Heiko Mell

„Ingenieurmäßig“ – gibt‘s das?

Ingenieurmäßig Arbeiten: Was heißt das eigentlich genau? Heiko Mell klärt auf.

Heiko Mell

Frage:

Ich bin schon seit vielen Jahren VDI-Mitglied und lese begeistert Ihre Karriereberatung und Ihre Aufbereitung und Analysen der verschiedenen Themen in den VDI nachrichten. Es würde mich freuen, wenn Sie die Begriffe „ingenieurmäßiges Arbeiten“, „ingenieurmäßige Skizzen“ mit Ihrer üblichen Genauigkeit für die Leser, für Studierende und für alle Interessierten von der inhaltlichen und sprachlichen Seite betrachten würden.

Im Umfeld meiner Tätigkeit als Lehrkraft im Fachbereich Ingenieurwissenschaft an einer Hochschule wurden diese Begriffe ständig verwendet, ohne sie weiter zu beleuchten. Leider habe ich zu dem Begriff „ingenieurmäßig“ keine belastbaren und eindeutigen Definitionen und Informationen gefunden. Ich freue mich schon auf Ihre Antwort.

Antwort:

Seine Hochzeit hat der Begriff schon hinter sich. In den 70er-Jahren des vorigen Jahrhunderts tauchten die ersten jungen Ingenieure als Bewerber auf, die darauf bestanden, ausschließlich „ingenieurmäßig“ arbeiten – und z. B. keine Karriere machen zu wollen. Denn, so argumentierten sie, ein Abteilungsleiter werde ja mit Verwaltungsarbeiten zugeworfen und könne gar nicht mehr ausbildungsgerecht tätig werden. Diese Art der Argumentation, die Sie nie von einem Dipl.-Kaufmann zu hören bekamen, ist inzwischen seltener geworden.

Weiten wir das Thema etwas aus: Es gibt neben Ingenieuren u. a. auch noch Anwälte, Bäcker, Ärzte und Lehrer. Arbeiten die etwa „anwaltsmäßig“, „bäckermäßig“, „ärztemäßig“ oder „lehrermäßig“? Wir sehen: Die Kombination von Berufsbezeichnung und angehängtem „mäßig“ taugt überhaupt nichts, ist absoluter Unfug. Ich beantworte Ihre Frage also so: Sie finden keine befriedigende Definition des Begriffs, weil das Wort eine eher alberne oder unzulässige Hintertreppenkonstruktion ist, über die man besser nicht weiter nachdenkt.

Zum Glück haben Sie nicht gefragt, was man statt dieses Wortes sagen sollte, wenn man ausdrücken will, was damit halt gemeint sein dürfte. „Gemäß den Regeln der Ingenieurwissenschaften“ wäre vielleicht weniger falsch, aber unpraktikabel gestelzt. „Ingenieurgerecht“ könnte vielleicht gerade noch angehen, selbst „ingenieurgemäß“ wäre noch etwas besser als „ingenieurmäßig“.

Schauen wir doch auch hier, was bei vergleichbarem Anspruch an die Aussage die anderen Berufsvertreter sagen: „Juristisch korrekt“ oder „anwaltlich vertretbar“ mag für Anwälte gelten oder „handwerklich einwandfrei“ für Bäcker, die Ärzte würden sich auf „medizinisch“ oder „ethisch“ konzentrieren und die Lehrer führten wohl „pädagogisch“ an. Bliebe also irgendeine Wortkombination mit „technisch“ für Ingenieure.

Aber jede Kombination mit „mäßig“ ist meines Erachtens hier nicht akzeptabel. Da fällt mir noch ein abschließendes und abschreckendes Beispiel ein: Recht nahe bei den Ingenieuren stehen manche Physiker (ich weiß um die Brisanz dieser Aussage, aber ich kenne auch die Art, wie der Arbeitsmarkt damit umgeht). „Physikermäßig“ hat noch niemand von denen tätig sein wollen.

Ich finde also, wir sollten von den anderen genannten Berufen lernen. Und „mäßig“ in Verbindung mit unserer Passion eher meiden. Es klingt so „mittelmäßig“. Im Duden übrigens findet sich „ingenieurmäßig“ nicht – auch das ist ein ganz schlechtes Zeichen.

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  • Heiko Mell

    Heiko Mell ist ein deutscher Personalberater, Buchautor und freier Mitarbeiter der VDI nachrichten. Er verantwortet die Serie Karriereberatung innerhalb der VDI nachrichten.

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