die Krawatte mit dem kleinen EWM-Logo zwischen den Streifen akkurat gebunden, mit Schwung den Besprechungsraum. Der 56-Jährige gehört neben seinem älteren Bruder Bernd und seiner Nichte Susanne Szczesny-Oßing zum Führungsteam des mittelständischen Betriebs. Schnell outet er sich als Elektroingenieur mit Leib und Seele: „Es geht bei uns nicht darum Gartenzäune zu reparieren“, sagt er. „Schweißen ist heute kein Handwerk mehr, sondern bei schwierigem Fügeverfahren eine Wissenschaft.“

Szczesny zeigt auf Schweißgeräte, die eher die Bezeichnung Schweißcomputer verdienen. Leiterplatte neben Leiterplatte und winzig kleine Chips tauchen hinter den Rückwänden auf. „Sie sind vollgepackt mit Elektronik“, sagt der Forschungs- und Entwicklungsleiter zufrieden. Doch EWM entwickelt und produziert nicht nur Hightechgeräte, sondern verkauft auch Problemlösungen und berät seine Kunden vom Handwerksbetrieb über den Auto- und Schiffsbau bis hin zur Rohrleitungsindustrie bei der Prozessoptimierung. Dieser „ganzheitliche Ansatz“ sei gefragt in Zeiten, in denen alle unter enormem Kostendruck produzieren müssten.

Mit Verve vertritt auch Marketingfachfrau Szczesny-Oßing ihr Unternehmen: „Innovationen sind unser Wachstumsmotor“, betont die 45-Jährige. Mehr als 10 % des Umsatzes investiert EWM in den Bereich Forschung und Entwicklung und macht zunehmend Boden gut auf einem Markt, wo vor allem Unternehmen Konkurrenten sind, die andere Fügeverfahren wie Kleben oder Laserschweißen anbieten: Mit einem neu entwickelten Lichtbogen-Fügeverfahren namens „focusTig“ will EWM gar „gegen den Laser antreten“. Das System, das derzeit im Feldtest erprobt wird, kommt nach Angaben von Michael Szczesny an die Leistungen eines Laserschweißgerätes heran.

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Was Schweißen im 21. Jahrhundert bedeutet, zeigt ein Gang durchs Innovations- und Technologiezentrum. Hier brüten die Soft- und Hardwareexperten an ihren Computern über den 3-D-Modellen künftiger Prototypen, die so realistisch sind, dass man jede einzelne Schraube erkennen kann.

Hier erforschen Ingenieure auch die Geheimnisse des Lichtbogens, der zwischen der Brennerelektrode und dem zu schweißenden Werkstück in einem ionisierten Gas brennt und beim Schweißen als Medium für den Stromtransport dient. Ihn möglichst präzise zu steuern, ist heute die Kunst in der Schweißgeräteentwicklung.

„Wir schauen in den Lichtbogen hinein“, erklärt Michael Szczesny. Der Blick durch eine Hochleistungskamera, die bis zu 10 000 Bilder pro Sekunde schießt, zeigt, wie sich im Abstand von fünf Millisekunden ein Tropfen nach dem anderen von der Elektrode, die zugleich als Schweißdraht dient, löst und auf das Werkstück, das verschweißt werden soll, auftrifft.

Das Ganze erinnert an einen Wasserhahn, der nicht richtig zugedreht ist und nun in Zeitlupe tropft. Weiter kann man beobachten, dass der Tropfen so präzise auf die Oberfläche trifft, dass es keine Spritzer gibt, und er danach tief ins Metall eindringt.

Später in der Prozessentwicklung, wo die neuen Verfahren an Industrierobotern getestet und den interessierten Kunden vorgeführt werden, nimmt man das Ganze nur noch als grünen Lichtpunkt wahr, der Bleche zusammenfügt wie eine Nähmaschine Stoffe.

„ForceArc“ heißt eines der neuen Verfahren aus dem Hause EWM. Es eignet sich besonders für dicke Bleche und sorgt dafür, dass das Schweißen schneller, sauberer und damit kostengünstiger werden soll. Denn ein extrem starker und zielgerichteter Lichtbogen vermeidet Spritzer auf dem Werkstück, die später mühselig wieder abgeschliffen werden müssen, und verbraucht weniger Zusatzwerkstoffe zum Füllen der Nahtstelle. Dabei wirkt er so tief, dass die Werkstoffe nur noch von einer Seite zusammengeschweißt werden müssen.

