Stromnetze 22.08.2013, 14:59 Uhr

Smart-Meter-Erfolg braucht intelligent steuerbare Ökostromanlagen

Ohne die Ausrüstung aller Stromerzeugungsanlagen, die nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) gefördert werden, mit intelligenten Messsystemen ist die flächendeckende Einführung von Smart Metern in Deutschland volkswirtschaftlicher Unsinn. Zu diesem Ergebnis kommt die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young. Starker Tobak für Politiker und Betreiber.

Arbeiten an einer Windkraftanlage: Um die Anlagen bei Bedarf vom Stromnetz trennen zu können, wurden ältere Anlagen mit Steuerungstechnik nachgerüstet. 

Arbeiten an einer Windkraftanlage: Um die Anlagen bei Bedarf vom Stromnetz trennen zu können, wurden ältere Anlagen mit Steuerungstechnik nachgerüstet. 

Foto: Rainer Weisflog

Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young untersuchte im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums die Einführung von Smart Metern und setzte dabei die volkswirtschaftliche Brille auf. Der Ende Juli vorgelegte Endbericht „Kosten-Nutzen-Analyse für einen flächendeckenden Einsatz intelligenter Zähler“ enthält klare Forderungen, die nicht allen schmecken werden.

Ein Ausrollszenario von 25 % bis 2022 bedeutet den Austausch von 12 Mio. Stromzählern bei Stromverbrauchern. Es würden Kosten von 3,9 Mrd. € auflaufen und gleichzeitig der volkswirtschaftliche Nutzen mit 1,1 Mrd. € tief in den roten Zahlen hängen. Die Experten kommen nur dann zu zählbaren Effekten, wenn alle erneuerbaren Energien einbezogen würden und sich so der Kreis der Anschlusspflicht für Smart Meter erheblich ausweiten ließe.

Alle EEG-Anlagen mit Smart Metern ausrüsten

Daher schlägt Ernst & Young vor, alle EEG-Anlagen bis zu einer Leistung ab 250 W – der Nennleistung eines einzigen großen, modernen Solarmoduls – mit Smart Metern auszurüsten und maximal 5 % der Jahresenergiemenge durch ein aktives Einspeisemanagement pauschal regeln zu können, um die Lastspitzen zu kappen. Das ist bisher eine heilige Kuh, weil erneuerbare Energien einen Einspeisevorrang genießen.

Unterm Strich macht die Maßnahme aus Sicht der Wirtschaftsprüfer aber Sinn. Durch die Nachrüstung aller Ökostromerzeugungsanlagen mit intelligenter Mess- und Steuertechnik lassen sich die Ist-Einspeisung und der Status der Anlagen jederzeit in Echtzeit steuern und abrufen. Das aktive Einspeisemanagement würde die Netze entlasten und deren notwendigen Ausbau auf Verteilnetzebene erheblich minimieren.

Erste Referenzprojekte hätten zudem gezeigt, dass die ins Spiel gebrachte 5 %-Regel zur Spitzenlastreduzierung, die Netzkapazität um 100 % erhöhen würde und sich zugleich mehr EEG-Anlagen an die Netze anschließen ließen.

EEG sogar Hindernis auf dem Weg zu Smart Grids

In der Endrechnung kommt Ernst & Young einzig in dieser Konstellation auf einen positiven volkswirtschaftlichen Saldo – in Höhe von 1,6 Mrd. €. „In der Rechnung werden auch alte und kleine Anlagen einbezogen, weil sie in der Summe die gleiche Wirkung auf die Stromnetze haben wie große Erzeuger“, sagt Helmut Edelmann von Ernst & Young. Vorgaben zum rechtlichen Rahmen und den Technologien würden einen Massenmarkt öffnen und die Kosten für einen Smart Meter auf rund 90 € drücken. „Problematisch ist, dass gerade Fakten in eine andere Richtung geschaffen werden“, betont Edelmann.

Als größtes Hindernis auf dem Weg zu Smart Grids entpuppt sich ausgerechnet das EEG. Dessen Rechtsrahmen gibt in Hinsicht auf intelligente Zähler und digitale Anlagensteuerung nicht viel her und führt in der Praxis eher zurück ins steuerungstechnische Mittelalter.

