Beton-Alternative aus dem Drucker 23.06.2026, 12:00 Uhr

Geheimzutat aus der Eisdiele verwandelt Bauaushub vor Ort in Baustoff

Forschende zeigen erstmals, wie sich Baustellenaushub mithilfe eines biobasierten Additivs in einen leistungsfähigen 3D-Druck-Baustoff verwandeln lässt.

Erdmaterial wird im 3D-Druck verarbeitet

Erdmaterial wird im 3D-Druck verarbeitet. Forschende aus Colorado konnten mit Hilfe von Natriumalginat die Druckgeschwindigkeit erhöhen und die Stabilität der gedruckten Strukturen verbessern.

Foto: WASP

Auf Baustellen fallen jedes Jahr Millionen Tonnen Erdmaterial an. Ein Großteil davon wird aufwendig abgefahren, zwischengelagert oder auf Deponien entsorgt. Forschende der University of Colorado Boulder sehen darin jedoch keinen Abfall, sondern einen ungenutzten Rohstoff. In einer neuen Studie zeigen sie, wie sich natürliche Erdmaterialien mithilfe eines Zusatzstoffs, der auch in Speiseeis vorkommt, für den 3D-Druck optimieren lassen.

Die Ergebnisse könnten langfristig dazu beitragen, Bauaushub direkt vor Ort weiterzuverarbeiten und den Bedarf an energieintensiven Baustoffen drastisch zu reduzieren. Noch handelt es sich um Grundlagenforschung – doch die Studie liefert hochinteressante Ansätze für nachhaltige Bauverfahren.

Warum Erde als Baustoff boomt

Erde zählt zu den ältesten Baustoffen der Menschheit. Schon lange bevor Beton und Stahl den modernen Hochbau prägten, entstanden Häuser aus Lehm und natürlichen Erdmaterialien. In Zeiten steigender Anforderungen an den Klimaschutz wächst das Interesse an diesen traditionellen Materialien wieder massiv.

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Hier einige Vorteile:

  • Überall verfügbar: Erde muss nicht weit transportiert werden.
  • Emissionsarm: Sie benötigt kaum energieintensive Verarbeitungsschritte und verursacht deutlich weniger CO2​ als konventioneller Zement.
  • Exzellentes Raumklima: Erdbaustoffe nehmen Feuchtigkeit auf, geben sie wieder ab und regulieren die Temperatur.

Die Krux: Die industrielle Verarbeitung und die Integration in moderne, automatisierte Bauprozesse galten bislang als extrem schwierig.

Die Herausforderung: Welche Kriterien muss 3D-Druck-Erde erfüllen?

Wer mit Erde im 3D-Druckverfahren arbeiten möchte, muss einen physikalischen Spagat bewältigen. Das Material muss flüssig genug sein, um sich leicht durch die Druckdüse fördern zu lassen. Gleichzeitig muss es nach dem Austritt sofort stabil stehen, um das Gewicht der nachfolgenden Schichten zu tragen.

Ist die Mischung zu flüssig, kollabiert die Struktur. Ist sie zu fest, verstopft die Düse. Das Team um Wil Srubar suchte daher nach Wegen, die rheologischen Eigenschaften natürlicher Erden gezielt zu manipulieren.

Die Natur dient als Vorbild

Die Idee entstand bei einem Blick in die Natur. Termiten errichten meterhohe Hügel. Wespen bauen komplexe Nester. Wabenwürmer formen entlang von Küsten stabile riffartige Strukturen. All diese Organismen schaffen beeindruckende Bauwerke aus natürlichen Materialien.

„Von Termitenhügeln bis hin zu Lehmziegelgebäuden – Menschen und Tiere bauen seit Anbeginn der Zeit mit Erde“, sagt Studienleiter Wil Srubar.

Die Forschenden vermuteten, dass biologische Moleküle dabei eine wichtige Rolle spielen. Viele Tiere nutzen sogenannte Biopolymere, die wie natürliche Bindemittel wirken und einzelne Partikel zusammenhalten.

Fünf natürliche Zusatzstoffe im Vergleich

Das Team untersuchte deshalb fünf verschiedene Biopolymere:

  • Guarkernmehl
  • Johannisbrotkernmehl
  • Kassia-Gummi
  • Xanthan
  • Natriumalginat

Mehrere dieser Stoffe sind aus der Lebensmittelindustrie bekannt. Sie dienen dort als Verdickungs- oder Stabilisierungsmittel und sorgen beispielsweise dafür, dass sich Öl und Wasser nicht voneinander trennen.

