Heiko Mell

Voll, voller, am vollsten!

Frage: In einer kürzlich veröffentlichten Antwort von Ihnen klang das Problem der „vollsten“ Zufriedenheit in Arbeitszeugnissen an. Sie sprachen von Recherchen, die Sie durchführen wollten. Sind die nun abgeschlossen?

Antwort:

Ja.Die Sprachberatungsstelle der Dudenredaktion teilt mir auf meine entsprechende Anfrage mit, daß die Formulierung „zu meiner vollsten Zufriedenheit“ als Ausdruck des absolut höchsten Grades durchaus zulässig sei. Sie verweist in dem Zusammenhang auf das Buch „Der kleine Duden Sprachtips“. Dort steht wörtlich: „Das gleiche gilt oft auch für Ausdrucksweisen wie zu meiner vollsten Zufriedenheit (z.B. in Zeugnissen). Man will dadurch ausdrücken, daß zu meiner vollsten Zufriedenheit der absolut höchste Grad ist, während zu meiner vollen Zufriedenheit dann nur einen relativ hohen Grad bezeichnet.“

Damit ist klar: Es gibt die „vollste“ Zufriedenheit, sprachliche Bedenken dagegen sind nicht gerechtfertigt.Das wird eine Reihe von Unternehmen zum Umdenken zwingen, die eine solche Wortkonstruktion bisher als „sprachliches Monstrum“ ablehnten.

Wobei tatsächlich wohl weniger das sprachliche Gewissen schlug. Es geht vielmehr darum, daß viele Chefs ihren (ehemaligen) Mitarbeitern nicht gern offen und eindeutig sagen, daß sie mit ihnen keineswegs extrem zufrieden sind oder waren.Ich sprach bei anderen Themen schon darüber: Viele Chefs sind überraschenderweise zu feige, ihr tatsächlich bestehendes Urteil den unterstellten Mitarbeitern gegenüber offen zu äußern. Das gilt offenbar auch beim Abschied.

Dabei ist die Sache recht einfach: Es gibt eine Spitzenbeurteilung für ausscheidende Mitarbeiter. Sie wird gemeinhin in einem Saz ausgedrückt wie: „… war stets zu unserer vollsten Zufriedenheit tätig.“ Das entspricht einer „sehr guten“ Note in der Schule. Woher kommt die Angst vieler Chefs, dem Mitarbeiter gegenüber beim Abschied ein „… war stets zur vollen Zufriedenheit tätig“ ganz offen als nur „gute“ Note zu bezeichnen und ebenso offen zu sagen, daß die theoretisch auch noch mögliche sehr gute Beurteilung nicht gerechtfertigt war.

„Sehr gut“ ist einsame Spitze beim Abitur, beim Examen etc. Es sollte auch nur einer kleinen Spitzengruppe vorbehalten bleiben. Wer als Mitarbeiter Befremden äußert über die „nur gute“ Wertung, muß sich fragen lassen, woher er den Mut nimmt, plötzlich Spitzenbewertungen für sich zu reklamieren. War denn das, was er beim Eintritt mitbrachte, alles „Spitze“ gewesen (Abitur, Studium, frühere Arbeitgeberbeurteilungen)?

Konkret: Letztlich könnte sich ein Unternehmen durchaus auf den Standpunkt stellen, Top-Beurteilungen in Zeugnissen vergäbe es so häufig, wie es Top-Examen von Bewerbern vorgelegt bekäme allerdings ist beides nicht an dieselben Personen gebunden (der frühere Einser-Bewerber kann durchaus als Dreier-Kandidat ausscheiden und umgekehrt).

„Bei uns arbeiten nur sehr gute Mitarbeiter“, wäre genau so lebensfremd und albern wie „eine sehr gute Beurteilung kommt nur für mich als Chef in Frage: wären Mitarbeiter sehr gut, wären sie ja Chefs.“Die vielgeschmähten Lehrer scheinen bei der Notenvergabe mutiger zu sein als die so draufgängerisch sein wollenden Manager.

Jedenfalls sieht man recht wenig „sehr gute“ Abitur- bzw. Examensnoten, hört aber von Arbeitgebern oft die Ausrede, man verwende bestimmte Begriffe nur aus sprachlichen Gründen nicht.

Und so lautet denn mein Rat an die betrieblichen Zeugnisschreiber: Mehr Mut, verweigern Sie Spitzenbewertungen, wenn sie nicht verdient wurden. Aber verstecken Sie sich nicht hinter der Erklärung, Sie vergäben ohnehin nie die „vollste“ Zufriedenheit, weil dies eine „Monster“-Formulierung sei. Was der Dudenredaktion gefällt, das kann man als Normalverbraucher schon mit ruhigem Gewissen verwenden.

Kurzantwort:

Gegen die Formulierung „vollste Zufriedenheit“ in Arbeitszeugnissen gibt es keine sprachlich zu begründenden Einwände.

Frage-Nr.: 1138
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 44
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1998-10-30

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