Zero Emission 03.09.2010, 19:48 Uhr

Das ökologische Musterhaus in Weimar

Die Weimarer Bauhaus-Universität stellt Möglichkeiten für ein nachhaltiges Bauen vor – in einem Gebäude, das selbst zu den Vorläufern der Ökohäuser zählt.

Ein leuchtend weißer Kubus, mitten in einem üppig grünen Garten – das Haus am Horn in Weimar ist ein Musterhaus der Bauhaus-Moderne. 1923 wurde das Einfamilienhaus nach einem Entwurf des Bauhaus-Meisters Georg Muche direkt oberhalb des Parks an der Ilm – nur einen Steinwurf entfernt von Goethes berühmten Gartenhaus – in nur vier Monaten Bauzeit errichtet. An der Planung waren auch die anderen Baumeister des Bauhauses, allen voran Walter Gropius, sowie die Werkstätten der revolutionären Kunst- und Architekturhochschule beteiligt.

Das Gebäude ist so etwas wie ein Haus gewordener Bauprospekt. Modern und an die Erfordernisse einer industriellen Fertigung von Baustoffen und Bauteilen angepasst sollte es sein. Alle Elemente hatten demonstrativen Charakter, sollten für eine gemeinschaftlich orientierte Lebensform ebenso werben wie für eine Bauweise, die sich wie ein Typenbau beliebig vervielfältigen ließ.

Das fängt mit der Aufteilung der Räume an. Um einen quadratischen, erhöhten Gemeinschaftsraum in der Mitte gruppieren sich außen im Uhrzeigersinn das Gästezimmer, das Bad, die Zimmer für den Herren, die Dame und die Kinder, das Esszimmer und die Küche. Die Nord-Süd-Ausrichtung ist dabei ebenso berücksichtigt worden wie die funktionale Aufteilung, wobei der Dame des Hauses die Nachbarschaft zum Kinderzimmer und zur Küche zugute kommen sollte. Das Haus ist bis ins Detail durchgeplant worden, was die Besucher heute eindrucksvoll studieren können. Das sorgfältig sanierte Haus wird durch einen Freundeskreis gefördert und zählt zum Unesco-Weltkulturerbe. Aus heutiger Sicht besonders interessant sind die Bemühungen, die bereits vor knapp 90 Jahren in Sachen Energieeffizienz am Bau unternommen wurden. So sind die Außenwände dreischichtig ausgeführt. Zwischen Schlackenbetonsteinen – einem wiederverwerteten Baustoff also – befindet sich eine Schicht aus Torfoleum, einem vollständig getrockneten Torf, der keine Feuchtigkeit aufnimmt und stark isoliert. Um die Dämmwerte der 25 cm starken Wand zu erreichen, müsste man eine nahezu dreimal so dicke Wand aus Backstein errichten. Da zur Bauzeit in der Folge des Ersten Weltkriegs und der Hyperinflation in Deutschland Heizmaterial knapp und teuer war, strebten die Planer die Konstruktion eines Hauses an, für das die Heizkosten so gering wie möglich sind.

Das lässt sich bereits am Grundriss ablesen: Die zentralen Wohnräume liegen innen, die Arbeits- und Schlafräume der Eltern sind nach Süden ausgerichtet, während Küche, WC, Eingang und Gästezimmer auf der kühleren Schattenseite liegen und den Wohnraum in diese Richtung abpuffern. Um das Bauvolumen möglichst zu komprimieren, wurde das Quadrat als Grundriss gewählt. Hinzu kam ein Flachdach mit Hohlsteinen aus Ton, was das Gewicht und damit den Bedarf an Rundeisen reduzierte, Schwitzwasserbildung eliminierte und, da auch hier Torf zur Isolierung verwendet wurde, Wärmeverluste verringerte.

Die Fenster entsprechen zwar nicht den heutigen Wärmedämmnormen, und doch haben sich die Bauhaus-Planer auch dafür etwas einfallen lassen. Um den Lichteinfall durch die relativ kleinen Fensteröffnungen zu optimieren, wurde ein spezielles Kristallspiegelglas verwendet. Wie in einem Katalog wurden verschiedene Fenstertypen verbaut, vom Kipp- über das Drehflügel- bis zum Schwingflügelfenster.

