Haus aus dem 3D-Drucker für 20.500 €: Warum ist Bauen bei uns so viel teurer?
Ein 3D-Druck-Haus in Kasachstan soll starken Erdbeben standhalten und nur 20.500 Euro kosten. Warum der Vergleich mit Deutschland hinkt.
In nur 5 Tagen wurde dieses Haus in Kasachstan gedruckt. Es soll starken Erdbeben widerstehen können.
Foto: COBOD
In Almaty steht seit 2024 das erste 3D-gedruckte Haus Zentralasiens. Gebaut wurde es vom kasachischen Unternehmen BM Partners mit einem BOD2-Drucker des dänischen Herstellers COBOD. Das eingeschossige Gebäude bietet rund 100 m² Fläche und dient heute als Ausstellungsgebäude.
Für Schlagzeilen sorgten vor allem zwei Angaben: Die Wände entstanden innerhalb von fünf Tagen, und das komplette Gebäude soll nach Angaben eines COBOD-Vertreters umgerechnet nur rund 20.500 € gekostet haben. Hinzu kommt die Lage: Almaty befindet sich in einer Region mit hoher Erdbebengefahr. COBOD gibt an, das Haus sei entsprechend den örtlichen Vorschriften errichtet worden und solle einem Erdbeben der Magnitude 7 standhalten.
Inhaltsverzeichnis
- In fünf Tagen standen nur die Wände
- Was bedeutet „Erdbeben der Magnitude 7“ überhaupt?
- Beton mit knapp 60 MPa Druckfestigkeit
- Japan geht bei der Erdbebensicherheit einen Schritt weiter
- Hat das Haus in Almaty tatsächlich nur 20.500 € gekostet?
- Warum kostete das deutsche 3D-Druck-Haus 450.000 €?
- Sind vor allem die deutschen Löhne schuld?
- Wird der 3D-Druck in Deutschland inzwischen günstiger?
In fünf Tagen standen nur die Wände
Ein komplettes Haus in fünf Tagen entstand allerdings nicht. In dieser Zeit druckte der BOD2 die Wände. Danach folgten weitere Arbeiten: Fenster und Türen mussten eingebaut, die technische Gebäudeausrüstung installiert und die Innenräume fertiggestellt werden.
Vom Aufbau des Druckers bis zum möblierten Gebäude vergingen insgesamt knapp zwei Monate. Zwei zusätzliche Tage benötigte das Team allein für einen umlaufenden Stahlbetongurt, der Teil der Maßnahmen für die Erdbebensicherheit ist.
Damit zeigt das Projekt zugleich eine wichtige Grenze des Begriffs „3D-gedrucktes Haus“. Der Drucker übernimmt einen wesentlichen Teil des Rohbaus, aber nicht automatisch Fundament, Decken, Dach, Fenster, Haustechnik und Innenausbau.
Auch bei anderen aktuellen Projekten funktioniert der Gebäudedruck nach diesem Prinzip. Beim größten 3D-gedruckten Mehrfamilienhaus Europas in Bezannes entstanden beispielsweise die tragenden Außen- und Innenwände mit dem Drucker. Decken und Ausbau wurden weiterhin konventionell ausgeführt. Wie Europas größtes 3D-gedrucktes Mehrfamilienhaus entstand
Was bedeutet „Erdbeben der Magnitude 7“ überhaupt?
Die Angabe zur Erdbebensicherheit muss ebenfalls eingeordnet werden. COBOD schreibt, das Gebäude sei dafür konstruiert worden, einem Erdbeben der Stärke 7 standzuhalten. In den veröffentlichten Projektinformationen wird jedoch kein experimenteller Erdbebentest des fertigen Hauses genannt.
Hinzu kommt: Die Magnitude allein beschreibt nicht, wie stark ein bestimmtes Gebäude erschüttert wird. Sie gibt vereinfacht gesagt die Stärke eines Erdbebens an seiner Quelle an. Für die Belastung eines Hauses spielen unter anderem Entfernung und Tiefe des Bebens, der Untergrund sowie die tatsächlich am Standort auftretenden Bodenbewegungen eine Rolle.
Für die Konstruktion ist deshalb nicht einfach die Zahl „7“ maßgeblich. Entscheidend sind die seismischen Anforderungen, die für den jeweiligen Standort gelten. COBOD erklärt, dass das Gebäude nach den örtlichen Vorschriften errichtet wurde. Welche konkreten Bemessungswerte dabei angesetzt wurden, veröffentlicht der Hersteller jedoch nicht.
Beton mit knapp 60 MPa Druckfestigkeit
Für die gedruckten Wände verwendete BM Partners eine besonders feste Betonmischung. COBOD nennt eine Druckfestigkeit von knapp 60 MPa. Der Baustoff besteht aus lokal verfügbarem Zement, Sand und Kies sowie dem Zusatzmittel D.fab, das COBOD gemeinsam mit Cemex entwickelt hat.
