Fast 800 Jahre übersehen: In dieser Kellerdecke steckt ein mittelalterliches Schiff
Mehr als 25 m² einer Kellerdecke bestehen aus mittelalterlichen Schiffsplanken. Forschende rekonstruieren den ungewöhnlichen Fund jetzt digital.
Bei der Untersuchung des Konstanzer Kellers wird die historische Deckenkonstruktion mit den wiederverwendeten Schiffsplanken dokumentiert. Digitale Aufnahmen helfen den Forschenden, den mittelalterlichen Schiffsrumpf zu vermessen und seine Konstruktion zu rekonstruieren.
Foto: Landesamt für Denkmalpflege (LAD)
Wer in einem mittelalterlichen Keller nach oben blickt, rechnet mit den Klassikern: morsche Balken, alte Bretter und die üblichen Spuren früherer Umbauten. Im Konstanzer Stadtteil Niederburg – genauer gesagt in der Konradigasse – lohnt sich der Blick an die Decke jedoch ganz besonders. Dort schlummern keine gewöhnlichen Bauhölzer, sondern der Teil eines echten mittelalterlichen Schiffsrumpfs.
Der Keller selbst geht auf das Jahr 1244 zurück. Bei der bauhistorischen Untersuchung war zunächst nur klar, dass für die Deckenkonstruktion gebrauchtes Altholz zweitverwertet wurde. Doch die Bauhistoriker schauten genauer hin: Erst charakteristische Holznägel, präzise Nagelreihen und der typische Schwung der Planken verrieten die maritime Herkunft.
Inhaltsverzeichnis
- Mehr als nur ein paar zufällig verbaute Fragmente
- Woran erkennt man in einer Kellerdecke ein Schiff?
- Vermutlich ein flachbodiges Lastsegelschiff
- Vier Reparaturen stecken noch in den Planken
- Sogar die Abdichtung ist noch vorhanden
- Warum wurde ein Schiff zur Kellerdecke?
- Der Keller stammt von 1244 – aber wie alt ist das Schiff?
- Hunderte Fotos erfassen den Rumpf dreidimensional
- Warum die Kellerdecke für Forschende günstiger ist als ein Wrack im See
- Was der Fund noch verraten könnte
Mehr als nur ein paar zufällig verbaute Fragmente
Wie das Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg (LAD) mitteilt, geht die Entdeckung weit über ein paar zufällig verbaute Schiffsfragmente hinaus. Wir haben es hier mit einem fast vollständig zusammenhängenden Rumpfabschnitt zu tun: Mindestens 19 Bohlen überspannen eine Fläche von mehr als 25 Quadratmetern.
„Zunächst war nur klar, dass die Bohlen wiederverwendet worden waren. Dass sie ursprünglich Teil eines Schiffes waren, war die Überraschung schlechthin“, sagt Dr. Aline Kottmann, Fachreferentin für Mittelalterarchäologie am LAD.
Für die Bauforschung ist dieser Befund ein absoluter Glücksfall. Da mehrere Planken noch genau so angeordnet sind wie zu ihren Zeiten auf dem Wasser, lassen sich nicht nur historische Fuge- und Abdichtungstechniken im Detail studieren, sondern auch alte Reparaturstellen eins zu eins nachvollziehen.
Woran erkennt man in einer Kellerdecke ein Schiff?
Die Wiederverwendung alter Hölzer in historischen Gebäuden ist zunächst nichts Außergewöhnliches. Beim Konstanzer Fund kommen jedoch mehrere eindeutige Merkmale zusammen.
Die Forschenden identifizierten typische Plankenformen, Holznägel und charakteristische Nagelreihen. Besonders aussagekräftig ist der noch vorhandene Verbund mehrerer Bohlen. Sie sind passgenau aufeinander zugeschnitten und liegen weiterhin in der Anordnung, die sie bereits im Schiffsrumpf hatten.
Genau das unterscheidet den Fund von einzelnen wiederverwendeten Schiffsbrettern. Statt isolierter Holzstücke können die Fachleute Beziehungen zwischen benachbarten Planken untersuchen – einschließlich Fugen, Verbindungselementen und Reparaturen.
Das LAD spricht deshalb von einem außergewöhnlichen Erhaltungszustand und misst dem Fund besondere Bedeutung für die Schiffsarchäologie des Bodenseeraums bei.
Vermutlich ein flachbodiges Lastsegelschiff
Erste Analysen deuten darauf hin, dass die Hölzer zu einem flachbodigen Lastsegelschiff gehörten. Als Vergleich nennt das Landesamt andere Funde aus dem Bodenseeraum, darunter das Wrack am Kippenhorn bei Immenstaad aus dem 14. Jahrhundert.
