Energie 11.02.2011, 19:51 Uhr

Wutbürger gegen Erdgasförderung im Emsland

Der Umstieg auf erneuerbare Energien in Deutschland könnte über eine stärkere Nutzung hiesiger Erdgas-Vorkommen führen. Die Ausbeutung großer Gasreserven in ungewöhnlichen Lagerstätten macht aber eine Fördertechnik notwendig, die umstritten ist. Mit ihr werden Unfälle in den USA in Verbindung gebracht, die bereits Menschen und Umwelt geschädigt haben sollen. Ein Ortstermin in Niedersachsen.

Um den einsamen, etwa 20 m hohen Turm pfeift ein kalter Wind. Das Gelände, auf dem er steht, war früher ein Acker wie jeder andere im niedersächsischen Lünne. Jetzt trennt eine Schranke das Areal mit den weiß-grauen Containern von dem schmalen Zufahrtssträßchen.

Norbert Stahlhut nimmt den weißen Schutzhelm ab, als er einen der kargen Container betritt, die an der Bohrstelle stehen. Dem ExxonMobil-Pressesprecher ist die wochenlange Anspannung anzumerken, er fühlt sich sichtlich unwohl in seiner Haut. Denn seine Aufgabe ist nicht leicht. In dem Container erwarten ihn Pressevertreter, vor allem aber besorgte Bürger. Sie wollen von ihm wissen, was genau bei den Bohrungen nach „unkonventionellem Erdgas“ geschieht, mit denen ExxonMobil in Niedersachsen am 15. Januar begonnen hat.

Unkonventionell ist dabei nicht das Erdgas sondern die Fördermethode, die eingesetzt werden muss, um das Gas zu gewinnen. Denn das Gas ist in schwer zu erschließendem Schiefergestein eingelagert.

Berichte aus den USA, wo es Zwischenfälle bei dieser Art der Erdgasförderung gab, haben die Lünner alarmiert. Sie haben Angst, dass auch ihr Grundwasser verseucht, ihre Luft verpestet wird und womöglich ihre Häuser explodieren.

Denn im Boden unter der Gemeinde liegt im Schiefer in etwa 1000 m bis 1500 m Tiefe Erdgas.

Bei einer konventionellen Lagerstätte würde es genügen, die gastragende Gesteinsschicht anzubohren. Der hohe Druck, unter dem das Gas in der Lagerstätte steht, genügt dann, um den Energieträger in der Bohrung nach oben zu befördern. Ganz so, wie ein aufgepumpter Fahrradreifen durch ein Loch Luft verliert, bis der Druck sich dem Außendruck angeglichen hat.

Im Fall des unkonventionellen Gases, wie es in Lünne vorkommt, ist das Schiefergestein, in dem das Erdgas lagert, aber so dicht, sind die Gesteinsporen so klein, dass das Gas nicht durch die Bohrung an die Oberfläche strömen kann.

Deshalb müssen künstliche Kanäle im Gestein erzeugt werden. Unter hohem Druck wird ein Gemisch aus Wasser, Sand und Chemikalien in die Bohrung gepresst, das viele Risse in die gastragende Schicht sprengt. Diese Risse werden „Fracs“ genannt, das Verfahren heißt „Hydraulic Fracturing“ oder kurz „Fracking“.

Ein Gemisch aus Wasser, Sand und Chemikalien sprengt viele Risse ins Gestein

Eher beiläufig lässt Exxon-Pressemann Stahlhut in dem Container die Katze aus dem Sack. Sein Unternehmen plane hier in Lünne eine „hydraulische Behandlung“ des Gesteins unter dem Dorf.

Bürgersprecher Markus Rolink starrt ihn ungläubig an. Er kann nicht fassen was er eben gehört hat, denn er weiß genau, was sich hinter dieser „Behandlung“ verbirgt. „ExxonMobil tritt hier seit Jahren auf und bisher war noch kein einziges Mal die Rede von einem Plan zu fracken. Ich bin geschockt und erschrocken“, macht er seinem Unmut Luft.

Stahlhut kann die ganze Aufregung nicht verstehen. Für ihn ist Fracking nur eine Methode von vielen bei der Suche und Gewinnung von Erdgas.

In der Tat wird Fracking bereits seit Jahren zur Förderung von Erdgas, aber auch bei geothermischen Bohrungen, eingesetzt. In Niedersachsen wurde die Bohrtechnik 1977 zum ersten Mal benutzt. Weltweit sind schon mehr als 1 Mio. Frackings durchgeführt worden.

In den USA, wo 1949 erstmalig gefrackt wurde, erlebt die Technik seit wenigen Jahren sogar einen regelrechten Boom. Nachdem die Bush-Regierung 2005 die Umweltschutzgesetze zugunsten der Öl- und Gasindustrie gelockert hatte, stieg die Produktion von Erdgas aus dichten Gesteinsschichten erheblich an.

Denn durch fortgeschrittene Bohrtechnik, vor allem aber durch den Anstieg der Energiepreise, lohnt es sich jetzt, die im Vergleich zu konventionellem Erdgas etwa doppelt so hohen Förderkosten für unkonventionelles Erdgas im eigenen Land zu investieren. Mittlerweile stammt knapp die Hälfte des in den Vereinigten Staaten gewonnenen Erdgases aus unkonventioneller Förderung. Die USA sind auf dem Weg zum Erdgas-Exporteur.

Deutschland importiert derweil noch 85 % seines Erdgases. Diese starke Abhängigkeit vom Ausland soll verringert werden. Die Chancen dazu stehen nicht schlecht.

