The Line: Scheitert Saudi-Arabiens Spiegelstadt an der Realität?
Die Vision war spektakulär: eine 170 km lange Stadt ohne Autos. Doch technische Hürden, Milliardenkosten und neue Prioritäten bremsen The Line aus.
170 Kilometer lang, 200 Meter breit und 500 Meter hoch sollte „The Line“ ursprünglich werden, nach außen komplett verspiegelt. Mittlerweile steht das Projekt vor dem Aus.
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170 km lang, 500 m hoch und nur 200 m breit. Als Saudi-Arabien 2021 die Pläne für „The Line“ vorstellte, wirkte das Projekt wie ein Blick in die Zukunft des Städtebaus. Zwei gigantische, verspiegelte Baukörper sollten sich quer durch die Wüste ziehen. Dazwischen eine vertikale Stadt für Millionen Menschen – ohne Autos, ohne klassische Straßen und vollständig mit erneuerbaren Energien betrieben.
Auf den ersten Blick erschien die Vision faszinierend. Für Ingenieurinnen und Ingenieure war sie jedoch von Beginn an weit mehr als ein spektakuläres Architekturprojekt. „The Line“ sollte ein Extremversuch im Hochbau, in der Infrastrukturplanung und in der Baustellenlogistik werden.
Fünf Jahre später mehren sich die Hinweise darauf, dass die Realität die ursprünglichen Pläne eingeholt hat. Medienberichte sprechen von einer deutlichen Verschiebung des Projekts über das Jahr 2030 hinaus. Gleichzeitig wurde im Mai 2026 ein wichtiger Vertrag für eine Hochgeschwindigkeitsstrecke in der Region Neom gekündigt. Damit gerät ausgerechnet jene Infrastruktur unter Druck, die für das Funktionieren der linearen Stadt unverzichtbar gewesen wäre.
Inhaltsverzeichnis
- Die radikale Vision hinter The Line
- Drei Ebenen statt klassischer Stadt
- Die unsichtbare Megamaschine unter der Stadt
- Wind, Schwingungen und ein künstliches Gebirge
- Windkanal in der Wüste?
- Brandschutz und Evakuierung
- 170 km Fundament
- Eine Baustelle von historischem Ausmaß
- Der Materialbedarf sprengt bekannte Dimensionen
- Saudi-Arabien verschiebt die Prioritäten
- Neom lebt weiter
- Was bleibt von der Spiegelstadt?
- Ein Lehrstück für die Ingenieurwelt
Die radikale Vision hinter The Line
„The Line“ bildet das bekannteste Teilprojekt der saudischen Zukunftsregion Neom. Diese wiederum ist Teil der „Vision 2030“, mit der das Königreich seine Wirtschaft unabhängiger vom Erdöl machen will.
Die Grundidee war ebenso einfach wie radikal. Statt Städte immer weiter in die Fläche wachsen zu lassen, sollten Millionen Menschen auf engstem Raum leben. Zwei parallel verlaufende Gebäudestrukturen sollten sich über eine Strecke von 170 km durch die Landschaft ziehen. Die Höhe war mit 500 m geplant, die Breite mit lediglich 200 m.
Zwischen diesen Baukörpern sollte ein klimatisierter Stadtraum entstehen. Wohnungen, Büros, Schulen, Krankenhäuser, Parks und Freizeitflächen wären nicht nebeneinander, sondern übereinander angeordnet worden.
The Line in Zahlen
• Länge: 170 km
• Höhe: 500 m
• Breite: 200 m
• Geplante Bevölkerung: bis zu 9 Mio. Menschen
• Projektvorstellung: 2021
• Bestandteil von: Neom / Vision 2030
• Geplante Reisezeit Ende zu Ende: 20 Minuten
• Standort: Nordwesten Saudi-Arabiens am Roten Meer
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Bautechnisch handelte es sich dabei nicht um ein einzelnes Mega-Hochhaus. Vielmehr war eine Kette zahlreicher miteinander verbundener Hochhausmodule vorgesehen. Jedes Modul hätte eigene Tragwerke, Aufzugskerne, Versorgungsschächte, Brandschutzsysteme und technische Ebenen benötigt.
