Heiko Mell

Hilfe, ich soll Geschäftsführer werden

Seit Jahren bin ich begeisterter Leser Ihrer Karriereberatung in den VDI nachrichten. Heute möchte ich mich mit einer eigenen Frage an Sie wenden.

Ich bin Anfang 30, Dipl.-Ing., Studium an der Uni … Nach meinem Abschluß, der in die 93er Krise fiel, habe ich nach vielen erfolglosen Bewerbungen eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei einem Transferzentrum an einer Fachhochschule angetreten.

Ich bearbeite Forschungsprojekte auf einem bestimmten Fachgebiet und konnte dabei Auslandserfahrungen sammeln; mit der Arbeit verbunden sind auch viele kleinere Simulationsprojekte für die Industrie. Auf Anraten meines Chefs, der Professor an der Fachhochschule ist und mich sehr schätzt, habe ich über meine Arbeit eine Dissertation verfaßt, die ich in Kürze an der TU … über einen mit ihm befreundeten Professor einreichen werde.
Mein Chef plant nun die Gründung einer GmbH, die auf meinem derzeitigen Fachgebiet kommerzielle Forschung und Entwicklung betreiben soll. Aufgrund seiner sehr guten Kontakte zur Industrie hat er genügend Geldgeber und Gesellschafter zur Deckung des Stammkapitals von etlichen Millionen DM gefunden. Da er selbst aufgrund seines Professorenvertrages nicht Geschäftsführer sein kann, will er mich vorschlagen und mir als Berater zur Seite stehen.

Für mich ist dieses Angebot zunächst sehr reizvoll, da es doch einen schönen Karrieresprung darstellt. Auf der anderen Seite habe ich große Bedenken aus folgenden Gründen:
– Bisher habe ich wenig Führungserfahrung.
– Da ich mich bisher hauptsächlich mit numerischen Simulationen beschäftigt habe, sind meine praktischen Erfahrungen gering.
– Ich verfüge über wenig betriebswirtschaftliche Kenntnisse.
– Mein Chef hat selbst wenig Erfahrung mit „richtig“ kommerzieller Arbeit, da seine Mitarbeiter bisher hauptsächlich über Forschungsprojekte bezahlt wurden.

Was würden Sie mir raten? Ist es ratsam, diese Chance wahrzunehmen und diesen großen Schritt zu tun oder wären kleinere Schritte am Anfang angemessener? Ich würde mich freuen, wenn Sie meinen Fall in der Karriereberatung veröffentlichen würden.

Antwort:

Listen wir einmal die Problemfelder auf, die Sie tangieren:

1. Wichtig ist, wer später in der GmbH die Macht hat. Das ist, wenn nicht spezielle Gesellschafterverträge dem entgegenstehen, ein Anteilseigner, der mehr als 50 % hält. Ist das Ihr heutiger Chef? Falls nicht jemand 51 % oder mehr hält, hätten Sie als Geschäftsführer auch noch unterschiedlichste Gesellschafterinteressen und -persönlichkeiten unter einen Hut zu bringen. Das ist oft so kompliziert, daß es allein Sie mit Ihrem Erfahrungshintergrund schon überfordern könnte. Maßgeblich für eine Einschätzung dieses Aspektes ist nicht die von freundschaftlichen, euphorischen Gefühlen der Gesellschafter geprägte Harmonie in der Gründungsphase, sondern denkbare bitterböse Auseinandersetzungen in dem Gremium, wenn Verluste auszugleichen sind, persönliche Ressentiments durchschlagen o. ä.

 

2. Das Angebot schneit Ihnen ins Haus, rein zufällig. Alle Angebote dieser Art sind grundsätzlich „verdächtig“ (aber natürlich ist nicht jeder Verdächtige auch schuldig). Das Prinzip: Jedes plötzlich und ohne eigene Initiative auftauchende Angebot ist gut – für den, der es macht. Der, an den es sich richtet, muß es ebenso mißtrauisch prüfen wie das die Haus-frau/der Hausmann (ich lerne dazu – und sei es etwas über den „Untergang des Abendlandes“) beim Angebot des türklingelnden Staubsaugervertreters tun müßte. Merke: Plötzlich und zufällig hereinkommende „Ge-schenke“, die das Leben macht, sind höchst selten wirklich solche – allein die Wahrscheinlichkeit steht dagegen.

 

3. Natürlich könnten Sie scheitern, das kann man immer. Allein davon sollten Sie sich nicht abschrecken lassen. Im Normalfall wird man allerdings Geschäftsführer, wenn man die Funktionen in dem jeweiligen Metier (geprägt u. a. durch Branche, Firmenzweck, Größenordnung etc.) auf der Ebene darunter mehrere Jahre lang erfolgreich ausgeführt hat. Das ist bei Ihnen nicht der Fall, also ist bei Ihnen das Risiko des Scheiterns besonders hoch!