Eine hohe Druckfestigkeit macht ein Gebäude allerdings nicht automatisch erdbebensicher. Bei horizontalen und wechselnden Belastungen sind unter anderem das gesamte Tragwerkskonzept, die Bewehrung und die Verbindungen zwischen den Bauteilen wichtig.
Beim 3D-Druck kommt die schichtweise Herstellung hinzu. Zwischen den einzelnen Betonlagen entstehen Grenzflächen, deren Verhalten unter dynamischer Belastung weiterhin untersucht wird.
Wie sich solche Konstruktionen bei Erdbeben verhalten, testeten Forschende der University of Bristol 2025 auf einem großen Rütteltisch. Sie setzten eine nahezu maßstäbliche 3D-gedruckte Betonstruktur künstlich erzeugten Erdbebenbewegungen aus. Die Versuche sollen helfen, belastbare Bemessungsregeln für gedruckte Bauwerke zu entwickeln. ingenieur.de hat den Erdbebentest ausführlich vorgestellt
Japan geht bei der Erdbebensicherheit einen Schritt weiter
Inzwischen gibt es auch ein Projekt, das den Weg durch ein besonders anspruchsvolles Genehmigungssystem geschafft hat. Im japanischen Kurihara wurde im November 2025 ein zweigeschossiges Wohnhaus fertiggestellt, bei dem 3D-gedruckter Stahlbeton als tragende Konstruktion eingesetzt wird.
Das knapp 50 m² große Gebäude erhielt nach Angaben der Projektgesellschaft Kizuki sowohl die Baugenehmigung als auch die abschließende Bauabnahme. COBOD erklärte im Februar 2026, das Gebäude erfülle die japanischen Anforderungen an die Erdbebenbemessung.
Das ist nicht dasselbe wie ein Rütteltischversuch. Anders als beim Haus in Almaty liegt hier jedoch ein behördliches Genehmigungsverfahren nach nationalen Bauvorschriften zugrunde.
Hat das Haus in Almaty tatsächlich nur 20.500 € gekostet?
Mindestens ebenso erklärungsbedürftig ist der Preis. New Atlas nennt rund 20.500 € beziehungsweise damals etwa 21.800 $. Die Zahl stammt laut dem Technikportal von einem COBOD-Vertreter. Eine detaillierte Abrechnung wurde nicht veröffentlicht.
Damit bleibt offen, welche Kosten in den 20.500 € tatsächlich enthalten sind. Wurden Grundstück und Erschließung berücksichtigt? Was ist mit Planung und Genehmigung? Sind Drucker, Transport und Baustelleneinrichtung vollständig eingerechnet? Wie wurden die Kosten für Fundament, technische Gebäudeausrüstung und Ausbau angesetzt?
Darauf geben die veröffentlichten Angaben keine Antwort. Die 20.500 € sind deshalb eine Projektangabe aus dem Umfeld des Druckerherstellers und keine unabhängig geprüfte Baukostenabrechnung. Daraus lässt sich kein allgemeiner Quadratmeterpreis für 3D-gedruckte Häuser ableiten.
Warum kostete das deutsche 3D-Druck-Haus 450.000 €?
Besonders deutlich wird das Problem beim Vergleich mit dem ersten 3D-gedruckten Wohnhaus Deutschlands in Beckum. Für dieses Gebäude werden Kosten von rund 450.000 € einschließlich gehobener Ausstattung und Smart-Home-Technik genannt.
Auf den ersten Blick kostet das deutsche Haus damit mehr als das Zwanzigfache des Gebäudes in Almaty. Daraus lässt sich jedoch nicht schließen, dass Bauen in Deutschland schlicht zwanzigmal so teuer wäre.
Schon die Gebäude sind verschieden. Das Haus in Beckum besitzt rund 160 m² Wohnfläche auf zwei Etagen. Seine mehrschaligen Wände wurden teilweise mit Dämmstoff und teilweise mit Ortbeton verfüllt. Heidelberg Materials entwickelte einen speziellen Druckmörtel, das Tragwerk und das Material wurden fachlich begleitet.
Vor allem aber war Beckum ein Pilotprojekt. Es handelte sich um das erste genehmigte Wohnhaus dieser Bauart in Deutschland. Das Architekturbüro Mense-Korte spricht selbst von besonderen planerischen Anforderungen und zusätzlichen Herausforderungen im Genehmigungsverfahren. Das Land Nordrhein-Westfalen förderte das Vorhaben als innovatives Bauprojekt.
Die 450.000 € sind damit genauso wenig ein allgemeiner deutscher 3D-Druck-Hauspreis wie die 20.500 € ein allgemeiner Preis für Kasachstan sind.