Die eigentliche Herausforderung lag daher nicht allein in der Höhe. Entscheidend war die Kombination aus Höhe, Länge und der komplexen Vernetzung tausender technischer Systeme.
Drei Ebenen statt klassischer Stadt
Die Planer sahen eine klare Trennung der Funktionen vor. An der Oberfläche sollten die Menschen leben und sich zu Fuß bewegen. Darunter waren technische Ebenen für Versorgung, Logistik und Infrastruktur vorgesehen. Noch tiefer sollte ein Hochgeschwindigkeitssystem verlaufen, das die gesamte Stadt verbindet.
Genau dieses Verkehrssystem gilt als einer der kritischsten Punkte des Konzepts. Die ursprüngliche Vision versprach, dass sich die gesamte Länge der Stadt innerhalb von rund 20 Minuten durchqueren lasse. Dafür wäre eine extrem leistungsfähige Hochgeschwindigkeitsbahn notwendig gewesen.
Aus Sicht von Verkehrsingenieuren entsteht hier jedoch ein grundlegender Zielkonflikt. Eine Bahn muss nicht nur hohe Geschwindigkeiten erreichen, sondern gleichzeitig zahlreiche Stationen bedienen, große Personenströme bewältigen und im Störungsfall Ausweichmöglichkeiten bieten. Jeder zusätzliche Halt reduziert den Geschwindigkeitsvorteil erheblich.
Im Mai 2026 bestätigte der italienische Baukonzern Webuild, dass Neom den Vertrag für die sogenannte Connector High-Speed Line beendet hat. Zu diesem Zeitpunkt waren die Arbeiten nach Angaben des Unternehmens erst zu etwa 20 % abgeschlossen. Für das Verkehrskonzept von The Line ist das ein deutlicher Rückschlag.
Wie groß wäre The Line im Vergleich?
• Burj Khalifa: 828 m hoch
• Empire State Building: 381 m hoch
• Eiffelturm: 330 m hoch
• The Line: 500 m hoch und 170 km lang
Die geplante Länge entspricht ungefähr der Strecke von Frankfurt am Main bis Koblenz.
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Die unsichtbare Megamaschine unter der Stadt
Während die spektakulären Fassaden die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, liegt die eigentliche ingenieurtechnische Herausforderung im Inneren der Stadt. Eine Metropole für Millionen Menschen benötigt riesige Mengen an Energie, Trinkwasser, Kühlung und Datenkapazität. Gleichzeitig müssen Abwasser, Müll und Güter zuverlässig transportiert werden.
In klassischen Städten verteilen sich diese Systeme über ein weit verzweigtes Netz. Fällt ein Abschnitt aus, existieren meist alternative Wege. Bei einer linearen Stadt ist das deutlich schwieriger.
Viele Versorgungssysteme würden entlang einer einzigen Hauptachse verlaufen. Dadurch entstehen erhebliche Abhängigkeiten. Ein Ausfall zentraler Leitungen oder Versorgungsknoten könnte große Teile der Stadt betreffen.
Besonders anspruchsvoll wäre die Energieversorgung. Aufzüge, Klimaanlagen, Verkehrssysteme und digitale Infrastruktur würden rund um die Uhr enorme Strommengen benötigen. Gleichzeitig müssten Wartung, Reparaturen und Modernisierungen im laufenden Betrieb erfolgen.
Wind, Schwingungen und ein künstliches Gebirge
Die außergewöhnliche Form von The Line bringt weitere technische Herausforderungen mit sich. Eine Struktur mit 500 m Höhe und 170 km Länge verhält sich nicht wie ein gewöhnliches Gebäude. Sie wirkt vielmehr wie ein künstliches Gebirge, das tief in die lokalen Wind- und Temperaturverhältnisse eingreift. Bereits bei heutigen Wolkenkratzern spielen Windlasten eine zentrale Rolle. Bei The Line würden diese Effekte auf eine völlig neue Größenordnung treffen.