Die Forschenden mischten die Biopolymere mit Ton- und Sandmaterialien und untersuchten anschließend deren Verhalten beim 3D-Druck. Dabei zeigte sich, dass die verschiedenen Stoffe sehr unterschiedliche Wirkungen entfalten.

Johannisbrotkernmehl erhöhte die Festigkeit des Materials deutlich. Gleichzeitig erschwerte es jedoch den Druckprozess, weil die Mischung zäher wurde und sich schlechter durch die Düse fördern ließ. Am überzeugendsten schnitt schließlich Natriumalginat ab.

Warum hilft ausgerechnet ein Eiscreme-Zusatz?

Natriumalginat wird aus Braunalgen gewonnen und ist in der Lebensmittelindustrie als Zusatzstoff E401 bekannt – man findet es in Speiseeis oder den Fruchtkugeln von Bubble Tea.

Im Boden wirkt das Alginat überraschenderweise nicht wie ein klassischer Klebstoff. Stattdessen beeinflusst es die elektrischen Ladungen der Tonpartikel. Die Teilchen stoßen sich dadurch stärker gegenseitig ab. Das verhindert Verklumpungen und sorgt für eine homogene Verteilung. Das Material lässt sich extrem leicht pumpen, behält aber nach dem Druck sofort seine Formstabilität.

Auf der London Craft Week wurden 3D-gedruckte Objekte aus Erdfasern von Lola Ben-Alon und dem Natural Materials Lab ausgestellt. Foto: Dan Weill

Enorme Wirkung bei minimaler Dosierung

Für die Versuche nutzten die Forschenden Erdmaterial aus einem Granitsteinbruch in Colorado. Der Clou: Der Mischung wurden lediglich 0,12 % Natriumalginat zugesetzt. Die Effekte waren dennoch massiv:

  • Druckgeschwindigkeit: Steigerung um rund 33 %.
  • Druckfestigkeit: Erhöhung um etwa 25 %.

Selbst komplexe Geometrien sind damit möglich. Das Team druckte eine nur acht Millimeter dicke Wand, die sich in einem Winkel von bis zu 60 Grad nach außen neigte – und stabil blieb. Zum Vergleich: Der Schiefe Turm von Pisa neigt sich um knapp vier Grad.

Kann Baustellenaushub künftig direkt genutzt werden?

Der eigentliche Hebel dieser Forschung liegt in der Logistik und der Kreislaufwirtschaft. Wenn Sie bedenken, wie viele Millionen Tonnen Aushub bei Fundamenten oder Tiefgaragen anfallen, liegt hier ein gigantisches Potenzial.

Allerdings – und hier müssen wir realistisch bleiben – eignet sich nicht jeder Bodenaushub ohne Weiteres. Wenn Sie dieses Verfahren in der Praxis einsetzen wollen, müssen Sie folgende Faktoren vorab analysieren:

  • Korngrößenverteilung und Tonanteil
  • Feuchtigkeit und organische Bestandteile
  • Eventuelle Schadstoffbelastungen

Das Ziel der Forschenden ist es daher, ein universelles System zu entwickeln, mit dem sich der Aushub direkt vor Ort analysieren, mit dem Biopolymer konditionieren und sofort verdrucken lässt. Da Sand und Ton weltweit verfügbar sind, wäre das Verfahren global skalierbar.

Fazit: Bis zur Marktreife ist es noch ein weiter Weg

Die Ergebnisse der Studie sind ein Meilenstein für die Baustoffforschung, doch für den echten Baustelleneinsatz müssen noch dicke Bretter gebohrt werden. Bis das Material die Zulassung für den Hochbau erhält, müssen die Wissenschaftler vor allem folgende bauphysikalische Fragen klären:

  • Langzeitbeständigkeit und Erosionswiderstand bei Frost und Schlagregen.
  • Trocknungsschwund (Vermeidung von Rissbildung).
  • Brandschutz und die Tragfähigkeit echter, großformatiger Strukturen.

Zudem braucht es für die Praxis automatisierte Prüfverfahren, da sich natürliche Böden selbst auf einer einzigen Baustelle stark unterscheiden können. Wir werden die Entwicklung für Sie im Auge behalten.

Ein Beitrag von:

  • Dominik Hochwarth

    Redakteur beim VDI Verlag. Nach dem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Online-Redakteur, es folgten ein Volontariat und jeweils 10 Jahre als Webtexter für eine Internetagentur und einen Onlineshop. Seit September 2022 schreibt er für ingenieur.de.

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