Nach Hormus-Sperrung: Brüssel präsentiert neues Krisenpaket für die Energiemärkte
Mit dem Paket AccelerateEU reagiert die EU-Kommission auf den Energiepreisschock nach der Hormus-Sperrung. Der Plan: mehr Elektrifizierung, Netzausbau und befristete Beihilfen. Doch eine Antwort auf die hohen Strompreise für Unternehmen fehlt bislang.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen will in der Energiekrise auch finanziell gegensteuern.
Foto: © Wiktor Dabkowski/ZUMA Press Wire
Brüssel bleibt eine schlüssige Antwort zur Senkung der Industriestrompreise in der Europäischen Union weiter schuldig. Mit der neuen Mitteilung „AccelerateEU“ reagiert die Kommission aber auf den anhaltenden Konflikt im Nahen Osten und die dadurch ausgelösten Verwerfungen auf den Energiemärkten.
Exorbitante Preissprünge bei Öl und Gas will man für Wirtschaft, Industrie und Haushalte künftig besser abfedern. Mit einer stärkeren Koordination unter den Mitgliedstaaten, einer beschleunigten Umstellung auf saubere Energie sowie mehr Elektrifizierung aus heimischer Produktion will die EU sich widerstandsfähiger gegen neue Preisschocks aufstellen.
Inhaltsverzeichnis
- AccelerateEU soll Folgen der Energiekrise in Europa abmildern
- EU-Kommission setzt auf erneuerbare Energien und Elektrifizierung
- Mehr Koordinierung der Mitgliedstaaten bei Gas, Öl und Kraftstoffen
- Befristete Beihilfen sollen Haushalte und Industrie in der Energiekrise entlasten
- Aktionsplan zur Elektrifizierung soll noch vor dem Sommer kommen
- Netzausbau in Europa soll Energiekosten senken
- Öffentliche und private Investitionen für Netzausbau ankurbeln
AccelerateEU soll Folgen der Energiekrise in Europa abmildern
Die Brüsseler Behörde verabschiedete die 17-seitige Mitteilung „AccelerateEU“ am 22. April 2026. Hintergrund sind die extremen Verteuerungen an den globalen Energiemärkten und die unabsehbaren Folgen der Sperrung der Straße von Hormus für den Schiffsverkehr. Seit Beginn der Eskalation im Nahen Osten musste die EU nach Angaben der Kommission zusätzliche 24 Mrd. € für Energieimporte ausgeben.
„Selbst wenn die Feindseligkeiten sofort eingestellt würden, werden die Unterbrechungen der Energieversorgung aus dem Golf auf absehbare Zeit anhalten“, so Teresa Ribera, Vizepräsidentin der EU-Kommission. Nach der Verabschiedung des Kommissionsdokuments am Mittwoch stand die ehemalige spanische Energieministerin zusammen mit EU-Energiekommissar Dan Jørgensen Rede und Antwort. Beide unterstrichen, dass Europa aus Sicht der Kommission schneller aus der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen herauskommen müsse.
EU-Kommission setzt auf erneuerbare Energien und Elektrifizierung
Im Dokument „AccelerateEU“ stehen vor allem der Ausbau erneuerbarer Energien, angepasste Netzinfrastrukturen und eine stärkere Elektrifizierung im Fokus. Unter dem Stichwort kohlenstoffarme Energiegewinnung thematisiert das Dokument die weitere Nutzung der Kernenergie in den EU-Staaten nur am Rande. Wohl wissend, dass die EU-Staaten ihre Kompetenzen bei der Wahl des nationalen Energiemixes wie ihren Augapfel hüten und nicht gewillt sind, diese an Brüssel abzugeben.
Dennoch verweist die Behörde darauf, dass Mitgliedstaaten mit einem höheren Anteil erneuerbarer und/oder kohlenstoffarmer Energiequellen sowie mit flexibleren Netzsystemen und ausreichenden Speicherkapazitäten im Allgemeinen weniger stark von der derzeitigen Energiekrise und den heftigen Preisschwankungen betroffen seien. Damit stellt die Kommission den beschleunigten Umbau des Energiesystems in einen direkten Zusammenhang mit Versorgungssicherheit und Preisstabilität.
Mehr Koordinierung der Mitgliedstaaten bei Gas, Öl und Kraftstoffen
Die Kommission verbindet mit „AccelerateEU“ kurzfristige Hilfen und längerfristig wirkende Strukturmaßnahmen. Ein wichtiges Element hierbei ist die engere Koordinierung zwischen den Mitgliedstaaten. Dabei geht es um den Austausch von Informationen über die Füllstände von Gasspeichern, um mögliche Freigaben von Ölreserven sowie um die Sicherstellung der Verfügbarkeit von Kerosin im Luftverkehr und von Diesel für Transport und Landwirtschaft.
Um mögliche Engpässe schneller erkennen zu können, soll zudem eine neue Beobachtungsstelle für Kraftstoffe eingerichtet werden. Sie soll die Produktion, Einfuhren, Ausfuhren und Lagerbestände von Kraftstoffen im Verkehrssektor in der Europäischen Union fortlaufend überwachen. So will man im Krisenfall rascher reagieren und eine ausgewogenere Verteilung knapper Ressourcen ermöglichen.