Dazu kommen erhebliche Temperaturunterschiede. Während sich Fassaden und Tragwerke unter intensiver Sonneneinstrahlung stark aufheizen, bleiben die Innenräume klimatisiert. Dadurch entstehen Spannungen im Material, die dauerhaft beherrscht werden müssen.
Auch die Schwingungsdynamik stellt hohe Anforderungen. Übergänge zwischen einzelnen Modulen, Dehnungsfugen und Fassadenanschlüsse müssten Bewegungen aufnehmen, ohne die Struktur zu gefährden.
Die größten technischen Herausforderungen
• Windlasten auf bis zu 500 m hohe Bauwerke
• Schwingungen und Resonanzeffekte
• Brandschutz über extreme Distanzen
• Evakuierung von Millionen Menschen
• Versorgung mit Strom, Wasser und Kühlung
• Wartung der Infrastruktur über 170 km
• Unterschiedliche Bodenverhältnisse entlang der Trasse
• Materialbedarf in bisher unbekannter Größenordnung
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Windkanal in der Wüste?
Neben der Statik beschäftigen Fachleute auch mögliche Auswirkungen auf das lokale Klima. Eine 170 km lange Struktur könnte Windströmungen verändern, Turbulenzen erzeugen und lokale Temperaturverteilungen beeinflussen. Die verspiegelten Fassaden würden zusätzlich große Mengen Sonnenstrahlung reflektieren.
Zwar lassen sich solche Effekte mit modernen Strömungssimulationen untersuchen. Doch eine Struktur dieser Größenordnung existiert bislang nirgendwo auf der Welt. Entsprechend fehlen praktische Erfahrungswerte. Auch deshalb betrachten viele Forschende The Line als ein Experiment in bislang unbekannter Dimension.
Brandschutz und Evakuierung
Besonders anspruchsvoll wäre der Brandschutz. Klassische Hochhäuser verfügen über klar definierte Fluchtwege, Rauchabzüge und Rettungskonzepte. Bei einer vertikalen Stadt mit Millionen Bewohnern reichen diese Ansätze allein nicht aus.
Feuerwehr, Rettungsdienste und technische Einsatzkräfte müssten jeden Punkt der Stadt schnell erreichen können. Gleichzeitig müssten Evakuierungen auch bei Ausfällen von Aufzügen oder Verkehrsverbindungen möglich bleiben. Die dafür notwendige Infrastruktur würde erhebliche technische und finanzielle Ressourcen erfordern.

170 km Fundament
Oft konzentriert sich die Diskussion auf die Höhe der Gebäude. Für Bauingenieurinnen und Bauingenieure beginnt die eigentliche Herausforderung jedoch im Untergrund.
Ein Bauwerk, das sich über 170 km erstreckt, trifft zwangsläufig auf unterschiedliche Bodenverhältnisse. Sandige Bereiche wechseln sich mit felsigem Untergrund ab. Hinzu kommen Grundwasser, Setzungen und unterschiedliche Tragfähigkeiten.
Jeder Abschnitt benötigt ein Fundament, das die enormen Lasten dauerhaft aufnehmen kann. Gleichzeitig dürfen benachbarte Bereiche nicht unterschiedlich stark absinken.
Auch die Nähe zum Roten Meer spielt eine Rolle. Salzhaltige Luft beschleunigt Korrosionsprozesse und erhöht die Anforderungen an Materialien, Beschichtungen und Wartung.
Eine Baustelle von historischem Ausmaß
Selbst wenn alle technischen Herausforderungen lösbar wären, bleibt die Frage der Baustellenlogistik. Eine Stadt dieser Größe entsteht nicht auf einmal. Geplant war eine schrittweise Entwicklung in zahlreichen Bauabschnitten.
Jeder Abschnitt hätte zunächst seine eigene Energieversorgung, Wasserinfrastruktur und Baustellenlogistik benötigt. Erst danach wären weitere Bereiche angeschlossen worden.
Die Koordination tausender Baumaschinen, Materiallieferungen und Arbeitskräfte über eine Strecke von 170 km wäre eine der größten Baustellenorganisationen der modernen Baugeschichte geworden.
