Erneuerbare Energien 16.07.2010, 19:47 Uhr

Biogas: Direkteinspeisung im Verbund senkt Kosten

Bei der Produktion von Biomethan sind die Niederlande ein Zwerg. 80 Biogasanlagen stehen bisher im Königreich, die Hälfte davon auf Deponien. Ein neues Konzept soll dem Biogas auf die Sprünge helfen. Über den Gastransport, wie über die Grenze nach Deutschland hinweg, wird nachgedacht.

„Da, wo es in den nordholländischen Regionen strategisch sinnvoll ist, planen wir mehrere Biogasanlagen aufzubauen und über eine Ringleitung miteinander zu verbinden. Gesammelt und aufbereitet wird das Gas dann zentral in einem Hub und direkt in die Hoch- und Mitteldruckleitungen eingespeist“, erklärt Patrick Cnubben vom nordholländischen Energienetzwerk Energy Valley.

Das Verfahren mache die teure Aufbereitung des Biogases auf Erdgasqualität wirtschaftlicher, so Cnubben. Grund dafür sei, dass nicht mehr jede Anlage einzeln an das Verteilnetz angeschlossen und mit teurer Gasreinigungtechnik fausgestattet werden müsse. Weil das Konzept nur auf die Biogaserzeugung und nicht darauf ausgelegt ist, Ökostrom durch die Verfeuerung von Biogas zu erzeugen, wären zudem keine teuren, wartungsintensiven Blockheizkraftwerke zur Gasverstromung mehr nötig.

Für die Umsetzung haben die Akteure zunächst zwei Standorte, kurz Hubs genannt, in Groningen und in Wijster auserkoren. Um die geplanten Produktionsmengen von je 6 Mio. m3 Biogas gewährleisten zu können, sollen diese Hubs gleichzeitig bis zu 60 000 t organischen Restmüll verwerten. An diese Kreislaufwirtschaft sollen sich interessierte Bauern mit ihren Anlagen andocken.

Organisches Material wäre im landwirtschaftlich geprägten Nordholland reichlich vorhanden. Cnubben sieht die Magie des „grünen Gases“ darin, durch große Mengen die Gesamtkosten zu senken. „Das reduziert die Abhängigkeit von fossilem Gas und erhöht die Versorgungssicherheit“, ist er sich sicher.

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An der Umsetzung sind der niederländische Entsorger Attero und Gasunie, Europas größter Gastransporteur, beteiligt. Attero soll die Hubs betreiben und Bauern die Veredelung ihres Methans verkaufen. Zumindest die Müllbeschaffung stellt kein Problem dar, weil Attero in kommunaler Hand ist und für Gemeinden die Entsorgung übernimmt. In Wijster betreibt Attero seit 20 Jahren eine der wenigen Biogasanlagen im Land.

Mobil machen will das „grüne Gold“ Vertogas, eine Tochter von Gasunie. Dafür wurde unter dem Label „Green Gas“ ein Zertifizierungssystem entwickelt, das die Nachhaltigkeitsvorgaben der Europäischen Union erfüllt: „Bei zertifizierten Anlagen wird geprüft, wo die Substrate herkommen, wie viel Methan erzeugt wird und was in die Netze geht. Wichtig ist, dass das Biogas durch die Veredlung eine Austauschqualität zu Erdgas haben muss“, berichtet Peter Breithaupt, Direktor von Vertogas. So soll sichergestellt werden, dass das Gas auch wirklich aufbereitet und eingespeist wird.

Das System erlaubt den physischen Handel mit Biomethan zwischen Bilanzkreisen. Für die Gasmengen, die in einem Bilanzgebiet eingespeist werden, wird automatisch ein Zertifikat eingestellt. Beim Verkauf in ein anderes Gebiet muss die entsprechende Menge Gas physisch von einem Regelkreis in den anderen wechseln.

Dieses Prinzip soll auch grenzüberschreitend funktionieren und in den nächsten Monaten zwischen den Niederlanden und Deutschland erprobt werden. „Dann bucht ein Händler am Grenzübergang wie bei einem Lkw Kapazität und Volumen, die dem gekauften Biogas entsprechen. Wenn es im deutschen Regelkreis ankommt, wird dort das Zertifikat eingestellt und in den Niederlanden gelöscht. So lässt sich eine Ware nicht zwei- oder dreimal verkaufen“, erklärt Breithaupt das Konzept.

Dieses System soll dem virtuellen Handel oder zweifelhaften Konvertierungsmodellen den Wind aus den Segeln nehmen. Derlei Praktiken haben bereits beim Ökostrom zu einer Schwemme von Öko-Zertifikaten geführt, bei denen teilweise die Vermarktung ohne den physischen Erwerb und die zeitgleiche Einspeisung von Strom stattfindet.

Der getrennte Handel von Zertifikaten einerseits und erzeugte Strommenge andererseits – etwa mit RECS-Zertifikaten (Renewable Energy Certificate System) – ermöglicht es auch, konventionell erzeugten Strom per Zertifikat ökologisch zu veredeln: „Ein ähnliche Entwicklung würde den ökonomischen Mehrwert von produziertem Biomethan zerstören“, fürchtet Breithaupt.

Allerdings hat dieses System in den Niederlanden seine Grenzen durch das nationale Anreizprogramm für erneuerbare Energien. Dies besteht aus einem gedeckelten Fördertopf für alle regenerativen Energieträger und wird jedes Jahr neu festgelegt. Während die Summe dieses Jahr 5,3 Mrd. € beträgt, weiß keiner, was 2011 im Topf sein wird. Das System funktioniert in etwa wie eine Tombola. Sind beispielsweise die Fördertöpfe durch bestehende Projekte ausgeschöpft, bleibt für neue Ideen und Investitionen nichts übrig.

Weil das System im Ergebnis keine verlässliche Grundlage für Investitionen bietet, führt es zur Stagnation. Derzeit sind die Niederländer mit einem Anteil erneuerbarer Quellen von 4 % an ihrer gesamten Energieproduktion weit von den eigenen und von den EU-Klimazielen entfernt. „Auf zu kleinen Budgets lässt sich kein Geschäft aufbauen. Wir brauchen eine Förderung ohne Limits“, stellt Cnubben von Energy Valley fest.

Im Biomethan ist genug Potenzial, um den Erdgasbedarf der Europäischen Union abzudecken, wenn die Transport- und Verteilnetze sowie Technik und Substrate konsequent genutzt würden. Ab 2020 könnten jährlich 243 Mrd. m3 Biomethan in der EU produziert und ins Erdgasnetz eingespeist werden. Zu diesem Ergebnis kam zumindest 2007 das Institut für Energetik und Umwelt (heute: Deutsches Biomasseforschungszentrum) in einer Studie im Auftrag der grünen Bundestagsfraktion.

Tatsächlich speisen zurzeit weltweit nur 100 Anlagen Biomethan ins Gasnetz ein. Hintergrund ist die teure Veredelung, die erst ab einer Anlagenleistung von 1,5 MW bis 2 MW interessant wird. In der BRD sind es 32 von rund 4800 Anlagen, also nicht einmal 1 %. Laut einer Anfang Juli vorgestellten Studie der Deutschen Energie Agentur, Dena, ist der Markt für Biomethan praktisch zum Erliegen gekommen (s. Kasten).

Ein Beitrag von:

  • Torsten Thomas

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