Befristete Beihilfen sollen Haushalte und Industrie in der Energiekrise entlasten
Angesichts des Preisbooms an Tankstellen und für die Teuerungen beim Einkauf von Gas und Öl in den energieintensiven Betrieben sowie der Not von Berufspendlern, will die Kommission in den kommenden Tagen mit einer Präzisierung die Beihilferegelungen aufwarten. „In enger Abstimmung mit den Mitgliedstaaten werden wir sehr bald in den kommenden Tagen einen gemeinsamen Rahmen für zeitlich begrenzte und auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Mitgliedstaaten zugeschnittene Lockerungen des EU-Beihilferechts vorschlagen“, kündigte die Kommissions-Vizechefin an. Dabei lasse sich die Kommission davon leiten, dass es nicht zu einer Fragmentierung des Energiemarktes komme und der Energie-Binnenmarkt keinen Schaden nehme.
Aktionsplan zur Elektrifizierung soll noch vor dem Sommer kommen
Noch vor der Sommerpause will die EU-Kommission einen Aktionsplan zur Elektrifizierung vorlegen. Er soll ein ehrgeiziges Elektrifizierungsziel enthalten und Maßnahmen benennen, mit denen Hindernisse in den Sektoren Industrie, Verkehr und Bauwesen abgebaut werden können. Auch Geothermie, Biomethan und Wasserstoff sollen dabei stärker berücksichtigt werden.
Aus Sicht der Kommission ist die beschleunigte Umstellung auf heimische, saubere Energie eine Voraussetzung dafür, die Abhängigkeit von volatilen fossilen Märkten dauerhaft zu verringern. Zugleich soll der Ausbau der Elektrifizierung dafür sorgen, dass Europa weniger anfällig für geopolitisch ausgelöste Energiepreisschocks wird.
Netzausbau in Europa soll Energiekosten senken
Zudem fordert die Brüsseler Behörde die EU-Mitgliedstaaten auf, den im Dezember 2025 unterbreiteten Vorschlag zum „Europäischen Stromnetzpaket“ für den beschleunigten Ausbau des Stromnetzes vor dem Sommer 2026 zügig zu beraten. Darüber hinaus will man künftige grenzüberschreitende Transportnetze auf EU-Gebiet vereinbaren.
EU-Energiekommissar Dan Jørgensen erklärte, dass ein gezielter Netzausbau und grenzübergreifende Inter-Konnektoren die Energie-Transformation nicht nur beschleunigten, sondern auch erhebliche Kosteneinsparungen für einzelne Mitgliedstaaten nach sich ziehe. „So wendet allein Deutschland jedes Jahr 4 Mrd. € für die Abriegelung von Stromlieferungen aus z. B. Dänemark. Denn das deutsche Netz kann Einspeisungen von verfügbarem Windkraftstrom wegen fehlender Netzinfrastrukturen nicht aufnehmen“, sagte Jørgensen. Gleichzeitig kündigte er einen Legislativvorschlag zu Netzentgelten und Steuern für das laufende Jahr an. Nach Kommissionsangaben machen die Stromsteuern und -abgaben derzeit etwa 25 % der Haushaltsrechnungen aus.
Öffentliche und private Investitionen für Netzausbau ankurbeln
Netze würden benötigt, um Strom zum niedrigsten Preis von dort, wo er produziert wird, zu dem Ort, an dem er verbraucht wird, fließen zu lassen. Investitionen in die Netzinfrastruktur der EU seien daher ein entscheidender Schritt hin zu einer weiteren Elektrifizierung und zur Steigerung heimischer sauberer Energiequellen, so Jørgensen. Zudem will Brüssel öffentliche und private Investitionen in den Ausbau der EU-Energieinfrastruktur lenken. Das soll für den Übergang zu sauberer Energie und dem Ziel der Energieunabhängigkeit von Russland geschehen.
So kündigte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen an, dass die Kommission die Industrie für ihre Energiewende unterstützen will. Das soll durch die Europäische Investitionsbank (EIB) mit Finanzmitteln in Höhe von 100 Mrd. € geschehen. Weitere EU-Mittel sollen aus den Einnahmen des Emissionshandels mit 400 Mio. € aus den Erlösen des Zertifikathandels fließen. Dies solle vor allem energieintensive Industrien bei Investitionen in Dekarbonisierungsvorhaben unterstützen.
Öffentliche Mittel allein reichen nach Meinung der Kommission nicht aus. Um privates Kapital zu mobilisieren, wurde im März 2026 eine Investitionsstrategie für saubere Energie vorgelegt. Bei einem Investitionsgipfel für saubere Energie sollen demnächst private Investoren adressiert werden. Unter anderem die Finanzdienstleistungsbranche, institutionelle Investoren wie Versicherer und Pensionsfonds. Projektentwickler und öffentliche Geldgeber sollen gemeinsam überlegen, wie sich die Finanzierung von Batterien, Ladeinfrastruktur und Elektrifizierung aufstocken lässt.
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