 

4. Die Betriebswirtschaft ist zwar wichtig, für intelligente, lernwillige Leute aber auch kein Hexenwerk. Plump gesagt: Solange Sie a) am Jahresende mehr eingenommen als ausgegeben haben und b) die Gewinnanteile der Gesellschafter ein paar Prozent höher sind als die Zinsen für das von ihnen eingesetzte Kapital es wären, hätten sie ihr Geld auf die Bank gebracht, ist schon viel geschafft. Den Rest lernt man. Sie sollten sich ausbedingen, daß Sie sich von einem leistungsfähigen Wirtschaftsprüfer/Steuerberater bei den Details helfen lassen dürften. Sonst gehen Sie unter – allein was die diversen steuerlichen Vorschriften angeht (die Sie, z. T. monatlich, zu erfüllen haben).

 

5. Zentrales Argument ist nicht, ob man in einer neuen Position scheitern kann – sondern wie man auf dem Markt dasteht, wenn dieses Risiko „greift“. Dann nämlich ist die bisherige Berufslaufbahn das „Netz“, das unter dem „Drahtseil“ der neuen Position aufgespannt ist und Sie gegebenenfalls auffängt. In Ihrem Fall gibt es dieses Netz praktisch nicht, es besteht nur aus „Löchern“:

a) Es gilt der Grundsatz: Einmal Geschäftsführer, immer Geschäftsführer. Nach etwa sechs bis achtzehn Monaten im neuen Job (kritische Phase) könnten Sie extern aber weder eine neue GF-Position erringen, noch wollte jemand diesen gescheiterten, aber nun Rang und Befehlsgewalt gewohnten GF für eine andere Position haben.

b) Welche Art von externer Position käme nach einer solchen Firmenleitung rein fachlich/sachlich überhaupt für Sie in Frage, unabhängig von der GF-Problematik? „Kommerzielle F + E für Dritte auf einem engen Fachgebiet“ – das als zentraler Erfahrungswert läßt sich nur schwer vermarkten. Lesen Sie in den Stellenangeboten öfter einmal etwas in dieser Art? Als Basis für klassische Laufbahnen eignet sich das sicher nur bedingt. Aus Ihrer heutigen Aufgabe heraus und mit Ihren derzeitigen Ansprüchen jedoch müßte sich ein Absprung in andere Unternehmen noch machen lassen.

 

Fazit: Ich bin bei der bisher dargestellten Konstellation ziemlich skeptisch. Einem hohen Risiko stehen nur geringe Chancen gegenüber.

Daher würde ich raten, entweder jetzt extern zu wechseln oder etwas anderes zu erwägen: Sie übernehmen bei der Gründung selbst Firmenanteile, die Sie nach und nach mit nicht ausbezahlten Tantiemeansprüchen abgelten (ein erfahrener Anwalt sollte das hinbekommen). Wenn Sie dann noch vereinbaren können, daß Sie Ihre Anteile langfristig weiter aufstocken dürfen, könnte hier die Keimzelle einer langfristigen unternehmerischen Existenz liegen. Auch da bleibt das Risiko hoch – aber wenigstens sind es dann auch die Chancen. Und: „zufällig“ und „hereingeschneit“ sind „verdächtige“ Attribute bei der Laufbahnplanung von Angestellten – aber „tägliches Brot“ im Alltag des Unternehmers. Das ist auch erklärlich: Der Angestellte muß sich später vor Arbeitgebern und Bewerbungsempfängern rechtfertigen. Der selbständige Unternehmer braucht „nur“ wirtschaftlichen Erfolg; überzeugende Strategien gehabt zu haben, ist ihm im Falle des Erfolges nicht weiter wichtig – und interessiert bei Mißerfolgen nicht mehr.

Tut sich hier also eine Möglichkeit auf, bei der der Angestellte in Ihnen nein sagen müßte, der künftige Unternehmer jedoch ja sagen dürfte?

Kurzantwort:

Der allzu frühe Aufstieg in Top-Positionen kann einen Werdegang ebenso empfindlich schädigen wie das zu lange Verharren in nichtführenden Funktionen. Und: Für unternehmerisches Tun gelten andere Gesetze als für eine Angestelltenlaufbahn.

Frage-Nr.: 1371
Nummer der VDI nachrichten Ausgabe: 10
Datum der VDI nachrichten Ausgabe: 1999-03-12

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