Sind vor allem die deutschen Löhne schuld?
Höhere Lohnkosten spielen eine Rolle – sie erklären den enormen Unterschied aber nicht annähernd allein. Ausgerechnet beim Drucken der Wände kann die Technik den Personalbedarf stark reduzieren. Bei einem aktuellen 3D-Druck-Projekt in Heidelberg führt PERI die Druckarbeiten beispielsweise mit einem Team von zwei bis drei Personen aus. Nach Unternehmensangaben entsteht dabei etwa ein Quadratmeter Wand in fünf Minuten.
Das bedeutet jedoch nicht, dass zwei oder drei Menschen ein komplettes Haus bauen. Erdarbeiten, Fundament, Decken, Dach, Fenster, Elektroinstallation, Sanitär, Heizung und Innenausbau bleiben weitgehend klassische Bauleistungen. Dort fallen weiterhin Material-, Lohn- und Planungskosten an.
Hinzu kommen deutsche Anforderungen etwa an Statik, Wärme-, Schall- und Brandschutz sowie technische Gebäudeausrüstung. Bei Pilotprojekten können darüber hinaus Zulassungen, Materialprüfungen und zusätzliche Ingenieurleistungen ins Gewicht fallen.
Wie wichtig diese Faktoren sind, zeigt das Projekt ViliaSprint² im französischen Bezannes. Dort entstand direkt neben dem gedruckten Mehrfamilienhaus ein weitgehend vergleichbares Gebäude in konventioneller Bauweise. Der 3D-Druck benötigte weniger Material und verkürzte die Rohbauarbeiten erheblich. Trotzdem lagen die Kosten des gedruckten Pilotprojekts rund 30 % höher. Als Gründe nannten die Projektbeteiligten unter anderem Entwicklungsaufwand, Zulassungen und die noch fehlende Skalierung. Zum direkten Vergleich zwischen 3D-Druck und konventioneller Bauweise
Wird der 3D-Druck in Deutschland inzwischen günstiger?
Genau daran arbeitet die Branche. In Heidelberg entstanden 2025 und 2026 drei Mehrfamilienhäuser nach einem standardisierten Konzept namens DREIHAUS. Grundriss und Bauablauf wurden von Anfang an für den 3D-Druck entwickelt.
PERI hatte dafür ein ehrgeiziges Ziel ausgegeben: Die Gebäude sollten gegenüber konventioneller Bauweise 30 % schneller und 10 % günstiger fertig werden. Bemerkenswert ist allerdings ein Zusatz in der ursprünglichen Projektmeldung: Diese Werte sollten erst mit dem konkreten Bauvorhaben praktisch belegt und die Zahlen anschließend veröffentlicht werden.
Die Gebäude sind inzwischen als Serviced Apartments in Betrieb. Öffentlich zugängliche abschließende Vergleichszahlen, mit denen sich die angekündigte Kostenersparnis nachvollziehen lässt, sind bislang jedoch nicht zu finden.
Mehr zum seriellen 3D-Gebäudedruck in Heidelberg bei ingenieur.de
Der Unterschied zwischen Almaty und Beckum lässt sich deshalb nicht auf einen Faktor wie die Lohnkosten reduzieren. Die beiden Preisangaben beziehen sich auf unterschiedlich große Gebäude, unterschiedliche Standards und unterschiedliche Projektbedingungen – und bei den 20.500 € ist nicht einmal veröffentlicht, welche Kostenpositionen vollständig enthalten sind.
Quellen
-
COBOD, 03.06.2024:
Projektangaben zum 3D-Druck-Haus in Almaty, Bauzeit, Konstruktion, Druckbeton und Erdbebenschutz. -
New Atlas, 07.06.2024:
Kostenangabe von rund 20.500 Euro sowie Angaben zur Nutzung des Gebäudes als Showroom. -
Heidelberg Materials, 29.09.2020 und
18.05.2021:
Technische Angaben zum ersten 3D-gedruckten Wohnhaus in Beckum, Wandaufbau, Material und Bauweise. -
Schwäbisch Hall:
Angaben zu den Baukosten des 3D-Druck-Hauses in Beckum von rund 450.000 Euro einschließlich gehobener Ausstattung und Smart-Home-Technik. -
PERI, 16.10.2025:
Angaben zum DREIHAUS-Projekt in Heidelberg, Druckzeiten sowie zu den angestrebten Einsparungen bei Bauzeit und Kosten. -
Kizuki / ONOCOM, 20.11.2025 und
COBOD, 11.02.2026:
Angaben zum zweigeschossigen 3D-Druck-Haus in Japan, zum Genehmigungsverfahren und zu den seismischen Anforderungen.
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