Ganze Schiffswände, Bahnwaggons oder Großbehälter können so Meter für Meter zusammengefügt werden. 150 Stunden Schweißzeit müsse etwa ein Behälterbauer derzeit einplanen, um einen einzigen Behälter zusammenzuschweißen, rechnet Szczesny vor. Mit der neuen EWM-Technologie spare er ein Drittel der Arbeitszeit. Und das bedeute bares Geld.

Mit Interesse folgt auch Winfried Himmerich den Erklärungen des EWM-Entwicklungschefs. Seit 30 Jahren ist Himmerich ehrenamtlicher Ortsbürgermeister von Mündersbach. Schon die Begrüßung zeigt, dass er hier ein gern gesehener Gast ist.

Himmerich weiß, dass sein Dorf zu den Regionen gehört, die mitleidig als strukturschwach bezeichnet werden. Aber der 67-Jährige hat viel Selbstbewusstsein und eine glasklare Vorstellung, wie er Mündersbach voranbringen will: „Wir bestimmen durch eine langfristige und nachhaltige Planung, wo wir hingehen wollen“, sagt er. Keine Schlafstadt soll der Ort, der 16 km von der A 3 entfernt liegt, werden. Arbeiten, leben und wohnen können soll man in Mündersbach.

„Nur, was Arbeitsplätze schafft, ist sozial“, ist Himmerich überzeugt. Also hat die Gemeinde schon Anfang der 90er-Jahre ein kleines Industriegebiet erschlossen und Gewerbe angesiedelt. Hier betreibt auch EWM ein zweites Werk. „Wir sind eng miteinander verflochten.“

1957 hatte der aus Ostpreußen stammende Experte für Halbleitertechnik Edmund Szczesny sich im Westerwald angesiedelt, um dort ein Elektrowerk zu gründen. Die Gemeinde wollte keine Gewerbesteuer und empfing ihn mit offenen Armen: „Mündersbach hat meinem Großvater eine Werkhalle gebaut – nach dem Motto ¿Zur Not machen wir ein Gemeindezentrum draus¿“, erzählt Susanne Szczesny-Oßing. Innerhalb eines Jahres konnte EWM die Halle zurückkaufen – so gut liefen die Geschäfte.

Bis 1993 reiner Hersteller von Schweißgerätekomponenten ging EWM „als absoluter Noname“, wie Szczesny-Oßing sagt, mit eigenen Komplettgeräten auf den Markt. Ein steiles Wachstum folgte. Dann brach im Oktober 2008 die Krise über das Unternehmen herein: Der Exportmarkt brach zusammen und der Umsatz sank. Bis heute muss der Betrieb Kurzarbeit fahren. Doch statt zu resignieren gibt EWM seitdem noch mehr Gas, setzt auf neue Produkte, kompromisslose Qualität, neue Kunden, eine offensive Öffentlichkeitsarbeit und ein neues Erscheinungsbild mit schicken lichtgrauen Geräten.

Auf dem Weg in die Zukunft ist der Familienbetrieb ein wichtiger Partner für Mündersbach. Denn er garantiert Arbeitsplätze, die auch junge Familien am Standort halten und neue anlocken, und schafft Chancen für den Nachwuchs. Die Ausbildungsplätze reichen aus um vielen Jugendlichen in der Region eine Perspektive zu bieten.

„EWM kam einfach super “rüber“, erinnert sich Tim Vogel an sein Bewerbungsgespräch. Wenn der 20-Jährige im Sommer seine Lehre als Industriekaufmann abgeschlossen hat, will er Betriebswirtschaft studieren. Seinen Wiedereinstieg bei EWM auf einem der höher qualifizierten Arbeitsplätze, die am Standort mehr und mehr gefragt sind, hat er bereits fest eingeplant: „Ich will auf alle Fälle zurück.“

Der enge Zusammenhalt im Betrieb wird das Unternehmen jenseits aller Produkt- und Marketingideen durch die Krise führen. Quer durch alle Generationen ist EWM fest in Familienhand. Das verpflichtet. Ausschüttungen an die Gesellschafter gab es in den letzten Jahren nicht.

„Alles, was wir haben“, sagt Susanne Szczesny-Oßing, „stecken wir in die Firma.“ Auch die Mitarbeiter verstehen sich als Teil der Gemeinschaft und bleiben bei der Stange – die Zielmarke für dieses Jahr heißt 20 % mehr Umsatz. Die Familie nimmt es mit Optimismus, wohlwissend, „dass wir eine Mannschaft haben, die rund um die Uhr mitzieht“.

Ein Beitrag von:

  • Jutta Witte

    Surpress Journalistenbüro in Tübingen. Themenschwerpunkte: Bildung, Forschung und Wissenschaft.

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