Zwar hatte das Bundesumweltministerium schon 2009 ein Einspeisemanagement für grüne Stromerzeuger ins EEG geschrieben. Dessen §6 bezieht aber nicht alle Altanlagen ein und schreibt Betreibern nur unspezifisch den Einbau von „technischen Einrichtungen“ zur ferngesteuerten Reduzierung der Einspeiseleistung vor (s. VDI nachrichten, 10. 5. 13, Seite 1).

Günstige Rundsteuerempfänger

Prinzipiell müssen Netzbetreiber die Leistung im Falle von Überlastungen stufenweise abregeln können. Weil technische Vorgaben fehlen, greifen viele Stromnetzbetreiber dazu auf Rundsteuerempfänger zurück. Diese werden in einer Auslegungshilfe des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft und des Verbandes kommunaler Unternehmen empfohlen, weil sie günstig sind.

Ein Nachteil ist aber, dass sie nur unidirektional arbeiten und damit die tatsächliche Ist-Einspeisung und den Erfolg von Eingriffen nicht zurückmelden. Aktuell werden damit Tausende von Photovoltaikanlagen bis Ende 2013 umgerüstet, weil sonst die EEG-Vergütung entfallen würde (siehe Kasten). Moderne Fernwirktechnik, mit der sich die Ist-Einspeisung jederzeit abrufen und stufenlos regeln lässt, kommt aus Kostengründen bei Solarstromanlagen oft nur bei Anlagen ab 1 MW zum Zuge.

Ein Beispiel ist E.on Bayern mit seinen 220 000 Photovoltaikanlagen im Netzgebiet. 2012 wurden bereits 5000 Anlagen mit Rundsteuerempfängern ausgerüstet, aber nur 150 mit Fernwirktechnik. Die durchschnittlichen Umrüstkosten liegen bei 3000 €.

Bei der diesjährigen Umrüstwelle für Anlagen zwischen 30 kW und 100 kW hat E.on 18 000 Betreiber angeschrieben. Sie bekommen den Rundsteuerempfänger für 356 €/Stück, müssen sich aber selbst um die Installation kümmern. So lassen sich zwar die Anforderungen des EEG erfüllen, es macht aber die Stromnetze nicht intelligenter.

Diese Technik dürfte wieder auf dem Schrott landen, sobald intelligente Systeme verfügbar sind, das ist Experten bereits heute klar. „Wir sind in der Vergütungslogik des EEG gefangen und müssen die gesetzlichen Anforderungen an das Einspeisemanagement umsetzen. Sonst können beispielsweise Netzbetreiber ihre Kosten nicht wälzen“, sagt Marc Behnke, EEG-Referent bei dem ostdeutschen Strom- und Gasnetzbetreiber E.Dis AG.

Gesetz überlässt Netzbetreibern Anschlussbedingungen

Während einige Netzbetreiber gar kein Geld für Rundsteuerempfänger haben wollen, gehen die Preise in der Spitze bis auf 800 € hoch. So verlangt etwa der fränkische Stromnetzbetreiber Infra Fürth Gmbh 338 € für einen Rundsteuerempfänger. Aber bereits bei einer Anlagenleistung ab 100 kW verpflichtet der Netzbetreiber die Anlagenbetreiber zum Einbau von Fernwirktechnik. Dafür müssen diese einen Deckungsbeitrag von 1788 € bezahlen und für die Datenübermittlung noch einmal 240 € im Jahr.

Diese Unterschiede im Vorgehen zweier Stromnetzbetreiber – E.on Bayern und Infra Fürth – sind möglich, weil das Gesetz ihnen die Anschlussbedingungen überlässt. Und es gibt 864 Netzbetreiber in Deutschland. „So können die Systemlieferanten kein Komponentengeschäft machen“, moniert Stefan Galler von Skytron Energy, einem Spezialisten für Überwachungssysteme für Photo-
voltaikanlagen. „Sie müssen erst einmal nachfragen, um welchen Netzbetreiber es geht und welche speziellen technischen Anschlussbedingungen dieser an das Einspeisemanagement stellt. Das führt bei Betreibern zu hohen Kosten und dazu, dass die Anlagen zukünftige Anforderungen nicht erfüllen.“  

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