Unter Nordrhein-Westfalen werden die zweitgrößten Vorräte an unkonventionellem Gas in Europa vermutet

Denn unter Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen vermutet man große Lagerstätten unkonventionellen Gases. Dessen Menge wird allein in Nordrhein-Westfalen auf 2100 Mrd. m3 geschätzt, das wären europaweit die zweitgrößten Vorkommen.

Geht es nach dem Willen von Gasfirmen wie ExxonMobil, BNK Petroleum oder Wintershall, wird deshalb bald auch in Deutschland intensiv nach unkonventionellem Erdgas gesucht. Insgesamt neun Unternehmen haben sich Zugriffsrechte auf mehr als die Hälfte der Fläche von NRW gesichert. Vorbereitungen für Anträge auf Probebohrungen laufen.

Auch die Bundesregierung sieht im Erdgas die optimale Übergangstechnologie zu erneuerbaren Energien. Ihr Energiekonzept von vergangenem Herbst sieht einen Ausbau von Gaskraftwerken und Erdgas-Mobilität vor.

Daran kann auch eine kürzlich erschienene Studie der amerikanischen Environmental Protection Agency nichts ändern. Sie kam zwar zu dem Ergebnis, dass die Klimabilanz von Erdgas sich durch das bei der Förderung entweichende Gas verschlechtere. Jedoch hinterlässt Erdgas, verglichen mit den anderen fossilen Energieträgern, bei seiner Verbrennung die geringste Menge an CO2.

Es kann zudem zentral in Kraft-Wärme-Kopplungs- sowie Gas- und Dampfturbinen-Kraftwerken mit hohem Wirkungsgrad und dezentral in Einfamilienhäusern eingesetzt werden. Die Kraftwerke lassen sich innerhalb von Minuten hochfahren und ins Netz einkoppeln. Eine ideale Ergänzung zur wetterbedingt unzuverlässigen Stromversorgung aus Solar- oder Windenergie.

Erdgasfirmen erhoffen sich in Europa eine ähnlich erfolgreiche Entwicklung wie in den Vereinigten Staaten.

Doch genau vor einer solchen Entwicklung fürchten sich die Bürger in Lünne.

Denn der Boom des unkonventionellen Erdgases in den USA wird von Unfällen überschattet, die mit der Fracking-Technik in Verbindung gebracht werden. Menschen, die in der Umgebung von Erdgasförderstätten leben, klagen über Atemwegsprobleme und neurologische Störungen wie Vergesslichkeit und Konzentrationsschwächen, für die sie den Bohrbetrieb verantwortlich machen. 2007 explodierte in Ohio ein Haus, nachdem in dessen Umgebung nach Erdgas gefrackt worden war. Der Untersuchungsbericht einer staatlichen Kommission sieht im Fracking zwar nicht die Ursache für die Explosion, es habe den Unfall aber begünstigt.

In Deutschland mussten auf der Suche nach Erdgas schon aufwändige Maßnahmen ergriffen werden, um Umweltschäden zu vermeiden. Im niedersächsischen Söhlingen wurden 2500 m3 Erdreich ausgetauscht, nachdem im Jahr 2007 giftige und krebserregende Stoffe durch die Bohrleitung diffundiert waren.

Das beunruhigt auch die Menschen in Lünne. ExxonMobil-Mann Stahlhut beeilt sich deshalb zu betonen, dass die Giftstoffe nicht aus der eingepressten Fracking-Flüssigkeit, sondern aus dem Wasser in der Lagerstätte stammten: „Es gab keine direkte Verbindung zum Fracking-Verfahren“, versucht er zu beschwichtigen. Auch habe nie eine Gefahr für das Umfeld bestanden und die Ursache für den Zwischenfall – die Wahl eines falschen Materials für die Wand der Bohrleitung – sei einmalig gewesen und beseitigt worden.

Markus Rolink, der Sprecher der Lünner Interessengemeinschaft, lässt das nicht gelten. Er macht sich vor allem Sorgen um die Qualität des Trinkwassers, fürchtet, dass die Fracking-Chemikalien ins Grundwasser gelangen könnten. Deshalb fordert die Interessengemeinschaft, gemeinsam mit der Verwaltung des Dorfes in einer Resolution unter anderem eine Umweltverträglichkeitsprüfung. „Jeder mittlere Schweinestall muss eine solche Prüfung bringen, aber bei einem Fracking dürfen ungeprüft Tausende Chemikalien eingebracht werden“, empört sich Rolink.

Um das Vertrauen der Lünner Bürger und ihrer Verwaltung zu gewinnen, schlägt Stahlhut einen Runden Tisch vor, von Exxon finanziert und mit dem Ziel, sich auf Experten zu einigen, die die Situation in Lünne begutachten und die Gefahren der Exploration abschätzen sollen. „Wir werden das Fracking erst durchführen, wenn wir von dem Expertenkreis die Aussage haben, dass es hier kein inakzeptables Restrisiko gibt“, versichert der Presse-Mann.

Bis es so weit ist, wird in Lünne mit konventionellen Methoden versucht, die Kommunikation zwischen Exxon und den Anwohnern zu verbessern. Etwa zwei Dutzend Männer, Frauen und Kinder, wegen der Kälte in Mäntel, Schals, Mützen und Handschuhe gepackt, sind mit Schildern und Transparenten hinter der Schranke zum Bohrgelände aufmarschiert, um zu protestieren. Da kommt eine Frau mit rotem Overall und weißem Schutzhelm aus dem Container, geht auf die Bürger zu und bietet ihnen gefüllten Streuselkuchen an. PHILIPP HUMMEL

Ein Beitrag von:

  • Philipp Hummel

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