Pollen im Pech: So dichteten die Römer ihre Schiffe wirklich ab
Wie dichteten Römer ihre Schiffe ab? Pollenanalyse liefert überraschend präzise Antworten aus einem 2200 Jahre alten Wrack.
Blick auf die Ausgrabungsstätte im Bugbereich des Schiffswracks „Ilovik-Paržine 1“. Im Vordergrund ist die Ladung aus Baumstämmen und Amphoren zu sehen. Archäologen arbeiten in der Nähe der Struktur des Bugkomplexes.
Foto: Adriboats © L. Damelet, CNRS/CCJ
Schiffsrümpfe mussten schon in der Antike dicht bleiben. Salzwasser, Mikroorganismen und holzbohrende Tiere griffen das Material permanent an. Trotzdem richtete sich die Forschung lange fast ausschließlich auf das Holz antiker Wracks. Die Beschichtungen des Rumpfes spielten nur eine Nebenrolle. Genau dort setzt eine aktuelle Studie an.
Ein Forschungsteam aus Frankreich und Kroatien untersuchte das Wrack „Ilovik–Paržine 1“. Das Schiff aus der Zeit der Römischen Republik sank vor rund 2200 Jahren vor der heutigen kroatischen Küste. Die Ergebnisse, veröffentlicht in Frontiers in Materials, zeigen, wie gezielt römische Schiffbauer Materialien auswählten und einsetzten – und wie sich Reparaturen entlang der Route nachweisen lassen.
Inhaltsverzeichnis
Harz als technische Basis
Für die Analyse nutzten die Forschenden Massenspektrometrie. Die Methode erlaubt es, organische Stoffe bis auf Molekülebene zu identifizieren. Insgesamt nahmen sie zehn Proben von der Außenhaut des Wracks.
In allen Proben dominiert ein Stoff: erhitztes Nadelbaumharz. Dieses sogenannte Pech bildete die Grundlage der Abdichtung. Es schützt das Holz vor Wasser und wirkt gleichzeitig als Barriere gegen biologische Angriffe.
Eine Probe zeigt eine Abweichung. Dort mischten die Schiffbauer dem Harz zusätzlich Bienenwachs bei. Solche Kombinationen sind aus antiken Quellen bekannt. In der Fachliteratur wird diese Mischung als „Zopissa“ bezeichnet.
Und so funktioniert sie: Das Wachs macht die Beschichtung elastischer, verbessert die Haftung auf dem Holz und erleichtert das Auftragen im erhitzten Zustand. Es handelt sich also nicht um eine improvisierte Lösung, sondern um eine gezielte Materialoptimierung.
Dr. Armelle Charrié, Archäometristin in Straßburg und Erstautorin der Studie, sagt: „In der Archäologie wird organischen Abdichtungsmaterialien wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Dabei sind sie für die Schifffahrt auf See oder auf Flüssen unverzichtbar und echte Zeugen vergangener Schifffahrtstechnologien.“
Pollen als geographische Spur
Die chemische Analyse liefert nur einen Teil der Information. Entscheidend wird die Kombination mit der Pollenanalyse. Pech wirkt wie ein Speicher: Während der Verarbeitung bindet es Partikel aus der Umgebung. Dazu gehört auch Blütenstaub.
In den untersuchten Proben findet sich eine breite Mischung unterschiedlicher Pflanzen:
- Steineichen und Kiefern
- Oliven- und Haselsträucher
- Erlen und Eschen aus Uferzonen
- geringe Anteile von Tanne und Buche
Diese Kombination ist typisch für mediterrane Buschlandschaften, das sogenannte Matorral, ergänzt durch Küsten- und Flussbereiche. Gleichzeitig deuten einzelne Pollen auf höher gelegene Regionen im Hinterland hin.
Interessant wird der Vergleich zwischen den Proben. Die chemische Zusammensetzung bleibt weitgehend gleich. Die Pollen unterscheiden sich jedoch deutlich. Genau daraus lässt sich ableiten, dass das Material zwar ähnlich aufgebaut ist, aber an verschiedenen Orten verarbeitet wurde.
Reparaturen entlang der Route
Auch die Struktur der Beschichtung liefert Hinweise auf die Nutzung des Schiffs. Am Rumpf lassen sich vier bis fünf Schichten unterscheiden. Heck und Mittelteil tragen eine einheitliche Beschichtung. Am Bug liegen mehrere unterschiedliche Lagen übereinander. Der vordere Bereich eines Schiffs ist mechanisch stärker belastet. Schäden treten dort häufiger auf.
Die unterschiedlichen Schichten passen zu wiederholten Reparaturen. Die Besatzung hat den Rumpf im laufenden Betrieb ausgebessert – vermutlich immer dort, wo es notwendig war.
Frühere Analysen des Ballasts verorten den Bau des Schiffs im heutigen Brindisi. Ein Teil der Beschichtung dürfte dort entstanden sein. Andere Schichten wurden später ergänzt. Die Pollen deuten auf Orte entlang der nordöstlichen Adriaküste hin, also in der Region, in der das Wrack gefunden wurde.
Dr. Charrié ordnet das ein: „Es scheint zwar offensichtlich, dass Schiffe, die lange Strecken zurücklegen, Reparaturen benötigen, doch ist es einfach nicht leicht, dies nachzuweisen. Pollen waren sehr hilfreich bei der Identifizierung verschiedener Beschichtungen, deren molekulare Profile identisch waren.“
Mehr als nur Abdichtung
Die Untersuchung zeigt, dass römische Schiffbauer ihre Materialien gezielt auswählten und kombinierten. Harz und Wachs wurden nicht zufällig eingesetzt. Die Eigenschaften der Mischung waren bekannt und wurden praktisch genutzt.
Gleichzeitig erweitert die Methode den Blick auf antike Schiffe. In den Beschichtungen stecken Informationen, die bisher kaum genutzt wurden:
- Orte der Verarbeitung
- zeitliche Abfolge von Reparaturen
- regionale Unterschiede im Schiffbau
- Bewegungen entlang von Handelsrouten
Die Beschichtung wird damit zur Datenquelle. Sie ergänzt die Informationen, die sich aus Holz, Konstruktion oder Ladung gewinnen lassen. Gerade bei Schiffen, die über lange Zeiträume genutzt wurden, entsteht so ein deutlich vollständigeres Bild ihrer Geschichte.
Ein Beitrag von: