Beratung

Vertragen Führungskräfte keine Kritik?

Wer austickt, ist klar im Vorteil?

Gleich nach dem Studium arbeitete ich als Assistentin des Geschäftsführers in einem weltweit operierenden Stahlkonzern und zu meinen Aufgaben gehörte auch die jährliche Planung einer großen Weihnachtsfeier. Ich hatte schon viel Zeit investiert und einen dicken Ordner voller Möglichkeiten und Angebote zusammengetragen.

Den eigenen Chef kritisieren: Nicht immer einfach, aber meist sinnvoll!

Den eigenen Chef kritisieren: Nicht immer einfach, aber meist sinnvoll!

Foto: panthermedia.net/pressmaster

Das Budget stand fest und der Abschluss der Organisation stand kurz bevor. Als ich eines Morgens ins Büro kam, lag eine Notiz meines Chefs auf dem Schreibtisch: „Aufgrund des Umsatzrückgangs muss die Weihnachtsfeier abgespeckt werden. Wir machen sie wie geplant, aber um Kosten zu sparen, werden die Mitarbeiter in der Produktion und im Lager nicht eingeladen.“ Einen Moment starrte ich fassungslos auf die handgeschriebenen Zeilen und dann lief mein Gerechtigkeitssinn Amok und mein Gehirn gab Katastrophenwarnung. Ohne lange nachzudenken, schnappte ich mir meinen Ordner, stürmte in das Büro meines Chefs und knallte ihm den prallen Ordner mit Schwung auf den Schreibtisch und ein paar klare Worte um die Ohren: „Was ist denn das für ein Schwachsinn? Führen wir jetzt die 2-Klassen-Gesellschaft ein? Ist das Ihre Art von Mitarbeitermotivation?! Dabei mache ich nicht mit. Wenn Sie es so haben wollen, dann machen Sie den Scheiß alleine!“  Ohne seine Antwort abzuwarten, verließ ich sein Büro in theatralischer Geste. Wer austickt, ist klar im Vorteil, zumindest genießt er den Überraschungsbonus.

Unsachlicher Kritik mit Humor begegnen

Zu meiner Ehrenrettung möchte ich sagen: Ich war 24 Jahre alt und Berufsanfängerin mit hohem Engagement und viel Gefühl. Als ich aber wieder an meinem Schreibtisch saß, wachte ich auf und mein erster klarer Gedanke war: „Das ist jetzt deine Kündigung!“ Während ich noch verloren vor mich hinstarrte, trat mein Chef in mein Büro, grinste mich an und fragte: „Haben Sie sich beruhigt?“ Ich nickte wortlos und er fuhr fort: „Ich gehe davon aus, dass Sie mich mit diesem monströsen Ordner nicht umbringen wollten?! Ansonsten haben Sie natürlich recht und es war nicht durchdacht, die Weihnachtsfeier nur mit der Verwaltung durchzuführen. Suchen Sie eine neue, günstigere Location und planen Sie für alle! Ach ja, und wenn Sie mich demnächst kritisieren wollen, brauchen Sie nicht ganz so laut zu werden, ich verstehe Sie auch bei Zimmerlautstärke!“ Gut gegangen.

Chef-Fehler sind oft ein Tabu

Ein Chef, der offen ist für Kritik, der sein eigenes Verhalten auch einmal in Frage stellt, ist das ein Auslaufmodell. Von vielen Ingenieuren höre ich, dass ihre Chefs überhaupt keine Kritik vertragen könnten und man gut daran täte, sie gar nicht erst zu äußern. Niemand ist perfekt, weder ein Angestellter, noch ein Vorgesetzter. Der Unterschied ist nur, dass über die Fehler von Mitarbeitern gesprochen wird, die der Chefs dagegen tabu sind. Es zeugt von der Größe eines Vorgesetzten, offen für konstruktive Kritik zu sein und zumindest über die Worte eines kritisierenden Mitarbeiters einmal nachzudenken. Diese Größe sollten wir von Vorgesetzten erwarten können und er solle stolz auf Mitarbeiter sein, die es wagen, ihn zu kritisieren, denn sie sind immerhin keine stillen Befehls-empfänger und Abwickler, sondern mitdenkende Verantwortliche.

Niemand wird gerne kritisiert

Sicher ist, dass von uns allen Kritikfähigkeit erwartet wird, aber – wenn wir ehrlich sind – wir alle nicht gerne kritisiert werden. Kritik tut weh, weil wir das Gefühl haben, in diesem konkreten Fall nicht zu genügen und manchmal in unseren Kopfkinos noch weitergehen und uns schon ausmalen, dass wir generell nicht der oder die Richtige für diese Position seien. Den Chefs geht es wahrscheinlich nicht so sehr anders. Es wird von Ihnen – in ihrer eigenen Wahrnehmung – Allmächtigkeit und Allwissenheit erwartet und sie befürchten, ihre Kompetenz würde in Frage gestellt oder ihr Ansehen untergraben, wenn sie bei einer Fehlentscheidung, einer falschen Äußerung oder einem unangemessenen Verhalten „erwischt“ werden.

Kritisieren ja, aber richtig

Die Frage, ob Chefs Kritik vertragen können, ist verbunden mit den Fragen des „Wer“ und „Wie“. Kritisiert ihn ein Mitarbeiter, den er schätzt, dessen Meinung er vertraut und auf dessen Loyalität er zählen kann, wird er offener für Kritik sein als bei dem Mitarbeiter, von dem er vermutet, dass er ihn als Vorgesetzten grundsätzlich in Frage stellt oder der grundsätzlich alles kritisieren muss. Beim „Wie“ haben Sie oben in der Einführung gelesen, wie Sie es nicht machen sollten. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Chef die Kritik annimmt, ist höher, wenn wir

  • sachlich kritisieren (nicht emotional entgleisen und nicht laut werden=das Verhalten kritisieren und nicht die gesamte Person in den Dreck ziehen
  • anlassbezogen kritisieren (keine Verallgemeinerungen wie „immer“ oder „nie“)
  • in „ich-Botschaften“ formulieren („ich finde es nicht gut, dass …“, „ich komme nicht damit zurecht, …“)
  • konkrete Wünsche fürs nächste Mal äußern oder Vorschläge machen, wie es günstiger wäre
  • für uns alleine sprechen (und nicht: „Die Kollegen haben auch gesagt …“)
  • unter vier Augen die Kritik äußern.

Chef-Kritik erfordert Mut

Sie als Ingenieur sind es gewohnt, über Probleme zu sprechen und Missstände anzusprechen, aber meistens geht es um technische Zusammenhänge und nicht um den Chef. Deshalb haben viele keine Übungen darin, ihre Vorgesetzten zu kritisieren. Einige vielleicht nicht den Mut, weil in den Köpfen eben dieses Gefälle „oben – unten“  und die Angst vor unangenehmen Konsequenzen ist. Vorgesetzte profitieren von anderen Sichtweisen und auch von Kritik, denn dadurch schmoren sie nicht im eigenen Saft und haben die Möglichkeit, sich weiterzuentwickeln. Mitarbeiter profitieren von dem Mut, die Chef-Kritik aus der Tabu-Zone herauszuholen, denn sie zeigen Rückgrat und können sich jeden Tag im Spiegel selbst in die Augen sehen. Über Fehler der Chefs sollte man sprechen – in angemessener Form.

 

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