Der Materialbedarf sprengt bekannte Dimensionen
Hinzu kommt der enorme Ressourcenbedarf. Für The Line wären gewaltige Mengen Stahl, Beton, Glas und technischer Anlagen erforderlich gewesen. Die Herstellung von Stahl und Zement zählt weltweit zu den größten industriellen Quellen von CO₂-Emissionen.
Hier zeigt sich ein grundlegender Widerspruch des Projekts. Während der spätere Betrieb klimaneutral sein sollte, hätte der Bau selbst erhebliche Emissionen verursacht. Viele Fachleute bezweifeln daher, dass sich die Nachhaltigkeitsziele in der ursprünglich geplanten Form erreichen lassen.
Saudi-Arabien verschiebt die Prioritäten
Mehrere Berichte deuten inzwischen darauf hin, dass Saudi-Arabien seine Investitionen neu ordnet. Der US-Dienst Semafor berichtete im Mai 2026, dass weitere Arbeiten an The Line bis nach 2030 verschoben werden könnten. Offiziell spricht Neom weiterhin von einem schrittweisen und nachfrageorientierten Ausbau.
Reuters berichtete zudem über eine Neuausrichtung des saudischen Staatsfonds PIF. Demnach sollen künftig Projekte bevorzugt werden, die schneller wirtschaftliche Erträge liefern. Dazu zählen Häfen, Industrieanlagen, Rechenzentren, künstliche Intelligenz und Tourismus. Damit verliert The Line zumindest vorerst ihre Rolle als unangefochtenes Vorzeigeprojekt.
Was von Neom bereits existiert
• Tausende Arbeiterunterkünfte
• Straßen und Versorgungsleitungen
• Große Erdarbeiten entlang der geplanten Trasse
• Hafen- und Industrieprojekte
• Oxagon als Industrie- und Logistikstandort
• Wasserstoffprojekt mit Beteiligung von ThyssenKrupp Nucera
• Erste Infrastruktur für Energieversorgung und Logistik
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Neom lebt weiter
Trotz aller Probleme bedeutet das nicht das Ende von Neom. Andere Projekte entwickeln sich deutlich dynamischer. Dazu zählt insbesondere die Wasserstoffregion Oxagon.
Dort entsteht eine der weltweit größten Anlagen zur Produktion von grünem Wasserstoff und grünem Ammoniak. Nach Angaben von ACWA Power soll die Anlage künftig bis zu 600 Tonnen Wasserstoff pro Tag erzeugen. Die Inbetriebnahme wird derzeit für 2027 erwartet.
Die Elektrolysetechnik stammt unter anderem vom deutschen Unternehmen ThyssenKrupp Nucera. Für viele Ingenieurinnen und Ingenieure erscheint dieser Teil von Neom deutlich realistischer. Er basiert auf bekannten Technologien und adressiert konkrete industrielle Märkte.
Was bleibt von der Spiegelstadt?
Ein vollständiges Ende von The Line ist derzeit nicht absehbar. Saudi-Arabien hat bereits Milliarden investiert und erhebliche Infrastruktur aufgebaut.
Wahrscheinlicher ist eine schrittweise Anpassung des Projekts. Statt einer durchgehenden 170-kmr-Struktur könnten zunächst einzelne Module oder Stadtabschnitte entstehen.
Damit würde das Projekt zwar einen Teil seiner ursprünglichen Radikalität verlieren. Gleichzeitig würde die Realisierung deutlich realistischer.
Ein Lehrstück für die Ingenieurwelt
The Line zeigt exemplarisch, wie anspruchsvoll die Verbindung von Vision, Technik und Wirtschaftlichkeit ist. Die Idee einer kompakten, autofreien und ressourcenschonenden Stadt besitzt zweifellos Potenzial. Doch die gewählte Form bringt neue technische Herausforderungen hervor, die viele der angestrebten Vorteile wieder relativieren.
Für Ingenieurinnen und Ingenieure ist The Line deshalb schon heute ein faszinierendes Fallbeispiel. Es verdeutlicht, dass spektakuläre Architektur allein nicht genügt. Entscheidend ist, ob Infrastruktur, Versorgung, Betrieb und Wartung über Jahrzehnte zuverlässig funktionieren.
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