Das Haus am Horn erfüllt zwar nicht die Bau-Utopie eines Zero-Emission-Hauses, also eines Hauses, das völlig frei ist von negativen Auswirkungen auf die Umwelt. Es ist aber der perfekte Ort dafür, über die Möglichkeiten eines nachhaltigen Bauens und Wohnens nachzudenken. Die in Weimar ansässige Bauhaus-Universität hat dies nun getan. In einem interdisziplinären Projekt haben Dozenten und Studierende der Fakultäten Bauingenieurwesen und Gestaltung Ideen gesammelt und im Haus am Horn in der Ausstellung „Zero Emission“ teilweise praktisch umgesetzt.

So ist derzeit im abschüssigen Garten ein kleines Pumpspeicherkraftwerk aufgebaut. Der Strom, um das Wasser aus dem unten liegenden Bottich in den höher gelegenen zu fördern, wird durch Solarzellen gewonnen, die in einem experimentellen Leitsystem für das Ausstellungshaus untergebracht sind – ein schönes Beispiel für die in diesem Projekt angestrebte Zusammenarbeit zwischen Ingenieuren und Designern.

Moderne Pumpspeicherkraftwerke hätten einen hohen Wirkungsgrad und seien eine ökologisch und ökonomisch sinnvolle Technik, um Strom bedarfsgerecht zu erzeugen, so argumentieren die Ausstellungsmacher unter Leitung von Jörg Londong, der in der Fakultät Bauingenieurwesen die Professur für Siedlungswasserwirtschaft innehat.

Gleich daneben haben die Studierenden ein Trockenurinal aufgestellt, dessen Wand das Konterfei eines Supermanns in Grün ziert. Der Urin wird gesammelt und soll nach einer geringfügigen Bearbeitung als Dünger wiederverwendet werden. Mit 5 l Urin könnten 2,5 m2 Gartenboden gedüngt werden, wird vorgerechnet. Seine Hände kann der Benutzer übrigens mit aufgefangenem Regenwasser reinigen.

Im Inneren des Hauses stößt der Besucher auf eine ganze Palette an Vorschlägen zum nachhaltigen Bauen, von wiederverwerteten Baustoffen über die intelligente Nutzung von Abwässern bis zum Entwurf für ein Aufwindkraftwerk.

Eine ungewöhnliche Begegnung erwartet den Besucher im ehemaligen Kinderzimmer des Hauses. Dort sitzt Feelix, eine etwa 1,80 m große Puppe aus Glasfaser und Aluminium, mit der die thermische Behaglichkeit unter bestimmten Raumtemperaturen veranschaulicht werden kann. Die Puppe „fühlt“ die Temperaturbedingungen, -differenzen und den Luftzug in einem Raum und stellt sie dar. Durch ein eingebautes Heizdrahtgeflecht und mit einem steuerbaren Pumpensystem in der „Lunge“ kann die Puppe aber auch gesteuert Wärme abgeben, wie ein Mensch, der im Sitzen etwa 120 W Wärmeleistung abgibt. Mithilfe von Feelix, der vom Lehrstuhl Bauphysik der Bauhaus-Universität entwickelt wurde, soll das optimale Verhältnis von thermischem Wohlempfinden und dem dafür notwendigen Energieverbrauch berechnet werden.

Der Weg zum „Zero-Emission-Haus“ ist noch weit. Wie weit die Menschheit von 1923 bis heute gekommen ist und wohin die Reise noch gehen kann, das ist derzeit in dieser anregenden Ausstellung in Weimar zu sehen. J. WENDLAND

Zero Emission, bis 26. 9. im Haus am Horn, Weimar. Geöffnet Mittwoch, Samstag und Sonntag 11 bis 18 Uhr.

Ein Beitrag von:

  • Johannes Wendland

    Johannes Wendland ist freier Journalist und schreibt für überregionale Magazine, Zeitungen und Online-Medien u.a. über Wirtschaftsthemen, Raumfahrt und IT-Themen.

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