Die genaue Konstruktion des Konstanzer Schiffs ist noch nicht rekonstruiert. Besonders interessant ist der Übergang zwischen Boden- und Seitenplanken. Sollten in der Kellerdecke tatsächlich Teile der Seitenbeplankung erhalten sein, könnten sie neue Hinweise darauf liefern, wie dieser konstruktiv wichtige Bereich mittelalterlicher Bodenseeschiffe ausgeführt wurde.
Wie viel sich aus gut erhaltenen Wracks über historische Schiffskonstruktionen lernen lässt, zeigt auch ein anderer spektakulärer Fund: Im Öresund wurde mit der „Svælget 2“ die bislang größte bekannte mittelalterliche Kogge entdeckt. Das rund 28 m lange Schiff ermöglicht Forschenden unter anderem, Decks- und Aufbauten zu untersuchen, von denen bei anderen Wracks kaum etwas erhalten ist. 300 t Traglast, 600 Jahre alt: Größte Kogge der Welt im Öresund entdeckt

Vier Reparaturen stecken noch in den Planken
Der Konstanzer Fund zeigt nicht nur, wie das Schiff gebaut wurde. Mindestens vier Reparaturstellen sind bereits erkennbar.
Beschädigte Bereiche der Planken wurden ausgeschnitten und durch passgenau eingearbeitete Holzstücke ersetzt. Besonders auffällig ist eine schwalbenschwanzförmige Einlage. Für diese Reparaturform kennt das LAD bislang keine direkte Parallele aus dem mittelalterlichen Schiffbau am Bodensee.
Die Reparaturen stammen offenbar noch aus der Nutzungsphase des Schiffs. Damit erhalten die Forschenden nicht nur Informationen über die ursprüngliche Konstruktion, sondern auch darüber, wie beschädigte Holzrümpfe instand gesetzt wurden.
Gerade solche Spuren können viel über den praktischen Schiffsbau verraten. Ein idealisiertes Bauprinzip zeigt, wie ein Fahrzeug ursprünglich entstehen sollte. Reparaturen zeigen dagegen, mit welchen Problemen Schiffbauer und Besatzungen im Betrieb tatsächlich umgehen mussten.
Sogar die Abdichtung ist noch vorhanden
Zwischen einigen Planken blieb ein weiteres Material erhalten: Kalfatmasse. Sie diente dazu, die Fugen zwischen den Holzplanken abzudichten.
Dass davon heute noch Reste vorhanden sind, hängt mit dem ungewöhnlichen Einbauzustand zusammen. Benachbarte Planken wurden gemeinsam in die Kellerdecke übernommen. Dadurch blieben auch Teile der ursprünglichen Fugen erhalten. Das Material wurde inzwischen untersucht; Ergebnisse zur genauen Zusammensetzung hat das Landesamt bislang jedoch nicht veröffentlicht.
Welche Informationen historische Abdichtungsmaterialien liefern können, zeigt eine aktuelle Untersuchung eines rund 2.200 Jahre alten römischen Wracks. Dort konnten Forschende anhand von Harz, Wachs und sogar eingeschlossenen Pollen unterschiedliche Beschichtungs- und Reparaturphasen nachvollziehen. Pollen im Pech: So dichteten die Römer ihre Schiffe wirklich ab

Warum wurde ein Schiff zur Kellerdecke?
Dass ausgediente Schiffe im Mittelalter als Bauholz weiterverwendet wurden, ist bekannt. Der Konstanzer Befund ist trotzdem ungewöhnlich, weil hier nicht nur einzelne Hölzer in einem Gebäude auftauchten. Ein größerer Teil des Rumpfs blieb im Zusammenhang erhalten.
Wie das Schiff zerlegt und in die Kellerdecke eingebaut wurde, ist bislang nicht rekonstruiert. Auch der konkrete Grund für die Wiederverwendung lässt sich nicht belegen.
Fest steht jedoch: Die bereits bearbeiteten Hölzer bekamen nach ihrer Nutzung im Schiff eine zweite Funktion als Baumaterial. Das LAD sieht darin auch einen Beleg für die Rohstoffverwertung im mittelalterlichen Hausbau.
Der Keller stammt von 1244 – aber wie alt ist das Schiff?
Eine der wichtigsten offenen Fragen betrifft das Alter der Hölzer. Der Keller wird auf das Jahr 1244 datiert. Das ist jedoch nicht automatisch das Baujahr des Schiffs. Um dessen Alter besser einzugrenzen, hat das Team Holzproben für eine dendrochronologische Untersuchung entnommen.
Bei der Dendrochronologie werden die Jahrringmuster der Hölzer mit bekannten Referenzkurven verglichen. Im günstigen Fall lässt sich dadurch der Fällzeitpunkt der verwendeten Bäume sehr genau bestimmen.
Das Ergebnis liefert allerdings zunächst das Alter des Holzes – nicht automatisch das exakte Baujahr des Schiffs. Auch wie lange das Fahrzeug genutzt wurde, bevor Teile davon im Hausbau landeten, lässt sich daraus allein nicht ablesen.
Das LAD will die Ergebnisse der laufenden Analysen nach ihrer Auswertung veröffentlichen. Die derzeit vorliegenden Erkenntnisse bezeichnet die Behörde ausdrücklich als vorläufig.
Hunderte Fotos erfassen den Rumpf dreidimensional
Um den ungewöhnlichen Befund möglichst vollständig zu dokumentieren, wurde die Kellerdecke Mitte August 2026 erneut aufgenommen. Zum Einsatz kam Structure-from-Motion-Photogrammetrie, kurz SfM.
Dabei fotografierten die Fachleute die Hölzer aus zahlreichen Blickwinkeln. Hunderte Einzelaufnahmen werden anschließend rechnerisch zu einer dreidimensionalen Darstellung zusammengeführt.
Damit lässt sich der Befund vermessen und dokumentieren, ohne die historische Decke auseinandernehmen zu müssen. Plankenformen, Verbindungen und Reparaturen können später am digitalen Modell untersucht und miteinander verglichen werden.
Ähnliche digitale Verfahren werden inzwischen häufig eingesetzt, wenn empfindliche historische Konstruktionen nicht zerlegt oder bewegt werden können. Bei der digitalen Rekonstruktion des antiken Leuchtturms von Alexandria beispielsweise werden ebenfalls dreidimensional erfasste Bauteile virtuell zusammengesetzt, um ursprüngliche Positionen und Bauabläufe zu untersuchen. Der Leuchtturm von Alexandria – Bauanleitung für ein Weltwunder

Warum die Kellerdecke für Forschende günstiger ist als ein Wrack im See
Der ungewöhnliche Einbauort hat einen erheblichen wissenschaftlichen Vorteil. Vom mittelalterlichen Schiffbau des Bodensees sind nur wenige Wracks bekannt. Unter Wasser können sie nur mit erheblichem technischem Aufwand dokumentiert, vermessen und beprobt werden.
Die Hölzer in der Konradigasse befinden sich dagegen in einer wesentlich besser zugänglichen Umgebung. Das LAD bezeichnet die Bedingungen deshalb als besonders günstig für weitere Analysen.
Hinzu kommt der zusammenhängende Erhaltungszustand. Planken, Reparaturen, Fugen und Kalfatmasse lassen sich am selben Befund untersuchen. Dadurch entsteht ein wesentlich vollständigeres Bild, als es einzelne wiederverwendete Hölzer liefern könnten.
Dass das Landesamt den Fund schnell schiffsarchäologisch einordnen konnte, hat noch einen weiteren Hintergrund: Im Forschungsprojekt „Wracks und Tiefsee“ sucht und untersucht das LAD derzeit Schiffswracks im Bodensee. Die dabei aufgebaute Expertise kommt nun auch dem ungewöhnlichen Kellerfund zugute.
Was der Fund noch verraten könnte
Mehrere zentrale Fragen sind weiterhin offen. Die laufenden Untersuchungen sollen unter anderem klären, wie alt die verwendeten Hölzer sind und welche weiteren Teile des ursprünglichen Rumpfs erhalten blieben.
Besonders relevant sind dabei:
- die Konstruktion des Übergangs zwischen Boden- und Seitenplanken,
- die genaue Ausführung der Holzverbindungen,
- die Reparaturtechnik der eingesetzten Holzstücke,
- die Zusammensetzung der Kalfatmasse,
- das Alter der verwendeten Hölzer.
Der Fund könnte damit neue Details zur Bau- und Reparaturtechnik mittelalterlicher Lastschiffe am Bodensee erschließen.
Quellen
-
Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg:
Mittelalterliches Schiff in einer Konstanzer Kellerdecke
– Primärquelle zu Fund, 19 Bohlen, 25 m² Fläche, Reparaturen, Kalfatmasse, SfM-Dokumentation und Dendrochronologie. -
ingenieur.de:
Pollen im Pech: So dichteten die Römer ihre Schiffe wirklich ab
– Hintergrund zu historischen Abdichtungsmaterialien und Reparaturspuren an Schiffsrümpfen. -
ingenieur.de:
300 t Traglast, 600 Jahre alt: Größte Kogge der Welt im Öresund entdeckt
– Vergleichsfund zum mittelalterlichen Schiffbau und zur Rekonstruktion gut erhaltener Wracks.
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