Erdgas 23.11.2012, 19:56 Uhr

BASF öffnet durch ein Tauschgeschäft den deutschen Gasgroßhandel für Gazprom

BASF sichert sich durch einen milliardenschweren Deal mit dem russischen Energieriesen Gazprom Zugriff auf Erdgasvorkommen in Sibirien. Der weltgrößte Chemiekonzern aus Ludwigshafen erhält Anteile an zwei Förderquellen, die beide Unternehmen gemeinsam ausbeuten werden.

Sibirien: BASF sichert sich Zugriff auf Erdgasvorkommen.

Sibirien: BASF sichert sich Zugriff auf Erdgasvorkommen.

Foto: BASF

Der deutsche Chemiekonzern BASF will sein Gashandels- und Speichergeschäft, das er gemeinsam mit dem Energiekonzern Gazprom betreibt, an den langjährigen russischen Partner abgeben. Im Gegenzug kann die BASF-Tochter Wintershall die Erdgasförderung in Russland weiter ausbauen.

Auf einen entsprechenden Tausch von Unternehmensteilen haben sich die Vorstandschefs Kurt Bock und Alexej Miller Mitte November geeinigt. Wenn die zuständigen Behörden, darunter die Europäische Kommission, zustimmen, soll die Transaktion zum Jahresende 2013 mit wirtschaftlicher Rückwirkung zum 1. April 2013 vollzogen werden.

Tauschgeschäft ebnet BASF den direkten Weg zu russischem Erdgas

Damit kommen beide Konzerne ihren strategischen Zielen näher, die sie seit dem Beginn ihrer Zusammenarbeit zu Anfang der 90er-Jahre verfolgen. Damals hatte sich BASF mit Gazprom verbündet, um sich einen möglichst direkten Weg zu russischem Erdgas zu erschließen. Diesen Rohstoff und Energieträger zu günstigen Preisen zu bekommen, ist für den deutschen Chemiekonzern im weltweiten Wettbewerb wichtig.

Umgekehrt ebnete der Chemiekonzern dem russischen Energieriesen den Weg zu deutschen Großkunden, indem er über seine Tochter Wintershall ein gemeinsames Erdgashandels- und Speichergeschäft in Deutschland und mehreren anderen europäischen Ländern aufbaute.

Gazprom will sich die lukrative Wertschöpfungskette beim Erdgasvertrieb auf europäischen Märkten erschließen. Mit der jetzt geschlossenen Vereinbarung macht der russische Konzern dabei einen weiteren Schritt: Er würde die Wintershall-Beteiligungen von 50 % an den bisher gemeinsam betriebenen Erdgas-Handelsgesellschaften Wingas – dem zweitgrößten Erdgashändler Deutschlands – und Wintershall Erdgashandelshaus Berlin (WIEH ) sowie Wintershall Erdgashandelshaus Zug (WIEE) erhalten. Sie schließen auch Anteile an mehreren Erdgasspeichern ein.

Damit wird Gazprom, der weltgrößte Erdgasproduzent, zu einem der wichtigsten Großhändler in Deutschland und stärkt seinen Einfluss in mehreren europäischen Ländern, in denen diese Handelsgesellschaften zudem aktiv sind.

Wintershall beginnt außerdem eine Zusammenarbeit mit dem russischen Konzern in der südlichen Nordsee, wo die Tochtergesellschaft Wintershall Noordzee in der Erdöl- und Erdgasförderung vor den Küsten von Großbritannien und Dänemark sowie der Niederlande tätig ist. Gazprom soll sich mit 50 % an dieser Gesellschaft beteiligen können.

Insgesamt trugen die Unternehmensteile, die BASF an den russischen Partner abgibt, im Jahr 2011 mit 8,6 Mrd. € zum Umsatz und mit 350 Mio. € zum Gewinn vor Steuern und Zinsen (Ebit) bei.

BASF-Tochter Wintershall kann durch Tauschgeschäft Erdgasförderung in Russland ausbauen

Die BASF-Tochter Wintershall wiederum kann durch den Anteilstausch ihre Erdgasförderung in Russland ausbauen. Das Unternehmen ist bereits an der Förderung aus der westsibirischen Lagerstätte Jushno Russkoje und aus einem ersten Block des tief liegenden Atschimow-Horizonts der Urengoi-Lagerstätte beteiligt.

Mit dem Anteilstausch soll Wintershall nun auch zwei weitere Blöcke der Atschimow-Formation mit erschließen können. Der Start der Förderung ist dort für das Jahr 2016 vorgesehen.

Dass BASF sich von seinem Gashandelsgeschäft trennt, hängt auch mit einem dramatischen Wandel des Gasmarktes zusammen. Die boomende Schiefergasförderung in den USA hat zu einem weltweiten Überangebot von Flüssigerdgas und zu einem Preisverfall im kurzfristigen Erdgas-Großhandel geführt. Bei langfristig vereinbarten Lieferungen, die im etablierten europäischen Gasimport traditionell eine Preisbindung an Erdölprodukte haben, stieg der Preis dagegen in ungeahnte Höhen.

Die etablierten Erdgasimporteure, die sich gegenüber ihren Lieferanten wie Gazprom, Statoil aus Norwegen oder Gasterra aus den Niederlanden in langfristigen Verträgen zur Abnahme großer und teurer Gasmengen verpflichtet hatten, gerieten so unter starken Konkurrenzdruck durch neue Anbieter.

Auch Wingas, WIEH und WIEE hatten mit Gazprom langfristige Lieferverträge geschlossen, die teilweise bis über das Jahr 2030 hinaus reichen. Zwar gelang es den gemeinsamen Töchtern von Wintershall und Gazprom im Vergleich zu anderen europäischen Erdgasimporteuren relativ gut, sich mit dem russischen Mutterkonzern über zeitweilige Anpassungen der Lieferpreise zu einigen, doch auf Dauer versprach das ein mühsames Geschäft zu werden, bei dem Gazprom wohl am längeren Hebel sitzen würde.

Kartellbehörden müssen Anteilstausch zwischen BASF und Gazprom noch prüfen

Hinzu kommt, dass die EU-Kommission derzeit in einem Kartellverfahren prüft, ob der russische Konzern gegenüber seinen Kunden in Mittel- und Osteuropa mit den Ölpreisbindungen „möglicherweise eine unlautere Preispolitik betrieben“ hat. Den damit verbundenen künftigen Komplikationen entgeht BASF mit dem Anteilstausch.

Wenn Gazprom zum alleinigen Gesellschafter der drei Gashändler wird, sind sie sicher nicht mehr an die Langfristverträge für russisches Erdgas gebunden. Damit können sie viel flexibler als bisher auf die Konkurrenz neuer Anbieter reagieren, die sich mit preiswertem Erdgas im kurzfristigen Großhandel eindecken. Für die Gaskunden kann diese Form von Wettbewerb zumindest zeitweise zu attraktiveren Angeboten führen.

Schwieriger wird damit allerdings die Situation für die anderen großen deutschen Erdgasimporteure wie E.on, Verbundnetz Gas und RWE. Sie müssen weiterhin jedes Jahr mit Gazprom neu darüber verhandeln, dass die alten Preisformeln ihrer Langfristverträge an die aktuelle Marktsituation angepasst werden. Doch diesen Umstand werden sicher auch die Kartellbehörden im Auge behalten, wenn sie den Anteilstausch von BASF und Gazprom prüfen und Auflagen im Interesse eines fairen Wettbewerbs verordnen.

  • Stefan Schroeter

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